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Offenbacher Fechtlegenden: Mayer, Gazzera, Oelkers
Offenbacher Fechtlegenden: Mayer, Gazzera, Oelkers © Stadtarchiv Offenbach
Als Offenbachs berühmteste Tochter wird häufig die Florett-Weltmeisterin Helene Mayer bezeichnet, deren 100. Geburtstag 2010 gewürdigt wurde. Im kollektiven Gedächtnis der Stadt scheint ihr Bild jedoch 55 Jahre nach ihrem Tod allmählich zu verblassen. Von „draußen“ indes kommen immer wieder Anstöße, die an sie erinnern.

Im Holocaust-Museum der US-Bundeshauptstadt Washington wird derzeit eine Ausstellung über den jüdischen Anteil an den Berliner Olympischen Spielen von 1936 gezeigt. In ihrem Mittelpunkt stehe die Offenbacherin Helene Mayer, berichten Besucher. Zeitgleich ist in den USA ein Dokumentarfilm über das Leben der Helene Mayer fertiggestellt worden, der im kommenden Januar über eines der großen amerikanischen Fernseh-Netzwerke ausgestrahlt werden soll.

Sein Produzent Semjon Pinkhasov ist dem Fechten sportlich verbunden. Zu seinem Film regte ihn jedoch erst eine 2002 als Buch vorgelegte Mayer-Biographie an. Sie erschien in einem kalifornischen Verlag. Die Autorin Milly Mogulov gab ihrem Buch den Titel „Foiled“. „Foil“ ist das englische Wort für Florett, für die Waffe, mit der sich Helene Mayer an die Weltspitze focht.

Das Buch erzählt von dem bewegten Leben der Offenbacherin, die 1928 achtzehnjährig mit einer Goldmedaille von den Olympischen Spielen in Amsterdam heimkehrte, die Europa- und Weltmeistertitel häufte, in Deutschland als Nationalheldin gefeiert und in Offenbach geliebt wurde – bis die Nazis die Macht über Deutschland nahmen. Obwohl sie als so genannter „jüdischer Mischling“ in ihren bürgerlichen Rechten bereits stark eingeschränkt war, bedrängte die Nazi –Führung sie, 1936 bei den Berliner Spielen für Deutschland anzutreten.

Sie erreichte Silber. Bei der Siegerehrung standen mit ihr auf dem „Treppchen“ zwei weitere, allerdings nichtdeutsche Fechterinnen mit jüdischem Hintergrund. Als Einzige hob beim Erklingen der Nationalhymne die Deutsche Helene Mayer den rechten Arm zum Hitlergruß – wie es allen Deutschen beim Anhören dieser Melodie vorgeschrieben war.

Seitdem ist Helene Mayer, die danach in Kalifornien eine Fechtschule betrieb, nicht nur als eine überragende Sportlerin in Erinnerung. Ihr Schicksal illustriert auch Lebensbedingungen unter dem Hakenkreuz, die weitaus komplizierter waren als viele vereinfachende Darstellungen ahnen lassen. Das ist Thema in wieder einem anderen Buch, das in einem britischen Verlag erschien.

Sein Autor Richard Cohen verfasste ein Werk über „Das Schwert“ bei Gladiatoren, Musketieren, Samurai und Olympioniken. Ein Kapitel ist darin der Offenbacherin Helene Mayer gewidmet. Cohen gab ihm die fragwürdige Überschrift „Die Frau, die Hitler salutierte“.

Unter Heimweh nach Deutschland leidend, überstand Helene Mayer die Höhepunkte der Judenverfolgung in der Sicherheit Kaliforniens, dort bis heute unvergessen. 1952 kehrte sie nach Deutschland zurück, um in München zu heiraten. Im Jahr darauf ist sie verstorben, 43 Jahre alt.

Offenbach hat nach ihr eine Straße benannt, eine Nebenstraße zwischen Bahndamm und Isenburgring. Dort hatte Helene Mayers Verein. der Fechtclub Offenbach, lange sein Domizil. Der Film zeigt in mehreren Einstellungen, wie an der Helene-Mayer-Straße Passanten nach der Namensgeberin befragt worden sind. Das Ergebnis ist niederschmetternd.

Mitglieder des Fechtclubs Offenbach hatten dieser Tage Gelegenheit, den Film zu sehen. Sie begegneten Dokumenten, die deutlich machen, warum die deutsche Führung um Helenes Teilnahme an den Berliner Spielen warb: Wären deutsche „Nichtarier“ ausgeschlossen worden, dann hätten amerikanische Sportverbände Berlin boykottiert. Eine Fülle von Zeitungsausschnitten belegt im Film, dass die Offenbacherin vor den Berliner Spielen in Amerika Gegenstand lebhafter Diskussionen war. Deshalb haben die Nazis sie benutzt und dann sofort wieder fallengelassen. Als sie 1937 in Paris Weltmeisterin wurde, durfte die deutsche Presse darüber kein Wort veröffentlichen.

Entrollt wurde vor den Clubmitgliedern die bewegende Geschichte eines „Lebens in schwieriger Zeit“, wie der Vorsitzende Waldemar Krug formulierte. Der Film lässt ahnen, wie diese junge Frau gelitten haben mag unter dem Druck, der aus unterschiedlichen Richtungen auf sie einwirkte. Dazu kommt auch Helene Mayers in Frankfurt lebende Schwägerin zu Wort. Sie machte begreifbar, warum Helene Mayer auch im Schutz der 1940 erlangten US-Staatsbürgerschaft sich jede Kritik am Naziregime versagte: Ihre Mutter lebte in Deutschland als Geisel.

Von Lothar R. Braun


aus der Offenbach Post