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Bestand Stadtarchiv Offenbach
Über dem rechten Durchgang wurde das Holz des Galgens verbaut © Bestand Stadtarchiv Offenbach
Nichts erinnert mehr im Bereich der Kreuzung der Schäferstraße mit der Hermannstraße an die grausamen Hinrichtungen, die bis ins 19. Jahrhundert an diesem Ort erfolgten.

Nur wenige der Menschen, die heute in dieser Gegend nahe dem Hauptbahnhof leben, wissen, dass hier einst auf den Wiesen, auf denen später die ehemalige Schäfer‘sche Wachstuchfabrik erbaut wurde, der Offenbacher Galgen stand. "Der Rabenstein" hieß einst die Offenbacher Hinrichtungsstätte.

Die Flur, auf der er weithin sichtbar hingestellt wurde, wurde von den Offenbachern "In den Sümpfen" genannt. Das Tor in der Stadtmauer in der Höhe des Marktplatzes, das die Verurteilten auf ihrem "letzten Gang" passieren mussten, war dem Volksmund als "Galgentor" bekannt. Wahrscheinlich wurde der Galgen im Jahr 1557 unter der Herrschaft der Isenburger Grafen errichtet .

Vor genau 175 Jahren, also 1827, wurden die drei Säulen, auf denen Querbalken lagen, abgerissen. Bereits vor 190 Jahren, anno 1812, wurde der Galgen zum letzten Mal bestimmungsgemäß genutzt. Das berüchtigte Räuber- und Mörderpaar, die Brüder Konrad und Johannes Werner, das die Gegend vom Main bis zum Odenwald unsicher machte, sollte exekutiert werden. Am Galgen wurde aber nur Konrad ins Jenseits befördert. Sein Bruder hatte sich in der Nacht vor der Hinrichtung in seiner Zelle im Gefängnis am Schloßplatz erhängt. Der Schinderknecht wickelte ihn am nächsten Morgen in eine Kuhhaut ein, transportierte ihn im Karren zum Rabenstein und verscharrte ihn unter dem Galgen.

Johannes fürchtete, wohl zurecht, das öffentliche Spektakel am Ort der Hinrichtung. "Alles, was Beine hatte", so wurde berichtet, "fand sich ein", um die aus heutiger Sicht abscheuliche Zeremonie zu verfolgen. Und man kann sich gut vorstellen, dass dort, wo viele Menschen sind, einst fliegende Händler und Gaukler für ein makaberes Begleitprogramm sorgten. In Offenbach arbeitete im Jahr 1812 kein Henker mehr. So musste der Scharfrichter Hofmann aus Frankfurt kommen, um die blutige Arbeit zu erledigen.

Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach
Haus des Offenbacher Scharfrichters © Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach

Nach 1812 wurde die Todesstrafe in Offenbach nicht mehr vollstreckt. Die Anlage war entbehrlich geworden. In einem Bericht des damaligen Landrichters Strecker hieß es, dass der Galgen nutzloses Überbleibsel sei, das den Schönheitssinn verletze und Ärgernis errege. Freilich ließ sich sein Material, die drei 16 Fuß (etwa vier Meter) hohen Holzsäulen, und seine drei 18 Fuß langen Querbalken, an denen zwei Hinrichtungen zeitgleich möglich waren, gut vermarkten. Im Offenbacher Frage- und Anzeigenblatt vom 12. Januar 1827 ist die Anlage zur Auktion ausgeschrieben. Die Steinquader und Balken ersteigerte ein Johann Phillipp Holzmann, der das Frankfurter Baugeschäft Holzmann und Kompanie gründete, ein Unternehmen, das sich im 20. Jahrhundert zum Weltkonzern entwickeln sollte, später aber einen Insolvenzantrag stellen musste. Holzmann zahlte 35 Gulden und 30 Kreuzer für das Material. Der Kostenvoranschlag des Maurermeisters Beck für den Abruch belief sich auf 24 Gulden.

Holzmann stützte mit dem langen, runden Holz das Obergeschoss des von ihm errichteten Hinterhauses in der Geleitsstraße 30. Die erste Etage überragte, wie in Gebäuden aus jener Zeit üblich, horizontal das Erdgeschoss. Die Sage berichtet freilich auch, dass sich manch alter Offenbacher vor dem Abruch des Galgens einen Span aus dem Holz geschnitten habe. Ob als Glücksbringer, Souvenir oder grauselige Devotionalie möge der Phantasie des Lesers heute überlassen bleiben. Der Abbruch des alten Galgens ist ebenso wie viele andere Entwicklungen und Details der lokalen Geschichte im Offenbacher Stadtarchiv, Herrnstraße 61, dokumentiert. Text Stadt Offenbach

Galgen der Stadt Hanau im Wald zwischen Hanau und Lämmerspiel
Galgen der Stadt Hanau im Wald zwischen Hanau und Lämmerspiel © Magistrat der Stadt Offenbach - Foto Matthias Müller