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Ansicht Markthaus am Wilhelmsplatz
Markthäuschen: Beliebter Offenbacher Treffpunkt © georg-foto.de, offenbach
Das Bier schäumt, der Wein funkelt, der Espresso duftet. Servietten werden aufgefaltet, Messer schneiden, Gabeln spießen: Rund um den Wilhelmsplatz ist Gastronomie so verdichtet wie in einem weinseligen Ausflugsort am Rhein. Den Platz umgibt ein Ring von Gaststätten, und jede hat ihre eigene Note. Der Ring ist breiter geworden, seit die Wirte mit Tischen und Stühlen immer weiter ins Freie drängen.

Die Fülle ist ein Produkt der jüngeren Zeit. Sie hat sich allmählich entwickelt. Doch ein Zentrum für Einkehr und Bewirtung war der Wilhelmsplatz auch früher schon. Vermutlich begann das bereits, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Stadt nach Osten wucherte und Wohnhäuser den einstigen Friedhof einrahmten.

In Schwung geraten ist die Wilhelmsplatz-Gastronomie wohl, als die ersten Händler den weiter westlich gelegenen alten Marktplatz verließen und an neuer Stelle ihr Angebot an Obst und Gemüse ausbreiteten. Denn Markt macht durstig. Wer dort stundenlang steht und feilbietet, der muss auch mal sitzen, muss sich aufwärmen oder abkühlen, will in Ruhe seine Groschen zählen. Pausierende Einkäuferinnen indes wird man dort selten angetroffen haben. Damen im Wirtshaus, das schickte sich nicht. Marktfrauen hingegen kehrten schon mal ein. Im Freien freilich zechte niemand. Freiluft-Bewirtung gehörte den Ausflugslokalen am Rand der Stadt.

Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach
Markthäuschen um 1920 © Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach

Wenn kein Markttag war, dann allerdings waren die Wirte vornehmlich auf das Abendgeschäft angewiesen. Bei Karl Deininger in der „Stadtschänke“, zum Beispiel machten in den Nachkriegsjahren Zeitungsleute gern Feierabend. In der Frühe der Nacht, wenn das Tagwerk getan war, die Rotationsmaschine lief und die Stadt schlaftrunken wurde. Der Wilhelmsplatz lag dann auf dem Heimweg. Und wenn er nicht am Weg lag, schlug man eben einen Bogen zum Entspannen, zur Diskussion über Kickers-Aufstellungen und Stadtpolitik, zum Austausch von Klatschgeschichten oder zum Gebabbel über nichtiges Zeug.

Bestand Stadtarchiv
Marktszene 1930iger Jahre © Bestand Stadtarchiv

Es gab den „Deutschen Hof“ an der östlichen Langseite, wo man gesetzte Handwerksmeister am Abend auch schon mal mit ihren Damen traf. An der Ecke Wilhelmstraße verschaffte sich der „Schausteller-König“ Wilhelm Laudenbach in stationärer Gastronomie ein zweites Standbein. Dann aber erschien der quirlige Franzose André auf dem Platz und fuhr wie ein Windstoß ins gewachsene Gefüge.

Mit Genehmigung der Offenbach Post
André Dubois in Aktion © Mit Genehmigung der Offenbach Post

Der Franzose eroberte das Markthäuschen, das 1911 für die Marktverwaltung gebaut worden und mit Bedürfnisanstalten gespickt war. Schnitzel und Rippchen entsprachen nicht unbedingt dem Geschmack des kleinwüchsigen, dünnen und zungenflinken Franzosen. Und prüde hat ihn auch niemand genannt. Seinem Lokal im Markthaus gab er den Namen „Clochemerke“. Das lehnte sich an eine amüsante französische Novelle von Gabriel Chefallier an, in der es um ein öffentliches Bedürfnishäuschen geht. Das Haus für Notfälle soll neben der Kirche einer Kleinstadt gebaut werden, und daraus entwickelt sich ein Skandal, in den schließlich sogar das Militär eingreift. Die deutsche Übersetzung der 1934 erschienenen Novelle war um 1960 ein in Deutschland viel gelesenes Buch des Genres von „Don Camillo und Peppone“.

André ist in Erinnerung als ein Original, das Stammgäste band und den Platz auf eigene Art belebte. Seit dieser Franzose dort auftauchte, gewann der Wilhelmsplatz zunehmend so etwas wie französischen Charme. Weil das „Clochemerle“ nur über ein beschränktes Platzangebot verfügte, stellte sein Wirt als einer der ersten Tische und Sitzgelegenheiten vor der Tür im Freien auf.

Das löste sich nicht auf, als der Franzose nach einigen Jahren aufgab. Heute erinnert der Platz mit den vielen Bewirtungen unter freiem Himmel durchaus ein wenig an Pariser Lebensgefühl. Denn als der Name „Clochemerle“ vom Wilhelmsplatz verschwand, hatte bereits eine neue Generation von Gastronomen den Platz entdeckt. Mit jungen Ideen und neuen Konzepten suchen sie – im Markthaus und darum herum - dem gerecht zu werden, was sie als veränderte Gästewünsche erkennen.

Das sichert Vielfalt und mehrt die Wahlmöglichkeiten. Aber es erwächst aus einer Tradition, die älter ist als alle Lebenden Der Wilhelmsplatz ist eine lang gestreckte Theke mit Geschichte und viel Erinnerung.Von Lothar Braun.

Heute ist der Wilhelmsplatz auch abends ein beliebter Treffpunkt
© Amt für Öffentlichkeitsarbeit (Matthias Müller)