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Bade- und Verbandszimmer
© Haus der Stadtgeschichte / Stadt Offenbach
Vieles spricht dafür, dass um das Jahr 1914 die erste fest installierte Unterdruckkammer in Europa, möglicherweise auch auf der ganzen Welt, im Offenbacher Stadtkrankenhaus stand. Unterdruckkammern waren zu dieser Zeit eine neue Technik, die Operationen am offenen Brustkorb ermöglichten.

Das Verfahren wurde am 6. April 1904 durch den - damals erst achtundzwanzigjährigen - weltbekannten Chirurgen Prof. Ernst Ferdinand Sauerbruch und seinem Lehrer, dem Chirurgen und Ordinarius an der damals bekannten Universität Breslau, Prof. Dr. Mikulicz, auf dem Berliner Chirurgenkongreß vorgestellt.

Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts schienen Operationen am offenen Brustkorb nicht möglich, da in der Körperhöhle ein Unterdruck besteht und die Lungen zusammenfallen, wenn diese geöffnet wird. Der so Behandelte stirbt. Bei der sogenannten Sauerbruchschen Kammer lag der Kopf des Patienten bei normalem atmosphärischem Druck im „freien Raum“. Von hier erfolgte die Narkose.
Das Operationsteam arbeitete in einer Kammer, in der der Körper des Kranken luftdicht abgeschlossen lag. In der Kammer wurde ein Unterdruck von „zehn Zentimeter Wassersäule“ erzeugt. So sanken die Lungen des Patienten beim Öffnen des Brustkorbes nicht zusammen. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich allerdings diese Methode nicht durch. Bei der Behandlung von Speiseröhrenkrebs, Geschwülsten des Mittelfells oder Lungentumoren wurde ein Überdruck bei der Beatmung der Operierten erzeugt, ein Verfahren, das praktikabler und erfolgreicher ist.

Erstmals Ende Juli 1904 wurde in Breslau ein Patient erfolgreich in einer Unterdruckkammer an einem Speiseröhrentumor operiert. Die verwendete Kammer war freilich beweglich. Sauerbruch fand nach dem Tode von Professor Mikulicz bei den folgenden Stationen seines Medizinerlebens in Greifswald und Marburg nur wenige Möglichkeiten, seine Methode fortzuentwickeln. Ein Aufenthalt im Jahr 1908 in den USA ließ nur Tierversuche zu. Erst als Chef der Kliniken in Zürich (1910) und später in München, wo er nach dem ersten Weltkrieg eine -letzte- Unterdruckkammer bauen ließ, konnte er das Verfahren anwenden.

Die Kammern, in denen bis zum ersten Weltkrieg operiert wurde, hatten wohl den Nachteil, daß sie eher Provisorien waren und immer wieder auf- und abgebaut werden mußten. In einer Anmerkung weist Prof. Sauerbruch daraufhin, daß er sich in einer der größten Universitätskliniken mit einer behelfsmäßigen Einrichtung begnügen müsse, während in Offenbach hier schon eine Vorreiterrolle übernommen wurde. In einer vom damaligen Chefchirurgen Dr. Rebentisch im Jahr 1920 verfaßten Schrift „100 Jahre Stadtkrankenhaus Offenbach am Main“ heißt es, daß im Jahre 1914 der Mittelbau fertiggestellt wurde. In diesem sei neben vielen anderen -für die damalige Zeit vorbildlichen Räumen- auch eine „Unterdruckkammer geschaffen“ (worden). Der bayerische Staat schließlich bittet die Stadt Offenbach im Jahre 1923, die Pläne für den Bau einer Unterdruckkammer einzusehen.

Die Städtischen Klinken Offenbach sind heute ein Krankenhaus der Maximalversorgung, das weit über die Grenzen der Region hinaus einen hervorragenden Ruf besitzt und in einer großen Tradition steht. Am 6. Dezember 1894 bezog das damalige Stadtkrankenhaus das erste Bauwerk des neuen Klinikums, Teile des Gebäudes sind heute als sogenannter Altbau erhalten. Hunderte von sachverständigen Besuchern aus vielen europäischen Ländern, aus Nord- und Südamerika oder gar aus Indien kamen in den nächsten Jahren nach Offenbach. Das Gebäude, seine Einrichtung und die installierte Technik wurden Vorbild für viele Krankenhausbauten jener Zeit. Das damalige Kaiserreich präsentierte die Konstruktionspläne als Teile des deutschen Beitrags auf der Weltausstellung im Jahre 1900 in Paris. Wie heute viele Menschen aus europäischen Ländern zur Behandlung von bösartigen Geschwülsten im fortgeschrittenen Stadium nach Offenbach kommen, wurden zu jener Zeit Patienten aus Hamburg, Berlin oder Stettin nach Offenbach transportiert, weil die Klinik beispielsweise dank der elektro - medizinischen Einrichtungen, der Röntgengeräte und sogar eines kinematographischen Aufnahmeapparates in der Lage war, Fremdkörper in bewegten Organen wie Herz und Lunge festzustellen. Eine Möglichkeit, die vielen Verwundeten im Ersten Weltkrieg das Leben rettete. Im Jahr 1922 wurden 2.500 Menschen in Offenbach operiert. 1.100 dieser Operationen galten als große Eingriffe, die dem Bereich der Universitätskliniken zuzuordnen sind.