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Bestand Stadtarchiv Offenbach
Überreste des vorletzen Wagens © Bestand Stadtarchiv Offenbach
Dichter Nebel, menschliches Versagen, ein Fehler im Sicherheitssystem oder eine Verkettung unglücklicher Umstände? Die Eisenbahnkatastrophe, die vor 100 Jahren Offenbach erschütterte und zehn Todesopfer forderte, hatte wohl alle diese Ursachen. Mit hoher Geschwindigkeit raste der D-Zug mit der Nummer 42 am 8. November 1900 kurz vor 22.30 Uhr durch Mühlheim. In Höhe des heutigen Offenbacher Güterbahnhofs stand das Einfahrtsignal, das zu jener Zeit den Weg zum Offenbacher Hauptbahnhof freigab, auf "Rot".

Wegen des dichten Nebels sah der Lokführer das Warnzeichen im letzten Augenblick und konnte seinen Schnellzug erst einige hundert Meter weiter abbremsen.

Der Blockwärter Hohmann, der den Streckenabschnitt Mühlheim - Offenbach betreute, sah wohl, dass der Expresszug sein Haltesignal überfahren hatte, erhielt aber gleichzeitig aus dem Offenbacher Hauptbahnhof die Meldung, dass die Strecke in seinem Abschnitt befahrbar sei. Diese Nachricht signalisierte er nach Mühlheim. Der in der Offenbacher Nachbargemeinde wartenden Personenzug 238 erhielt "freie Fahrt" und fuhr mit zunehmender Geschwindigkeit in Richtung Offenbach.

Inzwischen entschied der Lokführer des Berlin-Express mit der Lokomotive die Wagen zum Signal zurückzudrücken. Der Blockwärter, der bemerkte, dass sich beide Züge auf demselben Gleis näherten, versuchte im letzten Augenblick die Katastrophe zu verhindern. Vergeblich. Wie die Offenbacher Zeitung am 9. November 1900 berichtete, erfolgte der Zusammenstoß bei "voller Fahrt und mit ungeheurer Kraft". Der letzte Wagen des Expresszuges wurde um vier Meter zusammengedrückt, schob sich unter die Lokomotive und wurde ebenso wie der vorausfahrende Waggon völlig zertrümmert. In diesem Wagen wurde der Schaffner und drei Reisende verletzt. Im letzten Waggon aber starben zehn Menschen. Die Gasbehälter, die in diesem die Beleuchtung und Heizung in den Abteilen speisten, rissen auf. Das ausströmende Gas entzündete sich sofort. Die Waggons standen in Flammen. Nach Berichten von Zeitzeugen spielten sich "erschütternde Szenen" ab. Ein Mann zog einen Passagier an den Füßen durch das offene Fenster. In diesem Augenblick erfassten die Flammen den Oberkörper des Unglücklichen. Die Hitze zwang den Helfer, die Beine loszulassen und der Reisende fiel in den Waggon zurück und "verbrannte elendiglich". Die Haare einer Frau, die bereits auf der Fensterkante saß und "um Hilfe schrie", "ergriffen die Flammen und sie fiel in die brennende Glut".

Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach
© Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach

Zehn Leichen, darunter die der Wartefrau des Zuges, wurden, zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, von der Feuerwehr und dem 2. Bataillon geborgen. In den Trümmern fanden sich auch vier Goldreifen, einer mit der Inschrift "Willy 28.1.92" und ein anderer mit "Else 28.1.92", so dass am nächsten Tag in den Gazetten spekuliert wurde, ein junges Paar sei Opfer der Katastrophe geworden. Noch in der Nacht kamen viele, die Rang und Namen hatten, an die Unfallstelle: Oberst Wundsch, Kreisrath von Homberg, Kreisarzt Dr. Pfannmüller, Kreisassistenzarzt Dr. Grein, Oberbürgermeister Brink und Polizeikommissar Bräuning. Später traf noch der Eisenbahnpräsident Thome ein. Morgens konnte die Strecke zwischen Mühlheim und Offenbach wieder eingleisig befahren werden. Die Aufräumarbeiten waren um 12.00 Uhr beendet. Allerdings dürfte die Behebung der Schäden am Unglücksort sehr viel länger gedauert haben, da die Schwellen beziehungsweise Telegraphenmasten verglüht und die Schienen von der großen Hitze verbogen waren.

Die Opfer, darunter zwei Russen, wurden erst am 16. November beigesetzt. Am Alten Friedhof erinnert noch heute ein Denkmal an die Katastrophennacht. Die Offenbacher Zeitung schrieb über die Ursache des Unglücks "..und damit würde dann auch die Klage über die Unzulänglichkeit unserer Offenbacher Bahnhofsverhältnisse eine furchtbare Bestätigung erhalten". Und einen Tag nach dem Zusammenstoß erschien in dem Blatt eine Anzeige einer Versicherungsgesellschaft, die mit Hinweis auf das Unglück zum Abschluss einer lebenslänglichen Eisenbahn-Unfall-Versicherung riet, weltweit gültig und mit einmalig geringer Prämienzahlung.