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Grab von Heinrich von Brentano
Grab von Heinrich von Brentano © Stadtarchiv Offenbach
Als im November 1964 der vormalige Bundesaußenminister Heinrich von Brentano einem Krebsleiden erlag, wussten noch viele: „Der stammt aus Offenbach.“ Mittlerweile wird das nicht mehr sehr geläufig sein. Als Mitgestalter der jungen Bundesrepublik stand der Offenbacher mit dem klingenden Familiennamen allzu sehr im Schatten des Kanzlers Konrad Adenauer. Zudem verstand er sich später eher als Bürger von Darmstadt, wo er seit dem 17. Lebensjahr lebte. In Offenbach aber wurde er geboren, am 20. Juni 1904, und hier ist er aufgewachsen.

Sein Elternhaus hatte die Adresse Geleitsstraße 109, nur einen kurzen Fußweg entfernt von der heutigen Leibnizschule, die er als Gymnasiast besucht hat. 1957 nutzte er einen Wahlkampfauftritt in Offenbach, um seine Schule noch einmal zu besuchen. Neben einem Sohn des Schulleiters Pauly ließ er sich auf der Schulbank im alten Klassenzimmer fotografieren.

Erst 1920 übersiedelte die Familie in die damalige Landeshauptstadt Darmstadt, wo der Vater Otto von Brentano zum hauptamtlichen Politiker geworden war. In einer Koalition mit den Sozialdemokraten unter dem Offenbacher Carl Ulrich übernahm der Zentrumspolitiker Brentano zunächst das Justiz- und dann auch das Innenministerium.

Vater Brentano hatte sich in den 1880er Jahren in Offenbach als Anwalt niedergelassen, seit 1900 in Kanzleigemeinschaft mit dem späteren jüdischen Ehrenbürger Siegfried Guggenheim. Der Offenbacher Volksmund kannte die Arbeitsgemeinschaft des gläubigen Juden mit dem gläubigen Katholiken als „Kanzlei Weihrauch und Knoblauch“. Später führte sie der hessische CDU-Politiker Karl Kanka.

Schon als Anwalt zeichnete sich Vater Otto durch politisches Engagement aus. Seit 1897 vertrat er die Zentrumspartei im hessischen Landtag, viele Jahre als Fraktionsvorsitzender. 1919 gehörte er der verfassunggebenden Weimarer Nationalversammlung an. In diese Fußstapfen trat dann sein Sohn Heinrich. 1946 gehörte er zu den Gründern der hessischen CDU. Er war Mitglied des Parlamentarischen Rats und wurde 1949 im ersten Deutschen Bundestag Vorsitzender der CDU-Fraktion. 1955 übergab ihm Konrad Adenauer das Außenamt, das der Kanzler bis dahin selbst geführt hatte.

Obwohl kein willfähriger Erfüllungsgehilfe des ersten Kanzlers der Republik, galt Heinrich von Brentano als Adenauers „getreuer Eckehart“. Bei aller Loyalität im Grundsätzlichen, blieben seine Beziehungen zum Kanzler indes nicht immer frei von Spannungen. Zumeist ging es dabei um Entscheidungen, die der Kanzler ohne Einschaltung der Fraktion und ihres Vorsitzenden Brentano getroffen hatte.

Die Jahre der Diktatur hatte Brentano als Darmstädter Anwalt überstanden, misstrauisch beobachtet vom herrschenden Regime. Es nahm ihn mehrfach in Haft. Politisch aktiv wurde er jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. An der hessischen Landesverfassung hat er ebenso mitgeschrieben wie am Grundgesetz der Bundesrepublik. Seine Handschrift trug ein 1954 von der CDU vorgelegter Entwurf für ein politisch vereintes Europa. Dem gegenwärtigen Stand der europäischen Verfassungsdiskussion hatte Brentano sich mithin schon vor 50 Jahren genähert.

In Brentanos Ministerzeit fielen 1955 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion, 1956 die Lösung der Saarfrage und 1957 die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Während schwieriger Koalitionsverhandlungen mit der FDP trat Brentano im Herbst 1961 als Außenminister zurück, um Adenauer noch einmal den Weg ins Kanzleramt zu ermöglichen. Abermals wählte ihn die CDU Fraktion danach zu ihrem Vorsitzenden.

Doch die verbleibenden Lebensjahre waren geprägt vom fortschreitenden Speiseröhrenkrebs. Brentano, den man als Kettenraucher und sensiblen Ästheten in Erinnerung hat, konnte sein Amt als Vorsitzender immer weniger wahrnehmen. „Er war ein lauterer Mann, ein Kämpfer, stiller Dulder,“ sagte Konrad Adenauer bei der Trauerfeier im Deutschen Bundestag. Am 19. November 1964 wurde er in einem Staatsbegräbnis in der Familiengruft auf dem Darmstädter Waldfriedhof beigesetzt.

Wenige Wochen später folgte ihm sein 1901 in Offenbach geborener Bruder Bernard in den Tod. Er hatte die literarische Tradition der Familie Brentano di Tremezzo fortgeführt. Sein 1936 in der Schweizer Emigration veröffentlichter Roman „Theodor Chindler“ verwebt Offenbacher Lokalkolorit mit Elementen der Familiengeschichte zu einem Gesellschaftsbild, das die Kritik seinerzeit an die Seite Theodor Fontanes stellte.

Von Lothar R. B r a u n