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1902 gab die landgräfliche Familie ihre Residenz in Rumpenheim auf und verlegte ihren Wohnsitz in das vom preußischen Staat erlangte Schloss Friedrichhof in Kronberg im Taunus. Dort wuchs der letzte Chef des hessischen Landgrafenhauses auf, der noch in Rumpenheim geboren wurde und dort seine frühe Kindheit erlebte: Prinz Philipp, 1896 geboren. In den Geschichtsbüchern lebt er fort als eine schillernde Persönlichkeit. Auf jeden Fall war er einer der auffallendsten Rumpenheimer, die es je gab.

Der Urenkel der britischen Königin Victoria, Neffe Kaiser Wilhelms II. und Schwiegersohn des italienischen Königs Victor Emanuel III. stand den Nationalsozialisten als blaublütiges Aushängeschild zur Verfügung. Seit 1924 mit dem späteren Reichsmarschall Hermann Göring befreundet, trat er bereits 1930 der NSDAP bei.

In der braun uniformierten SA erlangte er den hohen Rang eines Gruppenführers. Adolf Hitler schätzte ihn als kunstgeschichtlichen Berater. Auch als Philipp bereits in Ungnade gefallen war, hielt Hitler ihn in seiner Nähe. Der Prinz war Gast im „Führerhauptquartier“, als man ihn 1943 verhaftete und als „Sonderhäftling des Führers“ in ein Konzentrationslager einlieferte.

Befreit haben ihn die vorrückenden Amerikaner. Doch sie nahmen ihn wieder fest, als durchgesickert war, um wen es sich bei dem Befreiten handelte. Zuletzt, bis 1947, war er in einem Internierungslager in Darmstadt inhaftiert. Philipp, der seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1940 den Traditionstitel „Landgraf von Hessen“ führen konnte, starb 1980 in Rom. Seine Ehefrau Mafalda, die Tochter des Königs von Italien, kam 1944 im Konzentrationslager Buchenwald ums Leben. Sie war dort unter dem Decknamen „Frau Weber“ geführt worden.

Noch aber war der Prinz ein angesehener Nationalsozialist, als ihn Hermann Göring 1933 zum Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hessen-Nassau mit dem Amtssitz Kassel berief. Dabei war ihm Verwaltungsarbeit völlig fremd. Studiert hatte er Kunstgeschichte und Architektur, wenngleich ohne Abschluss. Gefeiert wurde die Ernennung denn auch nicht in Kassel, sondern anderntags in Berlin bei Adolf Hitler. Auch in der Folgezeit sah man Philipp in Kassel kaum häufiger als in der italienischen Heimat seiner Ehefrau.

Dort stellte er die ersten Kontakte zwischen Hitler und dem italienischen Diktator Benito Mussolini her. Immer mehr übernahm der Vertraute des „Führers“ am Auswärtigen Amt vorbei diplomatische Missionen in Rom. Doch als der italienische König im Kriegsjahr 1943 Mussolini fallen ließ und Kontakte zu den Alliierten knüpfte, sank auch der Stern des Prinzen aus Rumpenheim. Er wurde des Hochverrats verdächtig und verlor auch sein Amt als Oberpräsident in Kassel. 1944 wurde die Provinz Hessen-Nassau geteilt in das nördliche Kurhessen und Nassau mit dem Rhein-Main-Gebiet im Süden. Aus dem Süden wollte man nach Kriegsende einen „Reichsgau Rhein-Main“ machen, zu dem auch Darmstadt gehören würde.

Als der letzte Landgraf aus Rumpenheim 1980 starb, erbte sein 1926 in Italien geborener Sohn Moritz die Cheffunktion im Haus Hessen-Kassel-Rumpenheim. Unter Moritz verbanden sich dann die Kassel-Rumpenheimer und die Darmstädter Traditionen wieder zu einer Einheit, 400 Jahre nach der Teilung der alten Landgrafschaft Hessen. Mit Rumpenheim unterhält Landgraf Moritz zwar noch gelegentlich Kontakte. Mit dem Schloss aber hat er nichts mehr zu tun. 1965 hat die Hessische Hausstiftung es samt dem Park an die Stadt Offenbach verkauft. Die Schlossbewohner von heute sind bürgerliche Wohnungseigentümer.

Lothar R. Braun