Sprungmarken
Suche
Suche

Stadtarchiv Offenbach - Copyright erloschen
Die erste Erste der Kickers © Haus der Stadtgeschichte
Der junge Fußball sprach Englisch. Es ist kein Zufall, dass die Gründer von 1901 für den Namen ihrer Gemeinschaft nicht den Begriff „Verein“ verwendeten, sondern das englische „Club“. Nicht ein „Offenbacher Fußballverein“ wurde aus der Taufe gehoben sondern der Offenbacher Fußball-Club. Und dann fügten sie dem auch noch das englische Wort „Kickers“ an.

Ein Kick, das ist im Fußballtritt. Als „Kicker" lässt sich denn auch sowohl ein übler Schläger als auch ein honoriger Fußballer benennen. Doch die Namensgeber anglisierten konsequent. Sie entschieden nicht für .Kicker, was eine deutsche PIuralbildung wäre. Sie hängten das englische Plural-S an: OFC –Kickers oder Kickers Offenbach.

Das sind nicht die einzigen Hinweise darauf, dass der Fußball-Sport aus England stammt. Am Ende des 19. Jahrhunderts erreichte er den Kontinent, mit zeitlichem Abstand hinter Tennis und Rudern. Auch sie sind englische Erfindungen. Wie alles, das sich nun unter dem neuen Begriff Sport neben das Turnen schob.

Als originär „deutsche“ Leibesübung verstand man das allein das Turnen. Das verband sich seit Friedrich Ludwig Jahn und den Befreiungskriegen gegen Napoleon mit Patriotismus, mit Vaterlandsliebe, „deutscher Art" und „deutscher Manneszucht“.

Mit Vergnügen kann man in alten Chroniken lesen, wie verbissen viele bärtige Funktionäre sich gegen die Unsitte sportlicher Wettkämpfe wehrten, bei denen es ja Niederlagen und Besiegte geben musste. Einen Kameraden durch seine Niederlage bloßzustellen, zu blamieren, zu demütigen - es erschien unehrenhaft und widerwärtig. Das Wort „unfair" werden die Kritiker damals gemieden haben. Auch die Fairness war ja einer dieser englischen Begriffe, die sich mit dem Sport eingenistet hatten. Zusammen mit Sportarten, die zwar durchaus RegeIn und Ordnungen unterlagen, die Disziplin jedoch durch ein spielerisches Element aufs Bedenklichste aufzuweichen schienen.

Doch wie man weiß: Das Spiel mit dem Ball am Fuß ließ sich nicht aufhalten. Es wurde zu einem Massenphänomen, mochte ihm auch etwas Proletarisches anhaften. Denn noch lange entschied ein Geruch von sozialer Unterschicht den Fußball von Sportarten wie dem feinen Tennis, das man auch als Gentleman ohne Ansehensverlust betreiben konnte. Wie die Pilze nach dem Regen schossen am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland die Fußball-Clubs aus dem Boden.

Der OFC gehört mit dem Gründungsjahr 1901 nicht zu den ersten, aber er entstand noch in der Zeit der großen Begeisterungs- und Gründungsschwemme. Er hat viele Altersgenossen. Der englischen Herkunft blieben sie sich lange bewusst. Noch in den 1930er Jahren steckten Buben auf ihrem Bolzplatz kein Tor ab, sondern das „goal“. In dem stand der ,,goalkeeper", und wenn der den Ball nicht halten konnte, dann riefen die Zuschauer begeistert: „Goal!" Was sich in Offenbach freilich als ,,Gohl" anhörte. Erst unter politischem Druck setzten sich in der Zeit des Nationalsozialismus die deutschen Bezeichnungen durch. Da wurden „corner“ zum Eckball, das „goal“ zum Tor und der „keeper“ erst zum Torwart und dann zum Torhüter. Wem ist heute noch bewusst, dass man einmal vom „off side" sprach, wenn man Abseits meinte? Wer über Fußball spricht, verwendet die Begriffe, die er vorfindet.

Auch die Gründer von 1901 verwendeten einfach das Vorhandene. Einen Anlass, darüber nachzudenken, gab es nicht. Man war mit anderem beschäftigt. Unter anderem mit der störenden Nachbarschaft zum Militär. Gast der Offenbacher Garnison auf dem Exerzierplatz Bieberer Berg zu sein, das hielt in Atem. Nach jedem Spiel, zum Beispiel, musste das ,,goal“ sorgfältig entfernt, zum nächsten Spiel wieder aufgestellt werden. Denn wenn die Rekruten dort das Stürmen übten, war das weniger schonend als ein Kickers-Sturm.

Von Lothar Braun Veröffentlicht in der Offenbach Post