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zerstörte Häuser nach dem zweiten Weltkrieg
Leichenbergung an der östlichen Taunusstraße/ Nordring. © Stadt Offenbach/Stadtarchiv

Zahlreiche Daten haben sich ins nationale Gedächtnis geschrieben, der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, das Ende des Zweiten Weltkriegs, der Tag des Mauerfalls und einige andere. Damit bleibt Geschichte im Gedächtnis und präsent. Denn so wie die Berliner Mauer nur noch als East Side Gallery besteht und Stolpersteine auf die jüdischen Mitbürger hinweisen, die dem Holocaust zum Opfer fielen, tauchen manifeste Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs manchmal nur bei Bauprojekten auf. Die Bombenkrater wurden zugeschüttet, überbaut und dann passiert es, dass Straßenzüge oder ganze Stadtviertel wegen eines Bombenfunds gesperrt werden. Die meisten Blindgänger dürften inzwischen geräumt sein, aber sie geben eine Ahnung über die tatsächliche Dimension dessen, was sich in den letzten Kriegsjahren im Rhein-Main-Gebiet und auch in Offenbach abspielte.

Hans-Peter Koller, Jahrgang 1933, hat eine der verheerenden Bombennächte „um Haaresbreite“, wie er selbst sagt, im Keller des Wohnhauses in der heutigen Marienstraße er- und auch überlebt. Moltkestraße hieß die Straße damals noch und jene Bombennacht am 20.12.1943, in der unter anderem auch das Büsing-Palais bis auf die Außenmauern zerstört wurde, hinterließ tiefe Spuren in Stadtbild und Menschen. Auch das Nachbarhaus der Kollers gab es nach dieser Nacht nicht mehr, eine Sprengbombe hatte dieses sowie das Areal am Isenburgring buchstäblich in Schutt und Asche gelegt.

Hans-Peter Koller wurde in den Schwarzwald und später in den Vogelsberg evakuiert, gemeinsam mit Mutter und seinen Geschwistern kehrte er 1950 in das wiederaufgebaute Haus der Großeltern in der Mainländerstraße nach Offenbach zurück.„Wir haben die Stadt nicht wiedererkannt, denn nach dem Krieg hatte hier kaum noch ein Stein auf dem anderen gestanden“, berichtet er: „Die schlimmsten Zerstörungen richteten die Alliierten in der Nacht zum 18. März 1944 an, als 44 Luftminen, 417 andere Sprengbomben, 6.000 Flüssigkeitsbrandbomben und rund 100.000 Stabbrandbomben beim „Area Bombing“ auf das Stadtgebiet fielen.“ In jener Nacht wurde das gesamte Rhein-Main-Gebiet zu einem Bombeninferno, der auch die historische Altstadt in Frankfurt zum Opfer fiel. Denn im Verlaufe des Zweiten Weltkriegs nahmen Angriffe gegen Industriestandorte und die Zivilbevölkerung zu  und „Offenbach galt bei den alliierten Streitkräften als südöstlicher Stadtteil Frankfurts.“

Historisch interessiert war er schon immer, sagt Koller. Er hat unter anderem ein Buch über den Offenbacher Karfreitagsputsch 1919 geschrieben, aber die Auseinandersetzung mit den Luftkriegen ist zweifelsohne ein persönlicher Schwerpunkt des Hobby-Historikers. Deshalb liegt ihm die Erinnerung an das flächendeckende Bombardement jener Tage sehr am Herzen: „Ich möchte, dass dieser Teil des Krieges nicht in Vergessenheit gerät.“ Heißt für ihn, eben jenseits des antifaschistischen Blicks auch die Leiden der Bevölkerung anzuerkennen.

Am Montag, 18. März, jährt sich die Bombennacht zum 75. Mal. Die Stadt Offenbach gedenkt der Zerstörung und dem Leid mit einer offiziellen Kranzniederlegung. „Der Tag ist uns Mahnung und Auftrag“, betont Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke, „nie wieder Antisemitismus und Ausgrenzung, vor allem aber nie wieder Krieg!“ 

15. März 2019