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Als ein “schwarzes Blatt in unserer Stadtgeschichte” bezeichnete die Offenbacher Zeitung am 19. April 1919 die Ereignisse vom vorangegangenen Tag. Bei einem Zusammenstoß zwischen aufständischen Bürgern und der Reichswehr in einer Kaserne in der Bieberer Straße waren Schüsse gefallen und 17 Menschen ums Leben gekommen. Weitere 26 wurden schwer verletzt. Von welcher Seite die ersten Schüsse tatsächlich abgegeben wurden, bleibt auch heute noch im dunkeln. Der sogenannte “Karfreitagsputsch” gilt als der blutigste Bürgeraufstand in der Offenbacher Stadtgeschichte.

Die politische Macht lag zu dieser Zeit in den Händen des “Volksrates”, der sich aus Mitgliedern der Arbeiter- und Soldatenräte zusammensetzte. Unter ihnen waren hauptsächlich Sozialdemokraten und bürgerliche Liberale. Bereits am Dienstag, 15. April 1919, hatte eine Mitgliederversammlung der KPD den grundsätzlichen Beschluß gefaßt, die Kaserne zu besetzen und den Volksrat zu entmachten. Am Gründonnerstag wurde der darauf folgende Tag für die geplante Aktion bestimmt.
In einer Kundgebung riefen die kommunistischen Parteien USPD und KPD zu einem Aufstand gegen die Regierung auf. Die Armee des Volksrates, die “Volkswehr”, bestand hauptsächlich aus USPD-Anhängern und versagte der hessischen Staatsregierung ihre militärische Unterstützung gegen rebellierende Bürger.
Unterdessen versammelte sich auf dem Wilhelmsplatz eine Volksmenge von ca. 5.000 Bürgern um die Plattform eines LKW, von der aus Redner der Kommunistischen Parteien verbale Angriffe gegen die Regierung und vor allem den Offenbacher Volksrat vortrugen. Unter ihnen war auch der Offenbacher Kommunist Willy Eisenreich, der den Sturz des Volksrates, die Besetzung der staatlichen Ämter und Einsetzung eines revolutionären Arbeiterrates unter Führung der Kommunisten forderte. Von Eisenreich angeführt, machte sich die Menge auf den Weg, die Kaserne zu stürmen.
So kam es am Freitag, 18. April 1919, zum Zusammenstoß zwischen etwa 1.000 Demonstranten und den staatlichen Truppen, die die hessische Regierung nach Offenbach geschickt hatte. Die Situation eskalierte vermutlich, als eine 25jährige Demonstrantin nach dem Maschinengewehr eines Soldaten griff und sich ein für sie tödlicher Schuß löste. Nach Darstellung aus Regierungskreisen dagegen eröffnete eine Handgranate aus der Menge den Kampf. Die genauen Umstände sind nach wie vor ungeklärt.
Als Frankfurt militärische Unterstützung schickte, konnte der Aufstand niedergeschlagen werden. Die Volkswehr wurde von den Regierungssoldaten entwaffnet und damit für immer aufgelöst. Für die Offenbacher wurde eine nächtliche Ausgangssperre erlassen, und noch Tage später bestand Versammlungsverbot. Trotz aufgewühlter Stimmung in der Bevölkerung kam es zu keinen weiteren Aufständen. Die Kaserne in der Bieberer Straße wurde später von der Bereitschaftspolizei bezogen. Heute finden sich hier die Finanzämter von Stadt und Kreis Offenbach. Das Gebäude steht teilweise unter Denkmalschutz.
Der damalige Offenbacher Kulturdezernent, Bürgermeister Stephan Wildhirt, brachte an der Einfriedung des heutigen Finanzamtes am Montag, 19. April 2004, zur Erinnerung an den “Blutigen Karfreitag” und zur Baugeschichte des historischen Gebäudes der Öffentlichkeit eine Gedenktafel an.