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Blick auf Bürgel
Blick auf Bürgel vom Schneckenberg © Stadt Offenbach
Jeder Bürgeler ist ein Offenbacher, aber kein Offenbacher ist mehr Bürgeler. Am 1. April 1908 trat der Eingemeindungsvertrag in Kraft, der Bürgel mit Offenbach verband. Es war vermutlich keine Liebesheirat, wohl aber eine in Freundschaft geschlossene solide Vernunftehe, von der beide Partner sich Nutzen versprechen konnten.

Der Stadt Offenbach brachte der im Oktober 1906 unterzeichnete Vertrag nicht nur fast 6000 neue Bürger. Er befreite Offenbach vor allem aus dem eng geschnürten Korsett von Gemarkungsgrenzen, die jegliche Entwicklung hemmten. Bis dahin hatte die Offenbacher Gemarkung an der Straße geendet, die noch immer „Grenzstraße“ heißt. An ihr entlang reichte Bürgel nach Süden bis an die Autobahn.

Als Termin der Eingemeindung nannte der Vertrag den 1. April nach „Betriebseröffnung der elektrischen Bahn von Offenbach nach Bürgel“. Die Straßenbahn ging am 20. Oktober 1907 in Betrieb. Nichts deutet darauf hin, der Verzicht auf Selbständigkeit sei als schmerzender Verlust erlebt worden. Bürgel feierte die Eingemeindung als Fest, mit einem Umzug, der selbstbewusst anzeigte, dass die eigene stolze Geschichte früher begann als die des Partners Offenbach. Die Regimentskapelle der Offenbacher Garnison führte den Zug an. Auf seinem Weg durch den Ort stoppte er am Haus des Bürgermeisters Lammert zu einer Huldigung.

Jungfernfahrt von Frankfurt nach Bürgel
Jungfernfahrt von Frankfurt nach Bürgel © Stadtarchiv Offenbach

<Die Straßenbahn hatten die Bürgeler sich ausbedungen, eine Apotheke und für zehn Jahre das Recht auf ein eigenes Standesamt und Ortsgericht. Auch die Bürgeler Nachtwächter durften weiterhin den Ort behüten. Den Bürgermeister Kaspar Lammert, seit 1890 amtierend und ein Befürworter der Eingemeindung, nahm Offenbach als Ortsvorsteher auf seine Besoldungsliste.

Straßenbahn in Bürgel
Straßenbahn in Bürgel © Stadtarchiv Offenbach

Der so sanft gestalteten Übernahme ging ein politischer Akt voraus. Bürgel konnte in die Offenbacher Stadtverwaltung sechs Vertreter entsenden. Bei deren Wahl am 24. März stand den sozialdemokratischen Kandidaten eine Einheitsliste der bürgerlichen Parteien gegenüber. Weil im vorangegangenen November im Offenbacher Stadtparlament die Bürgerlichen die Mehrheit gewonnen hatten, wurde die Bürgeler Wahl zu einem besonders hitzigen Kampf. Aus Offenbach, Bieber und sogar Frankfurt sollen Beobachter die Wahlkundgebung der Bürgerlichen besucht haben, die am 22.März in der Turnhalle stattfand.

Am Abend des Wahltags konnten die Bürgerlichen triumphieren. Sie brachten alle ihre Kandidaten durch und hatten offensichtlich einen Einbruch in die Bürgeler Arbeiterschaft erreicht, deren die SPD so sicher war. „In Bürgel sehen wir uns wieder!“ hatte der SPD-Führer Carl Ulrich nach der November-Niederlage getrotzt.

Zu ihren Vertretern im Stadtparlament wählten die Bürgeler den Fabrikanten Ernst Becker, den Bankbeamten Peter Gramlich, den Landwirt Augustin Ohlig, den Spenglermeister Georg Reuter, den Feintäschner Konrad Röder und den Schlosser Johann Jakob Wenzel. Die Zeitung verbreitete es mit Extrablättern.

Gefeiert wurde der Sieg in den überfüllten Räumen der Gastwirtschaft „Zur Stadt Hanau“. Der Offenbacher Stadtverordnete Theodor Boehm hielt eine Rede. Nun sei bis auf Weiteres, sagte er, den Sozialdemokraten in Offenbach jede Wirksamkeit genommen. Jubel, Hoch- und Hurrarufe hallten über die Straße.

Bürgel und Offenbach bebten in Erregung. Als die Offenbacher Politiker am Wahlabend heimkehrten, kam es zu Zwischenfällen. Theodor Boehm, der Wortführer der Bürgerlichen, und seine Begleiter wurden schon auf Bürgeler Straßen attackiert. Es setzte sich fort an der Ecke Karlstraße und Bieberer Straße, wo sie die Straßenbahn wechselten, und steigerte sich an der Ecke Kaiserstaße-Frankfurter Straße.

Enttäuschte Anhänger der Linken drohten Boehm Misshandlungen an und beleidigten ihn mit üblen Schmähungen. Die bürgerliche Presse berichtete darüber mit Genuss. Man sprach von einem aufgehetzten Mob.

In den fünfziger Jahren wird die Straßenbahn durch den O-Bus ersetzt
In den fünfziger Jahren wird die Straßenbahn durch den O-Bus ersetzt © Stadtarchiv Offenbach

Am 30. März leitete Bürgermeister Lammert die letzte Sitzung des Bürgeler Gemeinderats. Am 6. April tagten die Offenbacher Stadtverordneten erstmals mit Kollegen aus Bürgel. Oberbürgermeister Dr. Andreas Dullo sicherte ihnen zu: „Es gibt jetzt keine Unterschiede mehr!“

Dullo schwärmte: „Mehr als tausend Jahre haben die beiden Orte nebeneinander bestanden, lange Zeit getrennt durch die Verschiedenheit der Landesherrschaft, der Konfession und die Beschäftigung der Bewohner. Die beiden Orte haben sich schließlich doch gefunden und zu einem einzigen Gemeinwesen vereint. Bürgel war früher sogar der bedeutendere der beiden Orte“.

Schließlich wagte der Oberbürgermeister einen kühnen Blick in die Zukunft: „Bald haben wir ein Groß-Offenbach, denn durch die Eingemeindung erreicht Offenbach fast 70.000 Einwohner, und wenn unsere Stadt so weitermacht, müssen wir damit rechnen, dass wir in 10 bis 15 Jahren 100.000 Einwohner haben und in die Reihe der deutschen Großstädte eintreten“.

Nun konnte zusammenwachsen, was zusammengehört. Offenbach

Bürgel ist ein Stadtteil mit einem regen Vereinsleben
Bürgel ist ein Stadtteil mit einem regen Vereinsleben © Amt für Öffentlichkeitsarbeit