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Schiffsbrücke
© Fritz Bamberger, Stadtarchiv Offenbach
Politisch waren die Jahre zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Zeit des Umbruchs: Nach der Niederlage Napoleons beim Wiener Kongress wurde Offenbach 1815 an Österreich angeschlossen, das die Stadt mit seinen damals rund 6.000 Einwohnern schon nach einem Jahr an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt weiterreichte. Der neue Herrscher, Großherzog Ludwig I., erkannte sehr schnell, dass die kleine Stadt Offenbach mit seinen erfolgreichen Manufakturen und Unternehmen sich zur boomenden Industriestadt entwickeln könnte. Allerdings waren zur Ansiedlung neuer Betriebe gute Verkehrsverbindungen für den Handel sowie eine liberale Wirtschaftsordnung notwendig. Ludwig I. verstand, dass er zunächst eine Alternative für den teuren Umweg der Händler und Lieferanten über die Alte Brücke in Frankfurt schaffen musste.

Nach langen Verhandlungen der „Ministerien für Auswärtige Angelegenheiten“ der beiden Fürstenhäuser stand 1818 das Übereinkommen: Den Bau einer Brücke über den Main und die Anlage einer möglichst direkten Nord-Süd-Straßenverbindung von der hessen-darmstädtischen Provinz Oberhessen durch das Kurfürstentum Hessen-Kassel zur Brücke und von dort nach Offenbach und Darmstadt. Damit wurden viele weitere wichtige Handelsrouten etwa in Vilbel und Darmstadt an die neue, günstige Direktverbindung angeschlossen. Zudem erließ Ludwig I. die Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit sowie viele Steuervorteile für Hausbesitzer und Unternehmer. Während in Frankfurt die Zünfte das Handwerk strengstens reglementierten, waren Produzenten in Offenbach davon frei. Das alles beförderte Handel und Wirtschaft nach der Eröffnung der Brücke in gewaltigem Ausmaß.

Doch der damals noch nicht begradigte Fluss machte den Brückenbau zum Risikoprojekt: Hochwasser verhinderte den Übergang und konnte das Bauwerk ebenso schwer schädigen wie lange Phasen sehr niedriger Wasserstände. Doch das mit dem Bau beauftragte, großherzogliche Bauamt in Mainz plante schnell und akkurat. Aus drei möglichen Standorten – an der Schlossstraße, an der heutigen Speyerstraße sowie an der Stelle der heutigen Carl-Ulrich-Brücke - entschieden sich die Verantwortlichen für den Brückenbau am Schloss. Denn hier war der Verlauf des Mains damals deutlich enger als an den anderen möglichen Standorten, die hölzernen Brückenpfeiler fanden sicheren Untergrund.

Zuvor kalkulierten die Planer des Großherzogs im Jahr 1818 alle Varianten eines Übergangs samt Vor- und Nachteilen: Eine vollständig aus Stein errichtete Brücke hätte mindestens 550.000 Gulden gekostet, das sind heute umgerechnet rund 8,7 Millionen Euro. Dazu wären zeitaufwendige Verhandlungen und weitere Kosten hinzu gekommen, denn für die Errichtung der Zufahrten hätten auf beiden Seiten Grundstücke gekauft werden müssen. Auch eine Holzbrücke mit Steinpfeilern ließen die Experten kalkulieren: Sie wurde auf 375.000 Gulden veranschlagt, umgerechnet 5,92 Millionen Euro. Für die dritte Variante, die Schiffsbrücke, ließ man eine Kettenkonstruktion an der Offenbacher Seite konzipieren, um den Übergang auch bei unterschiedlich hohen Wasserständen möglich zu machen. Sie war von zwei Brückenwärtern einfach zu bedienen. Die Schiffsbrücke benötigte zudem nur wenige Grundstücke für den Bau. Hier lag die Kalkulation bei nur 46.500 Gulden.

Dazu hatten die Planer auch den genauen Tiefenverlauf des Mains am Schloss sowie die dortigen Hochwasserstände der vergangenen Jahrzehnte gemessen und in die Planung einbezogen. Die Kombination aus sehr schnellem Bau, günstigen Kosten und der Nutzung auch bei unterschiedlichen Wasserständen überzeugten die Planer am engen Übergang nahe des Schlosses – auch wenn ihnen klar war, dass die Schiffsbrücke beim Hochwasser im Frühjahr und Winter nicht nutzbar sein würde. Einige Monate nach der Eröffnung standen die Kosten des Brückenbaus fest: Sie lagen mit 65.075 Gulden, heute rund 1,33 Millionen Euro, fast 50 Prozent über der Kalkulation.

Am 3. Juni 1819, zum Geburtstag von Großherzog Ludwig I., wurde die Schiffsbrücke mit einem großen Festakt eröffnet. Mit Flaggen geschmückte Nachen kreisten um die Brücke, die Regimenter der beiden Fürstentümer waren aufmarschiert, Musikcorps spielten und Böllerschüsse ertönten. Hunderte Menschen jubelten und stürmten nach der Öffnung auf die Brücke, während die Ehrengäste im nahen Offenbacher Schauspielhaus ein üppiges Menü zu sich nahmen.

Schiffsbrücke Fritz Bamberger, Stadtarchiv Offenbach
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