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Stadt Offenbach (Foto Matthias Müller)
Ein Kleinod in der Fußgängerzone © Stadt Offenbach (Foto Matthias Müller)
In Hessen gibt es nur wenige Buchhandlungen, die älter sind als die Th. Steinmetz’sche Buchhandlung in Offenbach. Eindeutig den Rang der ältesten kann sie im Rhein-Main-Gebiet beanspruchen: 175 Jahre feierte die Buchhandlung im Mai 2010 im Bücherturm der Stadtbibliothek.

Den Namen des aus Büdingen stammenden Buchhändlers Theodor Steinmetz trägt das Unternehmen freilich erst seit 1863. Gegründet wurde es 1835 von dem Offenbacher Clemens Wächtershäuser, damals noch an der Ecke Frankfurter Straße und Herrnstraße. Steinmetz hatte es zwar schon 1848 erworben, zunächst aber noch weiter unter dem Namen des Gründer-Nachfolgers Heinemann geführt

Bei dem neuen Namen blieb es dann jedoch, als Steinmetz 1890 gestorben war und abermals ein neuer Inhaber auftrat. Ihm wurde 1891 die Ehre zuteil, den Titel Großherzoglich Hessische Hofbuchhandlung führen zu dürfen. Fünf Jahre später geruhte auch das Fürstliche Haus Isenburg-Birstein, dem Offenbacher Buchhändler den Titel Hofbuchhandlung zu verleihen, samt dem Recht zur Nutzung des fürstlichen Wappens. Die Isenburger waren zwar schon seit 80 Jahren nicht mehr die Landesherren, aber sie verfügten noch über ein Hofmarschallamt und über das Recht, Titel zu verleihen.

Zu dieser Zeit taucht in der Firmenchronik bereits der Name Franck auf. Alfred Franck ist Teilhaber, dann alleiniger Inhaber. 1937 überlässt er das Geschäft seinem Sohn Lothar, der wiederum es später an Helma Fischer übergibt.

Als Lothar Franck Inhaber wird, ist der Gründungs-Standort bereits verlassen. Die Buchhandlung ist an den jetzigen Standort in der Frankfurter Straße gerückt. Und dort geht sie im Kriegsjahr 1944 unter. Im Reservelazarett Usingen erhält der Unteroffizier Lothar Franck eine Postkarte aus Offenbach, auf der Kollege Gerhard Ausleger mitteilt: „Geschäft und Haus restlos und ohne jede Rettungsmöglichkeit niedergebrannt. Meine Wohnung beschädigt erhalten. Dort finden Sie mich“. Alliierte Fliegerbomben hatten Offenbacher Straßen in Trümmer-Landschaften verwandelt. Erst 1950 kann Franck wieder eröffnen.

Etwa 9000 Einwohner zählte die Stadt bei der Gründung des Unternehmens. Zwar hatte sie 1816 ihren Status als Regierungssitz und fürstliche Residenz durch Eingliederung in das hessen-darmstädtische Großherzogtum verloren. Doch seit 1828 hatten ihr die politischen Verhältnisse einen mächtigen Aufschwung geschenkt, sogar eine erfolgreiche Konkurrenz zur siechenden Frankfurter Messe. 1835 ging das zu Ende, noch aber gab es in Offenbach ein an Literatur interessiertes Publikum.

Was es gelesen hat, wissen wir aus einer Anzeige, die 1835 im „Wochenblatt für die Stadt und den Kreis Offenbach“ erschien, einem Vorläufer der Offenbach-Post. Angezeigt werden Werke der Klassiker Gottfried Seume, August Bürger, Victor Hugo und Friedrich Schiller, aber auch Sachbücher, Wörterbücher, religiöse Schriften, Ratgeber und Handbücher für die berufliche Praxis.

Die Bedürfnisse der Buchhandels-Kundschaft haben sich, wie es scheint, seit 175 Jahren nur unwesentlich verändert. Dabei wird es, aller Elektronik zum Trotz, wohl auch bleiben.. Dessen ist sich Helma Fischer gewiss. Sie hat beobachtet, wie das Internet gemeinhin genutzt wird: „Man sucht den gewünschten Text, und wenn man ihn hat, was geschieht dann? Man druckt ihn aus, setzt sich in den Sessel und liest vom Papier“.

Natürlich verkauft sie auch die mit immer neuen Titeln erscheinenden Hörbücher. Aber auch sie hätten dem Lese-Buch noch nicht geschadet, sagt Helma Fischer. „Hörbücher“, meint sie, „verschaffen Sehbehinderten einen wertvollen Zugang. Von Nichtbehinderten aber werden sie vornehmlich im Auto oder auf der Bahnreise genutzt. Sie ergänzen das gedruckte Buch, sie ersetzen es nicht“.

In Offenbach erlebt Helma Fischer „ein sehr engagiertes Lesepublikum“, das kundig mit hoher Literatur umgeht und anspruchsvoll mit der leichteren. Das gefällt der erfahrenen Buchhändlerin. Denn, so meint sie: „Es gibt Krimis, die sind gute Literatur, und es gibt schöngeistige Romane, die sind Schund“.

Von Lothar R. Braun
veröffentlicht in der OFFENBACH POST

 

Stadt Offenbach (Foto Matthias Müller)
Ein Blick ins Schaufenster © Stadt Offenbach (Foto Matthias Müller)