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schwarz-weiß-Aufnahme des Schriftkünstlers Rudolf-Koch
© Stadt Offenbach
Eingeborene Offenbacher erkennt man daran, dass sie den Rudolf nicht mit dem Robert verwechseln. Dem Bakteriologen Robert Koch (1843-1910) ist eine Straße am Bahndamm gewidmet. Mit Offenbach verband ihn nichts. Den Namen des gemeinhin als Schriftkünstler bezeichneten Rudolf Koch hingegen trägt ein Gymnasium an der Schlossstraße, und ihn verbindet viel mit Offenbach. 1934 ist er gestorben.

Koch, den man heute wohl als Designer bezeichnen würde, hat hohen Anteil daran, dass Offenbach einst auch als „Stadt der Lettern“ bezeichnet werden konnte. An die drei Dutzend Druckschriften hat er gestaltet, seit er 1906 in die Dienste der Offenbacher Schriftgießerei Gebr. Klingspor getreten war. Kalligraphien, liturgische Geräte und Schriftteppiche gehören zu seinem Nachlass, von dem das Klingspor-Museum einen großen Teil pflegt. Als Koch auch einen Lehrauftrag an der Offenbacher Kunstgewerbeschule angenommen hatte, sammelte er dort Künstler um sich, die als „Offenbacher Werkstatt“ formgebende Vorbilder wurden.

Nur einen dieser Jünger stieß er wieder von sich. Der musste 1931 die Werkstatt verlassen, weil er mit antisemitischen Äußerungen Kollegen verletzt hatte. Im Antisemitismus konnte der glaubensstarke Protestant Koch nur Geistestrübung und Charakterschwäche erkennen. Dennoch wollten in der Nachkriegszeit manche Kritiker Rudolf Koch in der Nähe des nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Gedankenguts sehen. Sein Patriotismus wurde als „Deutschtümelei“ interpretiert, seine skeptische Sicht auf manche Zivilisationserscheinung als fortschrittsfeindlich, die gebrochenen Lettern seiner Frakturschriften als „Nazischrift“.

Doch die „Offenbacher Nachrichten“, die Tageszeitung der Nazipartei, beschrieben ein allgemeines Empfinden, als sie dem Verstorbenen im April 1934 nachriefen: „Durch den jähen Tod Rudolf Kochs ist Offenbach um einen seiner größten Mitbürger, Deutschland um einen seiner edelsten Söhne, die Welt um eine wunderbare Seele ärmer geworden.“ Der in Nürnberg geborene Sohn eines Bildhauers war in der Tat eine einzigartige Persönlichkeit. Er hat Offenbach bereichert.

Mit Selbstverständlichkeit hat auch die Offenbach-Post bis in die 1960er Jahre Koch-Schriften genutzt. Seitdem hat die digitale Technik die Koch-Schriften aus dem Blickfeld gedrängt. An seiner einstigen Wirkungsstätte, der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, könnte Koch allenfalls noch als eine Fußnote zu eingestaubter Historie erscheinen. Doch dieser Eindruck mag trügen. Stefan Soltek, der Hausherr im Klingspor-Museum, findet es bemerkenswert, dass an der HfG gerade eben aus Kochs „Kabel“-Schrift eine „Kabel Neu“ entwickelt wurde.

Im Klingspor-Museum bildet Kochs Nachlass einen Kern der Sammlungen. Und dort wird an Koch ständig Neues entdeckt. Aufmerksam beobachtet Soltek just erst entdeckte Koch-Zeichnungen, die das tradierte Bild des Meisters erweitern. „Kochs Verdienst ist es, die Schrift an die bildende Kunst herangeführt zu haben,“ sagt der Museumsleiter. Eben das aber habe Kochs Aktualität stabilisiert.

Erstaunlich lebendig erscheint Kochs Andenken in der Friedenskirche im Offenbacher Westend. Koch, der im nahen Buchrainweg wohnte, war ein aktives Mitglied der Gemeinde. Sie empfand er als Quelle seiner Kreativität. Er gehörte dem Kirchenvorstand an, gestaltete die Grundstein-Urkunde des 1912 eingeweihten Gotteshauses und die Umschriften der Glocken.

Über dem Altar der Friedenskirche fangen von Koch gestaltete Symbole den Blick: ums Kreuz gruppiert das Auge Gottes, die Gebotstafeln, der Abendmahlskelch, dazu Zeichen für Geburt und Auferstehung. Neben der Kanzel erzählt ein Schriftteppich aus der Koch-Werkstatt den Anfang der Schöpfungsgeschichte. Die Fenster verweisen in der Kochschen Symbolsprache auf Geschichten aus dem Neuen Testament. Alles, was er schuf, wollte Rudolf Koch als Verherrlichung Gottes verstanden wissen. Die Universität Münster zeichnete ihn dafür mit der Würde eines Ehrendoktors der Theologie aus. Den Titel eines Professors hatte er schon vorher erhalten.

Der Meister starb 1934 im Alter von 57 Jahren. Sein Grab auf dem Waldfriedhof in Oberrad ist erhalten.                                                                    Lothar R. Braun