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Elsaweg
Noch immer versetzen die Seitenstraßen in Tempelsee in die Gründerzeit des Stadtteils © Stadt Offenbach
Im Stadtteil Tempelsee, in Offenbachs äußerstem Süden wurde 2007 ein Jubiläum gefeiert. 75 Jahre sind vergangen, seit die Stadtverordnetenversammlung grünes Licht gab für den Bau von 90 Siedlerstellen. Entstehen konnte jene Zone des Stadtteils, die fortan „die Siedlung" genannt wurde, zur Unterscheidung von einer kleinen älteren Bebauung. Tempelsee gleicht einem Baum, dessen Alter sich an Jahresringen ablesen lässt.

Ganz am Anfang standen an der Waldstraße die Arbeiterwohnungen der Portland- Zementfabrik, nach vor dem Ersten Weltkrieg erbaut, am Wald weit vor den Toren der Stadt. Sie dürfen vielleicht als die Keimzelle angesehen werden.

Daraus konnte mehr werden, nachdem Mitglieder eines Kleingärtnervereins 1919 die Wohnungsbaugenossenschaft Odenwaldring gegründet hatten. Sie entstand aus der Not der Zeit, nicht anders als dann Tempelsee. Unter der Regie der Genossenschaft begannen 1922 zwölf Siedler eigenhändig mit dem Bau von Einfamilienhäusern an Waldstraße und Gerhart-Hauptmann-Strasse. Dem folgten Doppelhäuser und eine Bebauungszeile am Brunnenweg.

Das war der Stand, als 1932 ein reichsweites Förderprogramm den Anstoß zum weiteren Ausbau für Erwerbslose gab. Die Zementfabrik hatte inzwischen ihren Betrieb eingestellt. Seit 1927 waren die Bewohner in einem Verein „Gemaa Tempelsee" organisiert. Gemaa, das bedeutete, dass man sich wie eine eigenständige Gemeinde verstand, als ein in sich geschlossenes Gemeinwesen innerhalb der Stadtgesellschaft: In der Regel waren das Arbeitslose, die auf jeweils 600 Quadratmeter großen Grundstücken ihr Haus, den Nutzgarten und die Kleintierstallungen zu bauen begannen. Man arbeitete gemeinsam. Durch Los vergeben wurden die Anwesen erst, wenn das Gröbste fertig war. Keiner konnte wissen, ob er für sein Haus oder das eines Nachbarn arbeitete. Der noch immer spürbare Gemeinsinn der Gemaa-Bürger mag darin wurzeln.

242 Häuser sind auf diese Weise zischen 1932 und 1935 entstanden. Den nächsten Schub für Tempelsee brachten die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Zunächst mit dem Beheben von Bombenschäden, dann mit Neubauten, Modernisierung, Um- und Anbauten, neuen Bewohnern. In der Siedlung dürfte kaum eins der Häuser noch so beschaffen sein wie beim Erstbezug.

Nicht alle der neuen Bewohner mögen wissen, woher dieser Stadtteil mit seinem eigenen Charakter den Namen bezog. „Hahnebach“ hieß der Hainbach noch, als sein Wasser erstmals um 1714 ein Mühlrad trieb. Irgendwann, als das Rad sich nicht mehr drehte, ist aus dieser Tempelseemühle eine Gaststätte geworden, ein beliebtes Ausflugslokal mit großem Saal, im Grünen weit vor des Stadt.

Als sie 1957 abgerissen wurde, entstand an ihrem Standort eine Tankstelle. Der unfallträchtige scharfe Knick, den die Waldstraße an der Tempelseemuhle nahm, ist dabei begradigt worden. Die Stadt dehnte sich nach Süden aus, Tempelsee lag nicht mehr abseits. Nichts erinnert mehr an die alten Bilder. Nur ältere Offenbacher werden sich wohl gelegentlich bei Kindheitserinnerungen auf die alte Tempelseemühle besinnen.

Von Lothar Braun

Veröffentlicht in der OFFENBACH POST

Eigenheimbau in Selbsthilfe
Eigenheimbau in Selbsthilfe © Stadtarchiv Offenbach
Richtfest
Richtfest © Stadtarchiv Offenbach
Luftbild Tempelsee
Luftbild Tempelsee © Stadtarchiv Offenbach