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Am 30. Januar 1933 machte die Offenbacher Zeitung auf mit der Schlagzeile „Adolf Hitler Reichskanzler“. Über Deutschland ging das Hakenkreuz auf, und die Leute, die das Zeichen am Ärmel trugen, versäumten keinen Tag. Innerhalb weniger Wochen verwandelten sie die Republik in eine Diktatur.

„Tag der Machtergreifung“ nannte man das Datum schon bald darauf. Doch viele Offenbacher bedrückt an diesem trüben Januar-Montag anderes. Ganz Hessen ist von einer Grippeepidemie befallen. Sämtliche Offenbacher Schulen stellen den Unterricht ein. In den Klassen fehlt jeweils mindestens ein Drittel der Schüler wegen Erkrankung. Erst am nächsten Tag löst sich das politische Offenbach aus dem Schock vom 30. Januar. Es reagiert panisch.

Am Morgen des 31. Januar kommt es in der Innenstadt zu Zusammenstößen. Im Bereich Große Marktstraße und Herrnstraße werden Nazis verprügelt. In der „Straße der Republik“, heute Kaiserstraße, treibt die Polizei mit dem Gummiknüppel Zusammenrottungen auseinander. Drei Verletzte gibt es bei einer Schlägerei auf der Waldstraße zwischen Marktplatz und Bleichstraße. Ein kommunistischer Demonstrant wird mit Stichverletzungen ins Krankenhaus gebracht.

Um 18 Uhr veranstalten die Kommunisten eine Kundgebung auf dem Wilhelmsplatz. An die 3000 Demonstranten ziehen von dort durch die Stadt. Einige Demonstranten nimmt die Polizei wegen „Beleidigung des Reichskanzlers“ fest.

Die Unruhe eskaliert am 1. Februar. Verbände von SA, SS und der Frontkämpferbund „Stahlhelm“ feiern die Machtübernahme mit einem Fackelzug. An der Kreuzung Frankfurter und Kaiserstraße werden aus dem Umzug Gegner mit Fackeln angegriffen.

In der Altstadt gehen rund 300 Kommunisten auf die Straße. Fensterscheiben zersplittern bei Nazi-Angriffen auf Büros von SPD und KPD und auf die Treff-Gaststätten politischer Gegner. Zwei Verletzte bleiben liegen bei einer Schießerei in der Domstraße.

Für ganz Offenbach verbietet die Darmstädter Landesregierung an diesem Tag jedwede Versammlung unter freiem Himmel. Zeitgleich schränkt die neue Reichsregierung mit einer „Verordnung zum Schutz des deutschen Volkes“ die bürgerlichen Freiheiten ein. Die Behörden stellen eine Hilfspolizei auf, zusammengesetzt aus „auf nationalem Boden stehenden Deutschen“. Das sind in der Regel Mitglieder der SA und der SS. Sie haben freie Jagd auf Andersdenkende.

Als wolle auch die Natur etwas dazu sagen: Zum politischen Erdbeben kommt am 8. Februar ein tatsächliches tektonisches Beben. Es wird im gesamten Süden der Stadt wahrgenommen. Vor allem in Tempelsee wackeln die Wände.

Bei der Reichstagswahl vom 5. März erreicht die Nazipartei in Offenbach zwar die höchste Stimmenzahl, aber immer noch weitaus weniger als SPD, KPD und Zentrum zusammen. Doch nun wird das ohnehin schon atemberaubende Tempo noch gesteigert. Am 11. März meldet die Offenbacher Zeitung: „Alle Länder gleichgeschaltet“. Am 24. März berichtet sie über die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes, mit dem der Reichstag sich selbst entmannt. In der Zeitung erscheinen Bilder von Konzentrationslagern. In Dachau ist das eine ehemalige Pulverfabrik. Offenbacher Regimegegner werden im rheinhessischen Osthofen in einer ehemaligen Zuckerfabrik eingesperrt. Die Nazis nennen es „Schutzhaft“.

Das Offenbacher Rathaus, damals im Büsingpalais, nehmen die Braunen Ende März in den Griff. Am Vormittag treten SA und SS auf dem Wilhelmsplatz an. Sie marschieren in die Herrnstraße und stellen sich im Büsinghof auf. Der Oberschulrat Ringshausen besteigt den Balkon und erklärt Oberbürgermeister Max Granzin und Bürgermeister Aull für abgesetzt. Triumphierend hissen sie auf dem Palais die Hakenkreuzfahne. Eine ganze Reihe städtischer Beamter geht in die Zwangspensionierung. Kommissarischer Oberbürgermeister wird der Regierungsrat Dr. Schönhals aus dem Finanzamt.

Jüdische Offenbacher können am 1. April erkennen, was sich anbahnt. Vor jüdischen Geschäften ziehen an diesem Samstag SA-Posten auf, die Schaufenster besudeln und die Kunden vom Betreten des Geschäfts abhalten. Die Nazis haben zu einem reichsweiten Boykott aufgerufen. Er wird als Protest gegen „ausländische Greuelhetze“ ausgegeben.

Am 6. April fegt der braune Sturm Straßennamen aus der Stadt. Der August-Bebel-Ring wird zum Adolf-Hitler-Ring, der Waldpark auf dem Bieberer Berg zum Adolf-Hitler-Park, die Rathenaustraße zur Hermann-Göring-Straße. Die Straße der Republik wird Kaiserstraße, der Wilhelm-Liebknecht-Ring zum Hessenring, die Karl-Marx-Straße zur Lindenstraße, der Aliceplatz zum Horst-Wessel-Platz, der Friedrich-Ebert-Ring zum Schlageterring, der Wilhelmsplatz zum Platz der SA. Und das sind nicht die einzigen Umbenennungen.

Eine Bastion ist noch zu nehmen, das Gewerkschaftshaus in der Austraße. Der Sturm auf die freien Gewerkschaften wird mit einer großen Inszenierung vorbereitet, dem „Feiertag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai. Offenbach protzt mit Fahnenschmuck. Selbst jüdische Geschäfte werden zum Beflaggen ermuntert, nur das Hakenkreuz dürfen sie nicht zeigen. Neben der Hakenkreuzfahne ist noch die schwarz-weiß-rote Reichsfahne zugelassen.

Der Tag beginnt mit Marschmusik und Flaggenhissungen in den Betrieben. Um 8.30 Uhr wird auf dem „Lagerhausplatz“ vor dem heutigen Ledermuseum ein „Feldgottesdienst“ inszeniert. Um 9 Uhr übertragen Lautsprecher auf dem Lagerhausplatz, dem Wilhelmsplatz und dem Aliceplatz die zentrale Kundgebung aus dem Berliner Lustgarten.

Mittags zieht ein Festzug mit Tausenden von Menschen durch die Stadt. Es dauert anderthalb Stunden, den Vorbeimarsch der Betriebe, Vereine und Verbände, der SA, SS und Hitlerjugend zu beobachten. Selbst „marxistischen Vereinen und Verbänden“ wird das Mitmachen erlaubt. Sie dürfen nur keine Fahnen und Symbole zeigen. Zwei Wochen später werden die den Linksparteien nahestehenden Vereine verboten. Am Nachmittag des 1. Mai kann man sich auf einem Volksfest im Stadtgarten amüsieren. Doch dann wird wieder marschiert, diesmal zum Wilhelmsplatz. Dort ist die Übertragung einer weiteren Kundgebung aus Berlin anzuhören.

Am nächsten Tag besetzt die SA das Gewerkschaftshaus. Die Gewerkschaften werden aufgelöst.

Zwei Offenbacher Arbeiterführer haben die Nazis anlässlich des Feiertags aus dem KZ Osthofen begnadigt. Erschüttert gewahren Heiner Galm und Paul Rodemann, dass viele ihrer Genossen sich von den Nazis beeindrucken lassen. Eine große Zahl von Hakenkreuzfahnen in den einstigen linken Hochburgen wie dem Biergrund rüttelt an beider Weltbild. Den Chefredakteur des sozialdemokratischen Parteiorgans „Abendblatt“ und zeitweiligen Landtagsabgeordneten Georg Kaul treibt der Opportunismus der Vielen sogar in den Tod. Als er am 2. Mai aus dem Leben geht, hinterlässt er einen Zettel mit der Aufschrift: „Vor so viel Gesinnungslumperei schäme ich mich“.

Wer noch immer nicht weiß, was die Stunde geschlagen hat, erhält am 22. Mai eine weitere Lektion. Zu Ehren des vor 120 Jahren geborenen und vor 50 Jahren gestorbenen Komponisten wird vor dem Isenburger Schloss eine Richard-Wagner-Feier veranstaltet. Man hat eine Tribüne aufgebaut. Lehrer und Studierende der späteren Hochschule für Gestaltung haben den Platz dekoriert. Vor der Renaissancefassade des Schlosses hängen Hakenkreuzfahnen. Im Zentrum des von Fackelträgern gesäumten Platzes ist ein Scheiterhaufen geschichtet. Zum Höhepunkt der Feier werden auf ihm „undeutsche“ Bücher verbrannt, Romane und Gedichte ebenso wie Politisches und Philosophisches. Mindestens 4000 Menschen jubeln dazu begeistert.

Am 23. Mai beeilen sich die neuen Stadtverordneten, dem Beispiel der meisten deutschen Städte zu folgen. Adolf Hitler und Reichspräsident von Hindenburg werden Ehrenbürger der Stadt Offenbach..

Im Sommer 1933, nur sechs Monate nach der „Machtergreifung“, gibt es außer der einen keine anderen Parteien mehr, aber eine bisher unbekannte Organisation. Gegründet wird eine Ortsgruppe Offenbach des Reichsluftschutzbundes. Vom Krieg trennen uns jetzt nur noch sechs Jahre.

Von Lothar R. Braun