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Die Wilhelm-Schramm-Stiftung ist ein glänzendes Beispiel für Mäzenatentum und Bürgersinn im alten Offenbach. Anschaulich wird das im Schrammschen Alten- und Pflegeheim am Buchrainweg, das von 1912 bis 1913 nach Plänen von Hugo Eberhardt entstand, des Ledermuseums-Gründers und Architekten der heutigen Hochschule für Gestaltung. Begründet war die Stiftung, als der hessische Großherzog sie am 22. Oktober 1910 durch seine Unterschrift genehmigte.

Stifter Wilhelm Schramm hatte dafür testamentarisch den größten Teil seines Vermögens zur Verfügung gestellt. Was er dabei im Sinn hatte, beschrieb er so: „Im Altersheim sollen bedürftige alte Leute aus der Stadt Offenbach am Main, welche das 60. Lebensjahr überschritten haben und einen guten Ruf genießen, ohne Unterschied der Religion und des Geschlechts unentgeltlich Aufnahme, Verköstigung, Verpflegung und Behandlung in gesunden und in kranken Tagen finden“. Den Bewohnern gewährte das Haus außer den Mahlzeiten auch Kleidung und Wäsche und die Kosten für einen etwaigen Krankenhaus-Aufenthalt.

Die Großzügigkeit des Angebots lässt sich ermessen beim Blick in die Offenbacher „Armenordnung“ des Jahres 1910. Sie gestand Bedürftigen als wöchentliche Sozialhilfe zu: Sieben Mark für den Haushaltsvorstand, drei Mark für seine Ehefrau, 1,50 Mark für jedes Kind unter 12 Jahren.

Bei der von Schramm beabsichtigten Großzügigkeit konnte es allerdings nicht lange bleiben. Ein Jahr nach der Eröffnung begann der Erste Weltkrieg. Das Haus musste verwundete Soldaten aufnehmen. Und als der Krieg zu Ende war, zerfloss ein Großteil des Vermögens in der großen Inflation. Das Haus musste an die Stadt Offenbach verpachtet werden. Es wurde Unterkunft für Rekonvaleszenten und Säuglinge.

Erst 1932, nach zehn Jahren, konnte es wieder seinem eigentlichen Zweck dienen. Nun aber nicht mehr mit der Großzügigkeit der Gründungszeit. Immerhin aber konnte der Pensionspreis unter der Kostendeckung gehalten und das Haus sogar ausgebaut werden. Dann aber war wieder Krieg, und 1948 folgte abermals eine Währungsreform. Danach war das Stiftungsvermögen auf 10.000 D-Mark geschrumpft.

Doch man konnte wieder aufstocken und 1984 sogar eine Pflegestation einrichten. Aus dem Altersheim ohne Pflegemöglichkeit wurde ein Alten- und Pflegeheim mit Vollservice, das heute rund 30 Mitarbeiter beschäftigt. Für sie und die Bewohner trägt ein Kuratorium Verantwortung, dem der hessische Sozialminister Stefan Grüttner vorsteht.

Es Sie fühlt sich dem Stifter Wilhelm Schramm verpflichtet, der 1846 in Offenbach als Sohn eines Sattlers geboren wurde und 1909 als vermögender Rentier starb. Ihm wird zugeschrieben, die in den 1860er Jahren von einem Onkel gegründete Lackfabrik Schramm zu einem bedeutenden Offenbacher Industrieunternehmen geführt zu haben. Er stand schon zu Lebzeiten in dem Ruf eines ungemein sozial engagierten Unternehmers und Mäzens.

„Sein Handeln war auch für andere Personen seines Standes Anlass, ihm gleichzutun“, sagt Stefan Grüttner. Ihrem ursprünglichen Zweck der unentgeltlichen Aufnahme in Not geratener Mitbürger könne die Stiftung zwar nicht mehr nachkommen. Dennoch bleibe sie dem Anliegen des Stifters verbunden, „dem Kümmern und Sorgen um alte Menschen, die unserer Hilfe bedürfen“.

Lothar Braun