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Unfallort Nähe der Schleuse © Urheberrecht erloschen
Es war am Nachmittag des 19. August 1909. Wie das sprichwörtliche Lauffeuer eilte die Nachricht durch die Stadt, die von der Offenbacher Zeitung am nächsten Tag so beschrieben wurde: „Eine Katastrophe, wie sie gleich furchtbar in ihrem Verlauf, gleich erschütternd in ihrer Wirkung in Offenbach seit langen Jahren nicht zu verzeichnen war, hat sich gestern Nachmittag in nächster Nähe der Stadt, bei der Schleuse, ereignet und Trauer und Betrübnis in viele Familien getragen.

Sechs hoffnungsvolle Menschen haben dort in den Fluten des Mains ein jähes Ende gefunden, und mit ihnen wurde ein wackerer Arbeiter, der unter Hintansetzung des eigenen Lebens versuchte, dem Tod seine Beute zu entreißen, hinabgezogen in das feuchte Grab“.

Zu Hunderten drängten sich vor dem Zeitungsgebäude am Aliceplatz die Menschen, die sich ein Extrablatt mit den Einzelheiten sichern wollten. Es berichtete von sechs ertrunkenen Mädchen aus der Klasse 4a der Mathildenschule und dem Bauarbeiter Wilhelm Göbig aus der Gegend von Aschaffenburg, der ums Leben kam, als er retten wollte.

Es war ein sonniger, warmer Tag, an dem die Lehrerin Marie Stein im Heimatkunde-Unterricht ihre Schülerinnen über die Mainbrücke aufs Frankfurter Ufer führte und dann flussabwärts. An der Schleuse durften sie Rast halten. Und dort sahen sie Buben aus Bornheim, die im nur fußhohen Wasser der Floßrinne direkt am Ufer planschten. Die Lehrerin erlaubte den Mädchen, es den Buben gleichzutun.

Es wäre ein fröhlicher Spaß geblieben, hätte nicht einige der Buben die Lust zum Schabernack gepackt. Sie erklommen den Schleusenturm und lösten den frei zugänglichen Hebel der Trommelwehrklappe. Unversehens stürze eine tosende Flut auf die spielenden Kinder. Der Lärm des stürzenden Wasser übertönte die Panikschreie der Kinder, von denen nur einige sich zur Treppe retten konnten.

Zehn zufällig nahe Arbeiter der Baufirma Holzmann eilten zu Hilfe. Einem von ihnen, dem Wilhelm Göbig, gelang es, gleich zwei Mädchen zu packen und zu halten. Ihm wollte die Besatzung eines Segelboots beistehen. Doch die Strudel schleuderten das Boot genau auf den Retter mit den beiden Kindern in den Armen. Alle Drei versanken.

Zwei Kinder konnte der Fährmann Heinrich Schrecker retten. Ein weiteres, schon ohnmächtiges Kind brachten Ruderer ans jenseitige Ufer zur Gerbermühle. Dem Gerbermühlen-Wirt gelang es, das Kind wieder zu beleben. Von den Bornheimer Buben aber wurde keiner mehr gesehen.

Ertrunken waren die Kinder einfacher Leute. Die Zeitung nennt als Väter einen Tagelöhner, einen Eisenhobler, einen Schuhmacher, einen Portefeuiller. Mit einem Spendenaufruf appellierte die Zeitung an ihre Leser, den meist mittellosen Familien finanziell beizustehen, und das blieb nicht ohne Erfolg. Es schien als weine die ganze Stadt.

Tausende von Offenbachern sollen denn auch am 23. August zur Trauerfeier auf dem Alten Friedhof geeilt sein. Zwei Geistliche bemühten sich dort um Trost. Oberbürgermeister Dr. Dullo und der Hauptlehrer Göckel hielten Ansprachen und legten Kränze nieder. Und bis auf den heutigen Tag erinnert auf dem Alten Friedhof ein Gedenkstein an die toten Kinder der Mathildenschule und den Bauarbeiter Wilhelm Göbig.

Im August 1909 aber hatte die Stadt schon bald wieder ein anderes Thema. Am 28. August mussten die „einquartierungspflichtigen“ Bürger 550 Soldaten vom 3. Bataillon des Infanterieregiments 168 aufnehmen. Die Manövergäste blieben fünf Tage.

Von Lothar Braun - veröffentlicht in der Offenbach Post

 

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