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Das alte Gelände des Rundervereins Hellas
© Stadt Offenbach
Walter Scheller und sein Vize Klaus Dieter Roos ließen es auf die Briefbögen drucken: Seit es ihn gibt hat der Ruderverein Hellas mehr als 5600 Siege eingefahren. Zweimal nahm er an Olympischen Spielen teil, 1972 in München und 1988 in Seoul. Viermal trat er bei Weltmeisterschaften an, achtmal bei Deutschen, 418 Mal bei hessischen Meisterschaften. Und häufig brachten die Hellas-Ruderer Medaillen heim. Scheller ist der Vorsitzende des Clubs mit dem blauen Stern. In diesem Jahr besteht der Verein seit 110 Jahren, ebenso lang wie der OFC Kickers.

Sportlich gerudert wird in Offenbach seit 1874, seit der Gründung des Offenbacher Rudervereins. Zwei Jahre danach kam die RG Undine hinzu, 1901 der RV Hellas. Gründungslokal war das „Hotel Kaiser Friedrich“ an der Kaiserstraße, Ecke Große Marktstraße. Man lebte unter gekrönten Regenten.

Seinen beiden ersten Viererbooten gab der junge Verein denn auch die Namen „Kaiser Wilhelm II.“ und „Ernst Ludwig“, so hieß der hessische Großherzog. Den ersten Zweier tauften sie „Prinz Heinrich“, zu Ehren eines damals populären Kaiser-Bruders. Auch bei der Wahl des Vereinsnamens waltete der Zeitgeist des Bürgertums mit. „Hellas“, das sollte anzeigen, dass man sein Vorbild in der Körper- und Geisteskultur der antiken Griechen sah. Mit Spott reagiert der Vorsitzende darauf, dass häufig Unkundige hinter dem Namen „Hellas“ einen griechischen Fußballverein vermuten.

Mit Anteilscheinen zu je zehn Mark hatten die Mitglieder die Beschaffung der Boote finanziert. Aufbewahrt wurden sie in einer provisorischen Halle an der Stadtgrenze zu Bürgel. Ein Hochwasser riss sie 1909 zum ersten Mal ein. Vor Überflutung sicher war erst der 1921 bezogene heutige Standort auf dem Hafendamm, jenseits der Carl-Ulrich-Brücke. Die Mitglieder konnten das Haus später mit Gaststätte und Kegelbahn erweitern, doch im Zweiten Weltkrieg rissen Fliegerbomben das alles ein. Und nun wissen die Hellenen, dass sie auch den Wiederaufbau verlassen müssen.

Mit dem Namen Hellas verbinden sich nicht nur beachtliche Auswärtserfolge, sondern auch zum Stadtereignis gewordene Veranstaltungen. Bis zu 30.000 Zuschauer fanden sich 1968 und 1971 bei Hellas zu den Deutschen Meisterschaften im Wasserski ein. Dann trieb ein mächtiges Offenbach-Gefühl auf den Wellen des Mains. Groß war die Besucherzahl auch, wenn der „Stadtachter“ ausgetragen wurde. Der Achter war jahrelang die erfolgreichste Bootsgattung unterm blauen Stern.

1965 fand Walter Scheller als Trainer zu Hellas. Er erwies sich auf Anhieb als Gewinn. Schon im Jahr darauf konnte der Vorsitzende Alfred Seeger 16 seiner Ruderer für neun Siege ehren. Und noch einmal ein Jahr später durfte man 32 Siege in allen Klassen feiern.

Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach
Alfred Seeger © Bestand Stadtarchiv Stadt Offenbach

Vierzig Jahre lang, seit 1952, stand Alfred Seeger an der Spitze des Vereins. Der Ehrenbürger der Stadt Offenbach ist in Erinnerung als Mäzen und Organisator, der über vielfältige Kontakte verfügte und nicht nur Mittel zu beschaffen verstand, sondern auch wertvolle Mitstreiter zu binden wusste. Er habe, so heißt es, die Basis gelegt, auf der Scheller seine erfolgreiche Trainerarbeit aufbauen konnte.

Wie Seeger zählen zu den „großen Namen“ der mittleren und jüngeren Vereinsgeschichte die Bauunternehmer Wilhelm und Theo Krebs, der Stahlbaufabrikant Robert Lavis und Dr. Otto Krauß aus dem Hessischen Finanzministerium, der Hellas-Vorsitzende von 1945 bis 1952. Sie sind ein Beispiel dafür, wie vom RV Hellas Impulse zur Einbindung der heimischen Wirtschaft in den Sport wirksam wurden.

Sechzig Boote stehen bei Hellas „im Stall“, viele davon sind neuester Bauart. 27 der heute 145 Mitglieder sind aktive Ruderer. Zu ihrem Vorsitzenden haben sie einen Erfolgstrainer gewählt, der in seinem Sport „eine gute Schule für das moderne Leben“ sieht. Denn das Rudern erziehe zu „Teamfähigkeit, körperlicher Leistung und persönlicher Standfestigkeit“. Die Entwicklung des Offenbacher Hafens bedeutete für den Verein den Verlust seines alten Domizils. Der Verein musste, unterstützt von der Stadt Offenbach umziehen. Heute ist sein Bootshaus im westlichen Teil des Hafens, unmittelbar an der Stadtgrenze zu Frankfurt.

Von Lothar R. Braun