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Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang von Goethe © Stadtarchiv der Stadt Offenbach
Die Goethezeit besitzt für Offenbach eine besondere Bedeutung. Allseits bekannt sind die Eskapaden, die Goethe und Lili Schönemann in der einstmals ländlichen Stadt am Main erlebten. Die befreundeten Häuser der André, Bernard oder d’Orville waren Treffpunkt bedeutender Persönlichkeiten, so weilte Mozart hier.

Viele Anekdoten ranken sich auch um Sophie La Roche, Deutschlands erste Romanschriftstellerin, die im Jahr 1786 ihren Wohnsitz in der Offenbacher Domstraße nahm. Auch deren Enkel Clemens und Bettina Brentano, die oftmals die beschauliche Gartenstadt vor den Toren Frankfurts besuchten, gingen in die Literaturgeschichte ein. Daß Goethe jedoch – als vierzehnjähriger, frühreifer Dichterjüngling – bereits im Mai 1764 in Berührung mit Offenbach kam und eine klägliche Abfuhr erhielt, ist nahezu unbekannt. Goethe hatte sich bei Ysenburg von Buri, dem siebzehnjährigen Vorsitzenden des literarischen Geheimclubs "Arcadische Gesellschaft zu Phylandria", um Aufnahme beworben.

Goethes ältester erhaltener Brief, in jenem ereignisreichen Mai 1764 an Ysenburg von Buri gerichtet, enthält die früheste, überaus aufschlußreiche Selbstcharakteristik des Dichters: "Einer meiner haupt Mängel, ist, dass ich etwas hefftig bin. Sie kennen ja die cholerischen Temperamente, hingegen vergisst niemand leichter eine Beleidigung als ich. Ferner bin ich sehr an das Befehlen gewohnt, doch wo ich nichts zu sagen habe, da kann ich es bleiben lassen. Ich will mich aber gerne unter ein Regiment begeben, wenn es geführt wird, wie mann es von ihren Einsichten erwarten kann. Gleich in dem Anfange meines Briefes, werden Sie meinen dritten Fehler finden. Nemlich, dass ich so bekannt an Ihnen schreibe, als wenn ich Sie schon Hundert Jahre kennete, aber was hilfts, diss ist einmal etwas, das ich mir nicht abgewöhnen kann." Nach dem Hinweis, daß er auch äußerst ungeduldig sei, enden Goethes Ausführungen mit dem Satz: "Ich bitte Sie, entscheiden Sie so geschwind als es möglich ist."

 

Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach
Johann André © Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach

In den nachfolgenden Streit um Goethes Aufnahme wurde auch der spätere Offenbacher Musikverleger Johann André hineingezogen, ebenfalls Mitglied der "Arcadischen Gesellschaft zu Phylandria". Goethe hatte André in Offenbach getroffen, möglicherweise um die anstehende Entscheidung zu beeinflussen. Ysenburg von Buri teilte André daraufhin nähere Einzelheiten über Goethe mit, die ihm wiederum von einem Freund zugetragen worden waren: "Ich erfuhr, daß er der Ausschweifung und vielen andern mir unangenehmen Fehlern, die ich aber nicht herzählen mag, sehr ergeben sei."

Auch Andrés Antwort nach dieser Begegnung ist bemerkenswert. Goethe habe dessen Operette gelobt, woraufhin ihn André hätte unterbrechen müssen, weil ihm dieser Kunstrichter zu jung erschien. André hält fest: "Schließlich bat er mich, ihn zu besuchen. Ich sagte es ihm so zu, wie man etwas wider Willen zusagt. Warum ich aber keine Neigung zu ihm trug, ist bloß, daß er mir zu jung erschien. Er mag fünfzehn Jahr oder sechzehn alt sein, im übrigen hat er mehr ein gutes Plapperwerk als Gründlichkeit."

Während sich zwischen Goethe und Johann André in den Jahren um 1775 – während der berühmten Lili-Episode – ein freundschaftlich enges Verhältnis entfaltete, das in der Vertonung von Goethes Schauspiel "Erwin und Elmire" durch André gipfelte, endete Ysenburg von Buris Verbindung zu Goethe unwiederruflich am 1. September 1764 mit Buris Brief an ein unbekanntes Mitglied der "Arcadischen Gesellschaft zu Phylandria": "Herr Goethe schweigt ganz still, und ich hoffe auch, daß er sich weiter nicht melden wird. Sollte er aber doch so unverschämt sein, sich noch einmal zu melden, so habe ich mir bereits vorgenommen, ihn nicht einmal einer Antwort zu würdigen."

Briefe oder andere Lebenszeugnisse des mittlerweile völlig vergessenen Dichters Ysenburg von Buri sind so gut wie überhaupt nicht nachweisbar. Umso bemerkenswerter erscheinen sowohl der Ankauf als auch die Umstände, unter welchen das "Haus der Stadtgeschichte" den Erwerb eines Briefes dieser stadtgeschichtlich wichtigen Persönlichkeit tätigen konnte. Museumsleiter Jürgen Eichenauer entdeckte den seltenen Brief als Angebot im internationalen Autographenhandel, einige Tage nachdem Ernst Buchholz, Leiter der Offenbacher Stadtbibliothek, die wenig bekannte Begebenheit im kleinen Kreis erzählt hatte. Der damals amtierende Bürgermeister Wildhirt stellte dazu fest: "Die regionalgeschichtliche Bedeutung dieses Briefes hatte der Kunsthandel übersehen."

Der dekorative, mit Siegel und Unterschrift versehene Brief, wurde am 28. September 1803 in Gießen verfaßt, ohne in einem Zusammenhang zur Auseinandersetzung mit Goethe zu stehen. Der Brief Ysenburg von Buris, an seinen Buchhändler Gehra in Neuwied geschrieben, steht eher für die Versuche des erfolglos gebliebenen Dichters, auch in den letzten Lebensjahren nicht von seinem Metier zu lassen. Während Goethe zum Nationaldichter der Deutschen aufstieg, verdingte sich Ysenburg von Buri als Hauptmann im Dienste der Grafen von Wied-Runkel und zuletzt als Obristwachtmeister bei der westfälisch-westerwäldischen Infanterie. Zudem gehörte Ysenburg von Buri wie jener Verleger Gehra dem Geheimorden der Illuminaten an.