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Eva Frank
Eva Frank © Aus Stadtarchiv der Stadt Offenbach
Offenbachs Zukunft lag im Nebel, als der Kalender von 1814 auf 1815 wechselte. Den deutschen Ländern war die Befreiung von der napoleonischen Herrschaft geglückt; der französische Imperator saß auf der Insel Elba im Exil. In Wien zeichnete der Kongress der Sieger die deutsche Landkarte neu; das Fürstentum Isenburg mit seiner Residenzstadt Offenbach lag im Sterben.

Man raunte einander zu, die 6000-Einwohner-Stadt werde womöglich bayerisch werden. Es sickerte etwas durch von dem Geheimvertrag, mit dem das Kaiserreich Österreich am 3. Juni 1814 den Bayern das gesamte Rhein-Main-Gebiet versprochen hatte, obwohl die Bayern kurz zuvor noch treue Vasallen des Franzosen gewesen waren. Aber ihnen war halt der Frontwechsel schneller und überzeugender gelungen als dem Isenburger Fürsten.

 

Gespannt verfolgten die Bürger, wie in Wien Landesgrenzen hin und her geschoben wurden. Bayern hatte sich schon die vorher preußischen Städte Ansbach und Bayreuth gesichert und dazu Nürnberg und Augsburg erhalten. Preußen hatte sich mit Köln, Trier und Aachen im Rheinland festgesetzt. Offenbach indes blieb noch ein Ball im Spiel der Mächtigen.

 

In der Stadt lag seit November 1813 eine zunächst feindselige Besatzung, auch mit russischen Kosaken, denen man besser aus dem Wege ging. Unterstellt war die Verwaltung dieses Gemeinwesens einer „Zentralverwaltungsdeputation“ unter österreichischer Führung. Quälend drückte die Offenbacher eine Schuldenlast aus den Kriegen der jüngsten Vergangenheit, und nun mussten sie auch diese Besatzung finanzieren.

 

Es brachte keinen Glanz, dass mit den ersten Besatzungstruppen auch der russische Zar Alexander I. an der Ecke Kaiserstraße und Große Marktstraße für ein paar Stunden aus dem Sattel gestiegen war. Er besuchte die dort lebende Eva Frank, die Tochter des 1791 verstorbenen schillernden Sektenbarons Jakob Frank.

 

Während es 1814 noch aussah, als werde aus Offenbach eine bayerische Stadt, sah es sich 1815 plötzlich auf dem Weg ins Kaiserreich Österreich. Am 9. Juni 1815 unterstellte der Wiener Kongress das Fürstentum Isenburg dem österreichischen Kaiser. Ein Jahr lang blieb er der Landesherr der Offenbacher. Dann, im Juni 1816, unterzeichnete Kaiser Franz einen Vertrag, der Offenbach und Teile des Fürstentums Isenburg dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt übereignete. Einen Rest erhielt Hessen-Kassel. Den Fürsten Isenburg verblieben jedoch ihre Liegenschaften als Privatbesitz, darunter das Offenbacher Schloss.

 

Am 8. Juli 1816 ging in Offenbach die kaiserliche Urkunde ein, mit der die Bürger angewiesen wurden, wieder einmal einem neuen Landesherrn zu huldigen. Und das war, zu Münchens Frust, kein Bayer. Auf lange Sicht ist den Offenbachern dieser Wechsel nicht schlecht bekommen. Die Stadt entwickelte sich zum zentralen Industrie-Standort des Großherzogtums. In den hundert Jahren nach 1815 sollte sich ihre Einwohnerzahl verzehnfachen: von rund 6000 auf mehr als 60 000.

                                                                                                            Lothar R. Braun