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Als Inge Deckert aus der Ludwigstraße zehn Jahre alt war, wurde sie Mitglied im Bund Deutscher Mädel (BDM), einer Organisation der Hitlerjugend. Der Monatsbeitrag betrug 36 Pfennig. In einem Schulaufsatz schrieb das Kind auf, wie es im BDM zuging: „Unser Dienst besteht im Sommerhalbjahr aus Antreten und im Winterhalbjahr aus Antreten und Heimabend. Oft machen wir Handarbeiten für die NSV (das war die nationalsozialistische Wohlfahrtsorganisation). Außerdem werden Gesellschaftsspiele gemacht und Scherzfragen gestellt“.

Inge Deckert lebt nicht mehr. Aber was sie aufgeschrieben und gesammelt hat in den braunen Jahren, wird jetzt im Stadtarchiv verwahrt. Ihr Ehemann, der in Offenbach bekannte Grafiker Helmut Bischoff (82) hat den Nachlass dem Haus der Stadtgeschichte übergeben. Es sind Fotos, Briefe, Lebensläufe, Ausweise, Rationierungskarten für Lebensmittel und Schulaufsätze. Vor allem diese machen anschaulich, wie das Nazi-Regime bereits die Kinder indoktrinierte.

Zu dem Nachlass gehört beispielsweise der „Kleine Ariernachweis“, der so erklärt wird: „Nachweis der Abstammung aus deutschem oder artverwandtem Blut einschließlich der vier Großeltern“. Ein „Großer Ariernachweis“ führte weiter zurück. Was den Kindern damit vermittelt werden sollte, zeigen Schmuckblätter, die Inge im Zeichenunterricht der Schillerschule anfertigte: „Gedenke, dass du eine deutsche Ahnfrau werden willst!“ Oder: „Die Rassenfrage gibt nicht nur den Schlüssel zur Weltgeschichte, sondern zur menschlichen Kultur überhaupt“. Und: „Was nicht guter Rasse ist, ist Spreu“.

Die Kinder lernten, dass es „hochwertige und minderwertige“ Menschen gibt und dass es eines deutschen Mädchens höchste Aufgabe sei, Mutter vieler Kinder zu werden: „Wer Kinder haben könnte und keine hat, ist minderwertig“. Ein Aufsatzthema hieß: „Welche Gesetze dienen der Rasse- und Familienpflege?“ Ein anderes lautete: „Was ich von meinen Eltern und Großeltern an Aussehen und Art geerbt habe“.

In einer Klassenarbeit mussten die Kinder ermitteln, dass elf Mitschülerinnen bedauerlicherweise Einzelkinder waren und nur eine mit sechs Geschwistern als Vorbild auffiel. Den Anforderungen genügten noch zwei Familien mit fünf und eine Familie mit vier Kindern. Eher in den Defizitbereich gehörten sieben Zwei-Kinder-Familien und elf Drei-Kinder-Familien.

Über den Schulbetrieb in der Schillerschule schrieb Inge Deckert: „Vor Beginn des Unterrichts findet eine Morgenfeier im Schulhof statt, die aus Lied und Spruch besteht. Bei Beginn und Schluss des Unterrichts vor und nach den Ferien findet ein feierliches Hissen und Einholen der Flagge statt“.

Einer der letzten Aufsätze stammt aus dem September 1939, dem ersten Kriegsmonat. Thema: „Wie der Krieg in unsere Familie eingreift“. Inge schloss ihn mit der Feststellung: „ Bis heute, den 25. September, fand über Offenbach noch kein Luftangriff statt“. Dem folgt nur noch ein Bericht über „Die Führerspende“. Inge schreibt: „Am 20. April 1940 (Hitlers Geburtstag) spendete das ganze deutsche Volk Metall. Auch Vater und ich spendeten allerhand Blei, Kupfer, Eisen, Bronze usw. Für die Opferbereitschaft erhielt jeder Spender eine Urkunde“.

Dem Bericht ist die Urkunde beigefügt, die unsere Chronistin erhalten hat: „Metallspende des deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers im Kriegsjahr 1940. Im Namen des Führers danke ich Frl. Inge Deckert für die opferbereite Beteiligung an dieser Spende. gez. Hermann Göring, Generalfeldmarschall“..

Nachlässe wie dieser gelten im Haus der Stadtgeschichte als willkommene Bereicherung des Bestands. Sein Leiter Dr. Jürgen Eichenauer sieht in den Jahren 1933 bis 1945 ein wichtiges Kapitel der Stadtgeschichte. Manche Erben, sagt Eichenauer, ziehen jedoch die Vernichtung solchen Materials einer Übergabe ans Museum vor. Sie wollen nicht durch die Inhalte „in ein falsches Licht geraten“.

Es gibt Hinweise darauf, dass diese Scheu tatsächlich existiert: Material aus der Nazizeit wird dem Haus der Stadtgeschichte gelegentlich anonym zugestellt. Doch ob anonym oder offen, Eichenauer nimmt Zeugnisse der NS-Zeit gerne an. Denkbar erscheint ihm, daraus eine Ausstellung zu gestalten. In der das Material natürlich kritisch kommentiert wird.