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Bieber
Unverwechselbar: Bieber © Bernd Georg
Rund 15000 Offenbacher leben in Bieber. Nicht alle von ihnen werden es bemerkenswert finden, dass ihr Stadtteil vor nun 75 Jahren seine Selbstständigkeit verlor. Anderen mag das Jubiläum der Eingemeindung nur der Anlass sein, mal wieder etwas zu feiern. Bei einem harten Kern von Ur-Bieberern indes gilt der 1. April 1938 als ein Tag der Trauer. Sie reiben sich kaum mehr sichtbare Narben, um den alten Schmerz nicht zu vergessen.

Einen Drang nach Offenbach hatte es in der Industriegemeinde Bieber in der Tat wohl nicht gegeben. Der Ort verfügte über Bahnanschluss und eine Omnibuslinie nach Offenbach. Strom und Gas bezog er zwar aus Offenbach, aber das war ein normales Geschäft. Es gab noch ein paar Landwirte, für das Steueraufkommen sorgte jedoch eine vitale Industrie, darunter siebzig Lederwaren-Hersteller. Unter den Akteuren der Eingemeindung sind denn auch nur ortsfremde Hakenkreuzler zu nennen.

Der Bieberer Bürgermeister Wilhelm Kromm, ein Nordhesse, war erst 1937 von den Nazibehörden eingesetzt worden. Sein Offenbacher Vertragspartner, der Oberbürgermeister Dr. Helmut Schranz, stammte aus dem Dillkreis. Und der Reichsstatthalter Jakob Sprenger, der den Vertrag ausgerechnet am Weihnachtstag 1937 in einen staatlichen Erlass umsetzte, kam ursprünglich aus dem Ruhrgebiet. Dass die Bieberer und die Offenbacher Gemeindevertreter den Vertrag jeweils einstimmig gebilligt hatten, gehörte zu den Selbstverständlichkeiten einer Diktatur.

Immerhin, schon im Februar 1938 zogen erstmals auch Bieberer im Offenbacher Fastnachtszug mit. Ihr Motto hieß: „Mir mache jetzt aach mit!“ Das mochte als Jubelruf verstanden werden oder als Ausdruck von Resignation. In seiner langen Geschichte war der Ort zwar schon an viele Herrschaften gewöhnt worden. Fast 400 Jahre lang gehörte es zum Kurfürstentum Mainz, dann zum Fürstentum Isenburg, danach zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Aber die Eheschließung mit einem Nachbarn hatte ihm noch keiner verordnet.

Gleichwohl, als 1938 an der Turnhalle die Hakenkreuzfahnen zur Eingemeindungsfeier aufgezogen wurden, zog das auch Verdrossene an. Die Turnhalle reichte nicht aus, um jedem Teilnehmer einen Stuhl zu bieten. Sitzen durften nur die Ältesten. Was sie dann erlebten, hatten die Veranstalter als eine Kundgebung nationalsozialistischer Volksgemeinschaft inszeniert. Dergleichen bestand immer aus dem Anhören zackiger Marschmusik und endloser Ansprachen.

Hingenommen werden musste, dass vertraute Straßennamen durch neue ersetzt wurden, um Doubletten mit Offenbach und Bürgel zu vermeiden. Belastet aber wurde die beschworene Gemeinschaft durch einen Vorgang, den viele als brutal und arrogant empfanden. Nur vier Monate nach der Eingemeindung ließ die Offenbacher Stadtverwaltung das Bieberer Rathaus abreißen. Das musste als Raub der Identität verstanden werden.

Offenbach konnte mit dieser Eingemeindung abermals sein eng geschnürtes Gemarkungsgebiet erweitern. Wie verzwickt die alten Grenzen verliefen, lässt sich am „Bieberer Berg“ anschaulich machen. Seine höchste Erhebung ragt aus Bürgeler Boden auf. Der nahe „Bieberer Aussichtsturm“ hingegen steht auf Rumpenheimer Grund. Doch niemand neidet es den Bieberern, dass auf dem Etikett jeweils der Name Bieber steht.

Die Eingemeindung erfolgte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Für die Entwicklung des neuen Stadtteils wird daher erst die Nachkriegszeit wichtig. Etwa um 1960 begann die Bebauung von Bieber-West, die eine Lücke zwischen Tempelsee und Bieber schloss. Ab 1967 entstand der Ortsteil Waldhof. Sein Kern ist das Areal eines alten Gutshofs, das russische Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg durch Waldrodung vergrößerten. Von 1914 an hatte die Stadt Offenbach nach und nach dort Grundstücke erworben. Umzingelt war Bieber also schon lange vor der Eingemeindung. Die Gebäude des Guts Waldhof zerstörte jedoch erst der Zweite Weltkrieg.

Nur kurz flackerte nach dem Ende des NS-Regimes in Bieber eine „Los-von-Offenbach“-Bewegung auf. Ihr stellte sich zunächst Adam Marsch zur Verfügung, der populäre letzte frei gewählte Bürgermeister, den die Nazis 1933 aus dem Amt trieben. Doch auch er rückte bald von den Trennungsbestrebungen ab. Neue Zeitverhältnisse und veränderte Befindlichkeiten hinderten daran, das Rad rückwärts zu drehen.                                                                                                       Lothar R. Braun