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Monatelang war im Jahr 2009 der „Mainfischer“ an der Carl-Ulrich-dem Blickfeld der Offenbacher entrückt. Einen Straßenumbau am Eingang des neuen Hafenviertels hat das allen Offenbachern vertraute Standbild gewissermaßen für eine Erholungskur genutzt. Rechtzeitig zur Feier seines 75.Geburtstages kehrte er im Juli 2010 aus der Kur in einer Offenbacher Schlosserei zurück. Die bronzene Wacht am Main glänzte wieder in neuer Frische.

Auf einem Pferdefuhrwerk ist die Figur am Morgen des 16. Juli 1935 aus der Frankfurter Kunstgießerei Komo nach Offenbach gelangt. Um 11.30 Uhr war sie auf dem Sockel an der Brücke montiert. „Er hält treue Wacht“ titelten die „Offenbacher Nachrichten“ am nächsten Tag.

Es hat schon manchen verwundert, dass der „Mainfischer“ eher aussieht, als gehe er bei Island auf Heringsfang. Ölzeug und Südwester gehörten auf dem Main auch bei den Berufsfischern alter Zeiten nicht zur Ausstattung. In ihrer Urform stützte sich die Figur auch noch auf einen für die Hochsee tauglichen Anker. Alles an ihr deutet auf Atlantikstürme, Trawler, Kabeljau und Hering.

Ursprünglich sprach denn auch kein Mensch von einem „Mainfischer“. Bildhauer Ernst Unger nannte sein Werk schlicht „Der Fischer“. An einer Mainbrücke wirkte die Plastik denn auch, als habe sich da einer verirrt. Aber als Fremdkörper mochte der Volkssinn den Salzwasser-Fischer nicht gelten lassen. Man wollte das stramme Mannsbild lieb haben. Erst in dieser Umarmung wurde aus dem Heringsfänger ein Süßwasser-Fischer, unser Mainfischer eben.

Zwei Meter groß, mit dem ursprünglichen Anker 18 Zentner schwer: In gelassener Monumentalität trägt der Bronzemann die Last der Jahre. Dabei ist er dünnhäutiger als man vermuten kann. Unter seiner nur sieben Zentimeter dicken Bronzehaut ist der Kerl hohl. Man hat ihn auch nicht in einem Stück gießen können. Die Frankfurter Kunstgießerei fertigte ihn in zwei Teilen an. Zuerst wurde die obere Körperhälfte gegossen, dann die untere. Man sieht es ihm nicht an.

Geformt wurde er nach einem Modell, das der Offenbacher Bildhauer Ernst Unger (1889-1954) geschaffen hatte. Der Sohn eines Offenbacher Gastwirts und Metzgers begann seine künstlerische Ausbildung schon als Fünfzehnjähriger an der Kunstgewerbeschule, einem Vorläufer-Institut der Hochschule für Gestaltung. Zu seinen Lehrern gehört dort u. a. der in Offenbach populäre Professor Ludwig Enders. Später wurde Unger Meisterschüler des berühmten Frankfurter Malers und Plastikers Fritz Boehle.

Gern hat Unger erzählt, wie oft er Boehle in Sachsenhausen zum Äbbelwoi begleiten musste. Das lässt den Meister als knorriges Original erscheinen. Auch in den Kneipen kannte man ihn als Berühmtheit, aber es störte ihn mächtig, wenn er dort angestarrt und beobachtet wurde. Da konnte er, so erzählte es Unger; schon mal gallig bellen: „Was glotze se mich aa?“

Nach einer Verwundung im Ersten Weltkrieg kam der Soldat Unger in ein „Berufsübungslazarett für Kriegsbeschädigte“, das in der heutigen Hochschule am Schloss eingerichtet war. Professor Hugo Eberhardt, der Gründer des Deutschen Ledermuseums und Leiter der Technischen Lehranstalten, stand der Einrichtung als künstlerischer Leiter vor. Dort bald vom Patienten zur Lehrkraft aufgestiegen, schuf Unger 1915 den „Eisernen Mann“: ein mannhohes hölzernes Denkmal, das an Götz von Berlichingen erinnerte. Auf dem Aliceplatz konnte man gegen Geldspende einen Nagel erwerben und in das Holz schlagen, bis aus dem hölzernen ein eiserner Mann geworden war. Die Figur ist im Zweiten Weltkrieg mit anderen Beständen des Heimatmuseums verbrannt.

1919 bezog Unger ein eigenes Atelier, zuerst in der Schloss-, dann in der Mainstraße. Denkmäler sind dort entstanden, Figurenschmuck für Industriebauten und Hauszeichen. Beispielsweise das Hauszeichen der Lederwarenfirma Karl Seeger, das heute vor dem Unternehmensgebäude in Bieber-Waldhof steht. Unger hatte es nach einem Entwurf von Ludwig Enders gestaltet: eine koffertragende Merkurfigur, die auf einem Stier reitet.

Auch das Reichsluftfahrt-Ministerium in Berlin, heute Sitz des Bundesfinanzministers, konnte Unger mit Plastiken anreichern. Dennoch wäre er wohl heute in Offenbach ein Vergessener, wenn es nicht am Main seinen Fischer gäbe.

Von Lothar Ralo Braun

Erschienen in der OFFENBACH POST