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Leben in der Etappe
Leben in der Etappe © Stadtarchiv Offenbach
Die Offenbacher freundeten sich mit „K-Brot“ an, als die Stadt 1914 dem Weihnachtsfest entgegenging. Das Kürzel stand für „Kriegsbrot“; dem Mehl waren Kartoffelflocken beigemengt. Im Großen Hauptquartier, so meldete die Offenbacher Zeitung, werde die durchaus schmackhafte Backware sogar dem Kaiser aufgetischt. Aber nicht nur mit „K-Brot“ wurde 1914 die erste Kriegsweihnacht gefeiert. Wen die steigenden Preise nicht drückten, der konnte noch recht gut leben am Anfang des Ersten Weltkriegs. Vor den Hungerrevolten lag eine Schonfrist. Es klang noch lustig, wenn der Volksmund reimte: „Lieber K-Brot als kaa Brot“.

Noch bot der Einzelhändler Georg Pullmann im Haus Waldstraße 9 „prima gemästete Gänse“ an, „garantiert jung und zart“. Dazu hielt er Butter, Käse und Eier feil, auch „täglich frische Hasen und Rehe“. Das Kaufhaus Dullstein an der Frankfurter Straße betörte seine Kundinnen mit Pelz und Muff. M. Schneider lockte mit Baumwoll-Textilien und Bettwäsche. Zu einem aufblühenden Geschäft wurden fertig gepackte Liebesgaben-Pakete für die Männer „im Feld“. Die Drogerie Machers, zum Beispiel, packte dafür Bouillonwürfel ein, Honig in Tuben, kleine Wärmeöfchen mit Kohlen und wahlweise, Rum, Cognac oder Steinhäger.

Stadtarchiv der Stadt Offenbach
August 1914: Offenbacher versammeln sich bei Kriegsausbruch vor dem Postamt © Stadtarchiv der Stadt Offenbach

Das Konfektionshaus Berger & Schmelzer warb „trotz der allgemeinen Teuerung“ mit zivil gebliebenen Preisen. Einen Anzug konnte man für 12 Mark bekommen, eine Hose für 2,50. Zeitungen und Schullehrer hielten Kinder an, die Väter an der Front mit selbst gefertigten Liebesgaben zu erfreuen. Strümpfe und Pulswärmer seien geeignet, meinte die Zeitung. Willkommen seien draußen aber auch elektrische Taschenlampen. Es empfehle sich zudem, einen Tannenzweig beizulegen.

Verändert hat sich unterdessen das Erscheinungsbild der Zeitung. Das Blatt bringt jetzt täglich eine Schlagzeile, die über die ganze Breite von Seite 1 geht. Im Dezember lautet sie tagelang gleich: „Der große Völkerkrieg“. Explodiert ist die Zahl der Stellenangebote in den von Männern entblößten Betrieben. An einem jeweils eingefügten Eisernen Kreuz erkennt man unter den Todesanzeigen der Familien, wo ein gefallener Soldat betrauert wird.

Täglich werden die Verlustmeldungen der Militärbehörden veröffentlicht. Die Offenbacher Zeitung hat dafür eine Rubrik mit der Überschrift „Treu bis in den Tod – Unsere Ehrentafel“ eingerichtet. Sie nennt die Namen von Gefallenen, aber auch die Namen lebender Soldaten, die mit einer Auszeichnung geehrt worden sind. Erst als später die Totenlisten immer länger werden, nennt die Zeitung nur noch Auszeichnungen.

Aber noch ist der Krieg jung. Manches hat sich erhalten können aus dem friedlichen Sommer. Zu den Neuheiten gehört die von den Behörden geförderte „Jugendwehr“, in der Offenbacher Jugendliche sich im Kriegshandwerk üben. Jauchzend spielen sie den Krieg, der draußen schon darauf lauert, sie zu verschlingen. Allenthalben wird zu Geldspenden aufgerufen. Die Zeitung sammelt für Notleidende im ostpreußischen Kriegsgebiet, aus dem erst vor kurzem die Russen vertrieben worden sind. Auch für die vom Krieg betroffene Bevölkerung in Elsass-Lothringen wird gesammelt.

In der Weihnachtsausgabe der Zeitung spricht Redakteur Curt Müller die christliche Friedensbotschaft an: „Wir haben allzeit den Frieden gesucht und gewahrt, so kriegstüchtig und waffengerüstet wir zu jeder Stunde waren. Nun obliegt es den deutschen Waffen, wieder Frieden zu schaffen.“ Auf derselben Seite kann man lesen, deutsche Zeppeline hätten englische und französische Städte bombardiert.

Stillen Weihnachtstagen folgt ein ruhiger Jahreswechsel ohne den in Offenbach gewohnten Silvester-Rummel. Nur in Außenbezirken der Stadt, so klagt die Zeitung, hätten Jugendliche „den Ernst der Zeit noch nicht begriffen“ und fröhlich geböllert. Doch Ausschreitungen habe die Polizei verhindern können. Sonn- und Feiertage, schreibt die Zeitung, seien „wieder das geworden, was sie eigentlich sein sollen, Tage der Ruhe, der Erholung und Erbauung“. Gottesdienste seien nun wieder mehr besucht als früher. „Not lehrt beten,“ folgert das Blatt.

In der ersten Ausgabe mit der Jahreszahl 1915 erneuert die Zeitung ihre Zuversicht: “Immer neue Scharen wenden sich gegen uns und unsere treuen Verbündeten. Doch die Zahlen schrecken uns nicht. (…) Darum unverzagt dem neuen Jahr entgegen, zu neuen Taten, zu neuen Siegen für das geliebte Vaterland.“

Anfang Januar 1915 beginnt in Offenbach die Musterung des neuen Jahrgangs der Wehrpflichtigen. Sie vollzieht sich nun mit mehr Ernst als in früheren Jahren. Früher wurde die Musterung der Rekruten mit Übermut, Umzügen und viel Bier gefeiert. Im Januar 1915 gehen die jungen Männer ohne Jux und Tollerei ins Musterungslokal.

                                                                                                    Lothar Lothar R. Braun