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Noch lange mussten die Menschen zwischen Trümmern leben
Noch lange mussten die Menschen zwischen Trümmern leben © Stadtarchiv Offenbach
Sie kamen nicht mehr mit Bombenlast in ihren Flugzeugen. Am 26. März 1945 zogen die Amerikaner mit Jeeps und Panzern in Offenbach ein. Zwei Tage später hatten sie im Amtsgericht an der Kaiserstraße eine Militärregierung etabliert. Quartier bezogen die Offiziere im beschlagnahmten Hotel Kaiserhof. Den Offenbachern verordneten sie eine Ausgangssperre, und am Tag konnten die Besetzten auf Plakatanschlägen lesen, die US-Army sei zwar nicht als Unterdrücker, wohl aber als Eroberer eines Feindeslands gekommen. Was dann geschah im Offenbach der restlichen Vierzigerjahre beschrieb der frühere Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel in der Stadtbibliothek bei einer Veranstaltung des Geschichtsvereins.

Für Offenbach war der Krieg zu Ende. Die Reste zerschlagener Häuser türmten sich als Haufen an den Rändern sauber geräumter, aber autofreier Fahrbahnen. Überflüssig waren die Luftschutzbunker geworden, in denen man hatte überleben können. Doch die Betonbauten ließen sich noch nutzen. Der Bunker am Alten Friedhof wurde zu einem provisorischen Hotel. Der in Tempelsee konnte Grundschule werden. Im Bunker Hermannstraße internierten die Amerikaner Frauen, bei denen Geschlechtskrankheiten zu vermuten waren. Zur Untersuchung und Behandlung wurden sie zwangsweise eingeliefert und unter Verschluss gehalten.

Die zunehmende Zahl von Geschlechtskrankheiten war ein Problem für die Besatzer. Zwar sollte ein Fraternisierungsverbot private Kontakte der Soldaten mit Deutschen unterbinden, doch das hatte wenig Wirkung. Die jungen Männer aus Amerika und deutsche „Fräuleins“ würdigten das Kriegsende auf ihre Weise. Zur Warnung schuf die Armee deshalb die Figur einer „Veronika Dankeschön“. Der Name spielte auf die Anfangsbuchstaben von „Veneral Disease“ an, die englische Bezeichnung für Geschlechtskrankheit.

Die plakatierte Warnung zeigte ein nettes Mädchen mit Zöpfen, das für jede Zuwendung ein freundliches „Dankeschön“ hauchte, in dem aber stets die bösen Keime lauerten. In Truppenunterkünften gab es die „VD-Station“ für regelmäßige Kontrollen. Für ihre Partnerinnen richtete man feste Häuser ein, wie eben den Hermannbunker in Offenbach.

Ruppel beleuchtete Widersprüche in der amerikanischen Besatzungspolitik der Frühzeit. Erst 1947, als der Kalte Krieg sich abzeichnete, nahm sie klare Konturen an. Dennoch kam es noch 1948 zu dem Kuriosum, dass einerseits der Marshallplan zum Aufbau der deutschen Wirtschaft angelaufen war, andererseits die Offenbacher Firmen Kappus, Lavis und Stöhr zur Demontage freigegeben wurden.

Einig waren sich die Besatzer jedoch in der Entschlossenheit, das Land vom Nationalsozialismus zu reinigen. 132 Fragen enthielt der Fragebogen, in dem man seine politische Vergangenheit offenbaren musste. Wer da mogelte, riskierte Bestrafung. Ende 1947 feuerten die Amerikaner beispielsweise den Oberbürgermeister Reinicke, weil sein Fragebogen nicht sauber war. Schon zum Jahresende meldete die örtliche Militärregierung ihren Vorgesetzten, in Offenbach seien „1600 Nazis“ aus ihren Positionen entfernt worden. Bald darauf übernahmen mit deutschen Antifaschisten besetzte „Spruchkammern“ die Durchleuchtung. Sie stuften ein in Unbelastete, Mitläufer, Belastete und Hauptbelastete. In der Regel schloss das Verfahren mit einer Geldbuße und Auflagen für die berufliche Tätigkeit.

Die Amtssprache war Englisch. Wer die Sprache beherrschte, fand bei deutschen und amerikanischen Behörden gute Jobs als Übersetzer. Allmählich ließen sich die Ansätze eines normalen Lebens erkennen. In Mitteldeutschland, in Berlin und in Bayern wurde noch gekämpft, als in Offenbach schon wieder die Banken öffneten. Die Straßenbahn fuhr wieder im Juni. Im Herbst begann der Unterricht für Grundschüler, im Januar 1946 der für die oberen Klassen. Auf die Kirchtürme kehrten die Glocken zurück, die noch nicht zu Kanonen umgegossen waren.

Am 3. Mai 1945 tagte zum ersten Mal ein von den Amerikanern berufener Beratender Ausschuss aus Offenbacher Bürgern. Als verlängerter Arm der Militärregierung, durfte er Straßen umbenennen. Dabei sollte mit dem Adolf-Hitler-Ring auch die Bismarckstraße umbenannt werden. Es wurde fallengelassen, nachdem der Handelskammerpräsident Helmut von Wild aufgezählt hatte, wieviel Ortschaften in den Vereinigten Staaten den Namen „Bismarck“ tragen.

Wie in dem Beratenden Ausschuss bestand Politik auch in der am 26. Mai 1946 gewählten ersten Stadtverordnetenversammlung zunächst nur aus Notlösungen für Essen, Wärme und Bekleidung. Die Offenbacher hungerten. „Aber es war viel los in diesen Jahren“, sagte Ruppel.

                                                                                                                                   Lothar R. Braun