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Stadtarchiv Offenbach
© Stadtarchiv Offenbach
Felderkundung in Rumpenheim: Was ist aus dem einst viel gerühmten Rumpenheimer Rahmkuchen geworden? Gibt es ihn noch? Er scheint eine Spezialität gewesen zu sein, aus der man nicht nur Genuss bezog, sondern auch Identität. Ein Traditionsmerkmal sozusagen, dem Bieberer Kartoffelsalat gleich, der ja auch den Geschmack der Heimat auf die Zunge bringt..

Die Spurensuche beginnt an dem Haus Dörnigheimer Straße 4. Dort sollen die Hofbäcker den Backofen bedient haben, als im Schloss noch die Herrschaften residierten, vor denen man den Hut zog. Als Rumpenheimer Kinder noch lernten, dass es eine Ehre sei, gelegentlich Spalier bilden zu dürfen.

Das Haus Dörnigheimer Straße 4 ernüchtert. Gewiss, eine Genussquelle ist es geblieben. Doch nicht Gebackenes steht dort bereit. Hier wird mit italienischen Weinen erfreut. „Cantina Piemontese“ heißt die Hofbäckerei jetzt. Nur bei den Älteren ist noch die Erinnerung wach an den Bäcker Josef Russ, der die ehemalige Hofbäckerei bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts betrieb, auch als Pflegestätte der Rahmkuchen-Kultur. Nun also wird dort kein Teig mehr ausgerollt.

Ein Vorgänger des Josef Russ war im 19. Jahrhundert der Heinrich Pohl. Er belieferte das Schloss mit Brötchen und einem scharf gebackenen Brot, von dem beim Rumpenheim-Besuch beispielsweise der Zar von Russland schwärmte. Aber der Herrscher aller Reußen wird wohl auch Pohls „Rumpenheimer Rahm- und Butterkuchen“ gekostet haben. Der Kuchen genoss Ansehen in der Adelswelt.

In der Hofbäckerei kommandierte mittlerweile ein Meister Josef Wolf, als am 4. August 1902 ein Telegramm aus Stuttgart eintraf. Sein Text lautete: „Bitte schicken Sie an die Adresse Ihrer Majestät, der Königin von Württemberg, Stuttgart, zwei von den flachen Kuchen, dass dieselben wenn möglich Montag morgen hier eintreffen. Wenn das nicht geht, können dieselben auch am Abend zuvor ankommen.“

Zwei Monate später erbat die Königin von Württemberg eine weitere Sendung, diesmal nach Friedrichshafen am Bodensee. Ihre Majestät nutzte das Rumpenheimer Hofgebäck offenbar gern auch als Geschenkartikel. Das lässt ein Telegramm aus dem Jahr 1908 erkennen: „Bitte schicken Sie für Mittwoch einen Zuckerkuchen an Gräfin Stauffenberg-Usekul nach Jettingen bei Augsburg. Rechnung an Ihre Majestät die Königin.“ Die Landgrafen-Familie hatte zu dieser Zeit den Wohnsitz Rumpenheim schon aufgegeben. Aber noch immer verfügte die Hofbäckerei über die Transportbehälter, die sie fürs Versandgeschäft hatte anfertigen lassen.

Man musste natürlich nicht von Adel sein, um sich dieses Kuchens zu erfreuen. Die Hofbäckerei verkaufte an jedermann, und auch heutzutage ist er noch nicht aus der Welt. In der Edelsheimer Straße werden wir fündig. In einer Bachwarenfiliale steht er auf der Theke. Die Hälfte eines runden Rahmkuchens ist noch zu haben. Gebacken wurde er allerdings nicht in Rumpenheim, sondern in einem Offenbacher Ofen.

Im gesamten Stadtgebiet halten einige Backfilialen ihn bereit. Nur seinen Vornamen hat er mit der Zeit verloren. Er kommt jetzt allüberall einfach als Rahmkuchen einher. Die Herkunftsbezeichnung „Rumpenheimer“ ist Vergangenheit. Wie die Hofbäckerei in der Dörnigheimer Straße. Wie die Fürsten im Schloss und die Untertanen, die den Hut zogen. Aber wer von alledem noch weiß, kann beim Kauen so etwas wie Heimat schmecken.

Lothar R. Braun