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Georg Dietrich, Oberbürgermeister von Offenbach a. M. (1957-1974)
Georg Dietrich, Oberbürgermeister von Offenbach a. M. (1957-1974) © Harald Meisert
Ein Oberbürgermeister kann geachtet, respektiert, verehrt oder einfach hingenommen werden. Nur hin und wieder wird auch mal einer von seinen Bürgern geliebt. Zu ihnen gehörte Georg Dietrich, der von 1957 bis 1974 amtierte. Am 19. September 1909 ist er geboren.

Dietrich war der neunte Verwaltungschef, seit 1887 erstmals in Offenbach der Titel Oberbürgermeister vergeben wurde. Als er aus dem Amt ging, ehrte ihn die Stadtverordnetenversammlung mit der Würde eines Ehrenbürgers.

Von behaglicher Fülle und nicht sehr hoch gewachsen, ein charmanter Plauderer mit verschmitztem Mutterwitz, ausgestattet mit Ohr und Sinn für den so genannten „Kleinen Mann“: Dietrich war der Typ des netten Nachbarn von nebenan. Es war nicht respektlos gemeint, wenn man ihn den „Schorsch“ nannte. Doch die Bonhomie verdeckte eine schwierige Vergangenheit und eine bemerkenswerte politische Standhaftigkeit.

Der in Berlin geborene Jurist mit sozialdemokratischem Hintergrund steht im Staatsdienst, als ihn die Nazis 1937 aus politischen Gründen feuern. Er tritt in die Dienste einer Versicherungsgesellschaft, wird im Zweiten Weltkrieg Soldat und nach Kriegsende Rechtsrat und Stadtkämmerer im sowjetisch besetzten Magdeburg. 1950 bezichtigen ihn die Kommunisten politischer Sabotage. Hals über Kopf flieht er mittellos in den Westen. Auf Umwegen gelangt er nach Offenbach.

Hier hat er sich um eine Stelle im gerade begründeten städtischen Rechtsamt beworben. Kurz darauf ist er dessen Leiter. Die in Magdeburg inhaftierte Ehefrau und die damals fünf- und neunjährigen Töchter können ihm erst 1951 folgen. 1957 wählen die Stadtverordneten den sozialdemokratischen Rechtsrat zum Nachfolger des nach Ludwigshafen gewechselten Oberbürgermeisters Hans Klüber.

Stadt Offenbach
Grundsteinlegung für das Offenbacher Rathaus - Dietrich ganz rechts © Stadt Offenbach

Mit Dietrich beginnt eine Umgestaltung der Stadt. Er sitzt auf dem Bagger, als die Baugrube für das Rathaus ausgehoben wird. Als es 1972 eingeweiht wird, ruft er: „Offenbacher, nehmt dieses Haus in Besitz!“ Die Berliner Straße wird durch die einstige Altstadt gebrochen. Der Stadtteil Lauterborn wird gebaut, und das Stadtkrankenhaus erhält ein neues Zentralgebäude.

Der Kauf des Wildhof-Areals aus Feudalbesitz blockiert eine damals drohende Zersiedlung des Waldes vor dem Offenbacher Süden. Gewissermaßen nebenbei gelangt dabei auch Schloss Rumpenheim in den Besitz der Stadt.

Es gab auch Irrtümer, natürlich. Die S-Bahn auf der Fernbahn-Trasse an der City vorbei führen zu müssen, hielt Dietrich für unvermeidbar. Bei einem Richtfest unter der Einflugschneise des Flughafens sprach er ins Mikrofon vom nahen Ende des Fluglärms: „Bald kommen die leisen Düsenflugzeuge“.

Auch sein Traum, einmal ein wieder aufgebautes Büsingpalais einweihen zu dürfen, erfüllte sich nicht. Das blieb Nachfolgern vorbehalten. Seiner Verwaltung gab Dietrich als Leitlinie vor, im Bürger keinen „Fall“ zu sehen, sondern einen Menschen „mit dem Recht auf Verständnis und Hilfe“.

Ansehen genoss er indes auch außerhalb der Stadt, durch die Pflege der Städtepartnerschaften, durch Aktivitäten in der internationalen „Bürgermeisterunion“, und im Rat der Gemeinden Europas. Er sah sich als Botschafter seiner Stadt. „Mr. Offenbach“ nannte ihn denn auch die Offenbach-Post beim 60. Geburtstag.

Dietrich war Träger des Großen Verdienstordens der Bundesrepublik, der Freiherr-vom-Stein-Plakette, eines Verdienstordens der Republik Österreich, einer Ehrenmedaille der Europa-Union. Mit seiner Parte freilich geriet der Eigensinnige gelegentlich in Konflikt. Als er 65 Jahre alt wurde, drängten Parteifreunde ihn aus dem Amt, obwohl er noch für zwölf weitere Monate gewählt war. Die Würde des Ehrenbürgers sollte den Abgang erleichtern. Doch geheilt hat sie nicht. Dietrich verließ das Rathaus als Verwundeter und wurde Rechtsanwalt. Aus dem politischen Leben zog er sich zurück. Am 1. November 1998 erlag er einem langen Leiden.

LOTHAR R. BRAUN