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Stadtarchiv Stadt Offenbach
Schlossers Garten um 1880 © Stadtarchiv Stadt Offenbach
Ein paar Bäume, etwas Grün. Hunde schnüffeln nach dem Duft von gestern. Auf dem Bolzplatz balgen Buben. Nichts verrät, wie nahe man dem Main ist, den Schiffen und den Wasservögeln. Die Fußgänger-Passage zwischen Mainstraße und Kirchgasse trägt das Etikett „d’Orville-Park“. Sie ist der Rest eines Ortes, der einmal dem gesellschaftlichen Leben der Stadt einen Salon bot. Er gleicht einer Bettlerin, von der nur noch wenige wissen, dass sie einmal eine umschwärmte Prinzessin war.

Der Grünzug hatte schon etliche Namen. „Stadtgarten“ hieß er für einige Zeit, auch schon mal „Aktiengarten“, weil er einer Aktiengesellschaft gehörte. Als das Vaterland heldischer Vorbilder bedurfte, damals unter dem Hakenkreuz, trug er den Namen „Admiral-Schmidt-Park“. Das ehrte einen forschen Seehelden, dem wohl einzigen aus Offenbach. 1945 hat man ihm die Ehre entzogen. Da waren Helden nicht mehr vonnöten.

Die Buben auf dem Bolzplatz treten den Ball an einer Stelle, die einst Bälle in anderem Sinne sah. An der Kirchgasse, nahe der Schlosskirche, stand seit 1792 das „Komödienhaus“, das Offenbacher Theater. Es erlebte nicht nur die Gastspiele reisender Ensembles und gut besuchte Konzerte, immerhin sogar mit dem Weltgeiger Paganini. Berühmt waren die Bälle und Redouten, die dort veranstaltet wurden. Sie seien, schrieb 1879 der Heimatforscher Emil Pirazzi, „sogar von ersten Frankfurter Familien“ besucht worden.

Mainwärts schloss daran der Schlossgarten an, der aber keineswegs als Lust-, sondern als Nutzgarten unterhalten wurde. Das Schlosspersonal erntete dort Gemüse und Früchte für die herrschaftliche Küche.1817, als Fürst Isenburg ein privater Bürger geworden war, nur noch in Birstein residierte, das Interesse an Offenbach verlor und vermutlich auch Geld benötigte, 1817 also kaufte der Johann Heinrich Schlosser das Areal. Er war ein umtriebiger Zuwanderer aus Friesland, ein Uhrmacher, dann Kellermeister und zuletzt Hausverwalter im „Komödienhaus“. Schlosser arrondierte den Schlossgarten mit anliegenden Gärten und eröffnete darin ein Restaurant, die erste Gartenwirtschaft in der Stadt.

Ihre Terrasse grenzte direkt an den Main, der damals noch bis über die heutige Mainstraße plätscherte.

Stadtarchiv der Stadt Offenbach
Einladung in Schlossers Garten © Stadtarchiv der Stadt Offenbach
Bald konnte Schlosser den Theaterbau hinzu mieten, 1843 hat sein Sohn Gustav das Theater auch kaufen können. Als „Schlossers Liegenschaften“ wurde daraus das angesehenste Etablissement der Stadt. Dabei blieb es auch noch, als der Gründersohn 1866 verkaufte. Nur um der Stadt dieses Juwel zu erhalten, gründete sich eine Aktengesellschaft aus wohlhabenden Bürgern, die den Betrieb fortführte. Für die Grünanlagen erfand der Volksmund den Namen „Aktiengarten“.

Das Anwesen wurde zum Schauplatz für alles, was fein sein sollte, aber auch ein Treffpunkt für einfachere Leute. Zu Kaisers Geburtstag dinierten dort die Offiziere der Garnison mit den zivilen Honoratioren. Orden glänzten, gebürstete Bärte funkelten im Schein der Kerzen. Die Regimentskapelle konzertierte im Freien und im Saal. Bei gutem Wetter flitzten die Kellner über die Terrasse zum Bedienen von Familien. An festlichen Abenden spiegelte der Fluss die Illuminationen wie Silberschmuck.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts indes überstürzten sich die Veränderungen. Der Main rückte fort. 1890 begannen die Arbeiten zur Neugestaltung des Mainufers. Zwischen den alten Maingärten und dem Fluss entstanden die Mainstraße, der Damm und das Vorgelände. Schlossers Terrasse lag nicht mehr am Ufer. Auch aus anderen Gründen geriet die Aktiengesellschaft ins Wanken.

1902 stand das Anwesen zur Versteigerung, und die Stadt griff zu.
Bestand Stadtarchiv
Sommerfest in Schlossers Garten © Bestand Stadtarchiv
Sie führte den Betrieb unter dem Namen „Offenbacher Theater und Stadtgarten“. Aber nicht lange. Was von „Schlossers Liegenschaften“ noch geblieben war, fiel im Dezember 1934 unter die Spitzhacke, und der Stadtgarten erhielt den Namen „Admiral-Schmidt-Park“. Den hat er aber auch nicht lange getragen.

Von Lothar R. Braun.

Erschienen in der OFFENBACH POST