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Regina Jonas: die weltweit erste Rabbinerin
Regina Jonas: die weltweit erste Rabbinerin © Centrum Judaicum Berlin
Die Öffentlichkeit nahm es nicht wahr, dass sich im Haus Körnerstraße 12 am 26. Dezember 1935 ein historischer Akt vollzog. In der Wohnung des Rabbiners Dr. Max Dienemann wurde weltweit die erste jüdische Frau als Rabbiner ordiniert: die Berlinerin Regina Jonas. Es war ein Weltereignis. Die nächste Ordination einer Rabbinerin erfolgte erst 1972 in den USA, in Deutschland dauerte es bis 2010.

Darüber berichtet eine von der Offenbacher „Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft“ vorgelegte Schrift ihres Vorsitzenden Anton Jakob Weinberger. Unter dem Titel „Jüdische Frömmigkeit kennt nur das Suchen – Der Beitrag des Rabbiners Dr. Max Dienemann zur jüdischen Theologie“ gibt sie einen Vortrag wieder, den Weinberger im Zentrum für jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg gehalten hat. Es ist eine Arbeit zur Religionsphilosophie, wirft jedoch auch Licht auf ein geistesgeschichtlich bemerkenswertes Kapitel der Offenbacher Stadtchronik.

 

Das mit zahlreichen Fußnoten und Literaturhinweisen angereicherte Büchlein macht Offenbach sichtbar als ein Zentrum jüdischer Reformbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. An den Wegbereitern des vorangegangenen Jahrhunderts kritisierten spätere Liberale wie Dienemann, sie hätten sich auf eine Erneuerung lediglich des Kultus beschränkt. Dienemann hingegen, so erkennt es Weinberger, suchte zeitgemäße Liberalität mit konservativem Geist zu verbinden. Darin sah er den Weg zu einer Erneuerung jüdischer Frömmigkeit. Zumal in einer Zeit der äußersten Bedrängnis benötige sie die Kraft der Tradition. Gleichwohl, so macht Weinberger deutlich, musste die Orthodoxie darin einen Tabubruch erkennen, der in der Ordination einer Rabbinerin seinen Gipfel erreichte.

 

Die Erregung, die die theologischen Impulse aus Offenbach in der jüdischen Welt auslösten, erstickte in den Synagogenbränden von 1938 und in den Vernichtungslagern. Zweimal war der Theologe Dienemann in Konzentrationslagern inhaftiert, 1933 im KZ Osthofen, 1938 nach dem Novemberpogrom in Buchenwald. Von dort kam er frei durch die Bereitschaft zur Auswanderung. Er starb 1939 in Tel Aviv, im Alter von 64 Jahren. Die 1902 in Berlin geborene Rabbinerin Regina Jonas wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Nach ihr ist im Offenbacher Büsingpark ein Weg benannt, der einen Max-Dienemann-Weg kreuzt.

 

Die Offenbacher Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft ist eine 1995 gegründete Vereinigung mit kulturell-wissenschaftlichen Zielen. Sie hat jüdische und nichtjüdische Mitglieder. Ihre jüngste Veröffentlichung skizziert die Lebenswege Dienemanns und der Regina Jonas im Hintergrund eines geistigen Ringens um jüdische Identität, die im mittelalterlichen Ghetto wohl einheitlicher begriffen wurde als nach der Emanzipation. Den Offenbacher Rabbiner Max Dienemann sieht der Autor dabei als einen Prediger weltoffener Frömmigkeit. Seine Vorstellungen von der Freiheit eines gottgebundenen Geistes werden christlichen Denkweisen nicht fremd erscheinen.

                                                                                                                                Lothar R. Braun

 

Synagoge in der Goethestraße
© Stadt Offenbach / Stadtarchiv