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Manfred Weinberg
Manfred Weinberg © Mainzer Allgemeine
Es schien, als hätten die Nationalsozialisten zum Generalangriff auf „das rote Offenbach“ geblasen. Im Mai 1932 eröffneten sie an der Ecke Herrnstraße und Große Marktstraße eine Geschäftsstelle ihres Parteiorgans „Offenbacher Nachrichten“. Am 16. Juni zogen sie aus einem weiten Umkreis Anhänger auf dem Bieberer Berg zusammen. Sie sollten, drei Tage vor einer Landtagswahl, eine Rede ihres Führers Adolf Hitler hören. Manchmal liest man, es sei im Stadion des OFC Kickers geschehen. Doch so war es nicht. Das machte jetzt ein Vortrag im Haus der Stadtgeschichte deutlich.

„Die Kickers und das rote Offenbach – Fußball in der Lederstadt 1920-1933“. So hatte der Sporthistoriker Dr. Rudolf Oswald seinen Vortrag betitelt. Wer dabei war, dem öffnete sich die Sicht auf ein dramatisches Kapitel der Zeitgeschichte, auf die letzten Atemzüge der Weimarer Republik. Es erzählt von Courage und Schwäche, von Standhaftigkeit und Verwirrtheit.

 

Oswald befasste sich zunächst mit einem irritierenden Phänomen der 1920er Jahre. In Offenbach dominierte die politische Linke mit SPD, KPD und den unabhängigen Sozialisten der SAP. Beim Fußball aber bevorzugten die Linkswähler nicht die Vereine des Arbeitersports, sondern den als „bürgerlich“ geltenden OFC Kickers. Oswald erklärt das mit der identitätstiftenden Funktion der Großvereine. Auf dem Bieberer Berg empfand man sich vor allem anderen als Offenbacher.

 

Zum 16. Juni 1932 nun - man lebte in einer zwar dahinsiechenden, aber noch immer freiheitlich verfassten Republik – hatte der Verein sein Stadion für eine Nazi-Kundgebung vermietet. Dagegen begehrte im Vorstand der jüdische Anwalt Dr. Manfred Weinberg auf. Er erreichte, dass der Mietvertrag gewissermaßen in letzter Minute gekündigt wurde. Hitler und seine Leute mussten auf den benachbarten Platz des SV Offenbach 03 ausweichen.

 

Die Nazipresse schäumte und schwor, man werde das Verhalten des Juden Weinberg nicht vergessen. Und sie hielten Wort. Im Frühjahr 1933, nach der Machtübernahme der Nazis, fand sich Weinberg als „Schutzhäftling“ im rheinhessischen Konzentrationslager Osthofen.

 

Am Abend nach der Kundgebung mit „Führerrede“ marschierten Kolonnen im Braunhemd durch die Stadt. Dabei kam es zu Handgreiflichkeiten mit antifaschistischen Offenbachern. Drei Tage danach erhielten die Braunen bei der Landtagswahl etwa die gleiche Stimmenzahl wie die Sozialdemokraten.

 

Gespalten wie die Wählerschaft zeigte sich auch die Mitgliedschaft des OFC. Heftige Auseinandersetzungen innerhalb des Vereins entluden sich im Juli in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung. In ihrem Verlauf nötigte eine Mehrheit den Dr. Weinberg zum Rückzug aus dem Vorstand, dem er seit 1928 angehört hatte.

 

Es war Hitlers einziger Besuch in Offenbach. Von der Stadt, die ihm später die Ehrenbürger-Würde verlieh, sah er dabei nichts. Seine Autokolonne kam und verschwand „über die Dörfer“. Aber neun Monate später stürmten Braunhemden das Offenbacher Rathaus, das war damals das Büsingpalais. Zehn Jahre lang wehte nun auf ihrem Dach die Hakenkreuzfahne. Danach lag das Palais in Trümmern, wie große Teile der Stadt.

 

Der Rechtsanwalt Dr. Weinberg verlor nach der Entlassung aus dem Konzentrationslager seine Zulassung als Anwalt. 1934 ging er in die Emigration, zunächst nach Frankreich, dann nach Nordafrika. Nach Deutschland kehrte er 1946 in die französische Besatzungszone zurück und betrieb den Aufbau des Arbeitsamtes Mainz. In Offenbach geriet er in Vergessenheit.

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Manfred Weinberg © Mainzer Allgemeine