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Mehr Glas, mehr Licht, mehr Transparenz. So lässt sich ein wesentliches Merkmal der Nachkriegsarchitektur auf den Punkt bringen. In Offenbach ist diese Epoche vor allem mit einem Namen verbunden: Adolf Bayer, Stadtbaurat von 1951 bis 1962. Er hat vielerorts im Stadtbild seine Spuren hinterlassen:

Unter anderem entwarf er den ersten Schulbau in Offenbach nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Waldschule Tempelsee gilt heute als besonders gelungenes Beispiel einer Architektur, die dem demokratischen Geist einer neuen Ära verpflichtet war. Mit Rudolf-Koch-Schule, Friedrich-Ebert-Schule und Beethovenschule hat Bayer drei weitere Schulbauten hinterlassen, die im Zuge des städtischen Zehnjahresprogramms einer Gesamtsanierung unterzogen wurden oder werden. „Und das“, so sagt Oberbürgermeister und Baudezernent Horst Schneider, „sollte soweit möglich mit äußerster Behutsamkeit geschehen.“

Plastische Körper in freier Umgebung

Adolf Bayer hat einige der eindrucksvollsten Gebäude des modernen Offenbachs entworfen. Sei es der Bücherturm mit der wunderschönen Glasrosette an der Decke und den Lesekojen. Sei es das frühere Parkbad, heute denkmalgeschützte Lobby des Sheraton-Hotels, mit einer geschwungenen Fensterfront zum Büsing-Park. Oder sei es die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein mit einer fast sakralen Eingangshalle, um die herum die Bürogänge wie Galerien angeordnet sind. Für die Entwicklung des kriegszerstörten Offenbachs hat Bayer entscheidende Weichen gestellt. Er wandte sich gegen die viel beklagte Unwirtlichkeit der Städte. Bloß kein zu hastiger Wiederaufbau, bloß keine simple Rückkehr zur Blockbebauung: Hohe Häuserzeilen, die Straßen wie düstere Schluchten wirken lassen. Bayer wollte Gebäude wie plastische Körper in eine freie Umgebung stellen. In seinen „Leitlinien der Neugestaltung der Stadt Offenbach am Main“ formulierte er: "Unsere Stadt liegt auch heute noch am Wasser und am Wald. Die allgemeine Feststellung: Wo die Stadt wächst, stirbt die Landschaft, hat erfreulicherweise in Offenbach nicht ihre Bestätigung gefunden.“

Dass sich Adolf Bayer, 1909 in Würzburg geboren, stets darum bemüht hat, seine Gebäude harmonisch in die Umgebung einzufügen, zeigt sich am deutlichsten an der Waldschule Tempelsee. Wie bei allen Bayer-Schulen hat die Stadt Offenbach deren Besonderheiten von einem Architektur-Fotografen dokumentieren lassen. Thomas Ott, der ein Studium der Architektur an der Technischen Universität in Darmstadt abgeschlossen hat, arbeitet freiberuflich als Fotodesigner für Architekturfotografie. Mit ungeheurer Akribie hat er die Besonderheiten der Offenbacher Bayer-Schulen ins Bild gesetzt.

Waldschule Tempelsee: feine Architektur

Sein Liebling ist ebenfalls die Waldschule Tempelsee. „Das Gebäude wächst förmlich in den Wald hinein, es verschmilzt mit der Landschaft“, schwärmt er. Und es scheint, als habe Bayer die Bäume in der Umgebung als Gestaltungselemente einbezogen. Ihr Laub spiegelt sich in der hohen Glasfassade der großzügigen Halle und erzeugt ein beständig wogendes Spiel von Licht und Schatten. „Ein ganz tolles Gebäude, diese Waldschule. Feine Architektur“, meint Thomas Ott und lobt die repräsentative Fassade, die an einen Theaterbau denken lässt.

Bayers Schulgebäude sind das Gegenteil jener altehrwürdigen Lehranstalten preußischen Typs: Groß und gewaltig, Monumente aus Stein, düster und furchteinflößend. Bayers Schulbauten sind hell und heiter. Die Schüler sollen nicht länger geduckt durch die Gänge schleichen. Bayers Anspruch: Auch im Inneren eines Gebäudes soll der Mensch Wohlbefinden schöpfen aus der natürlichen Umgebung.

Demokratie als Bauherr

Demonstrative Schlichtheit und Abkehr von der sogenannten Heimatschutzarchitektur. So charakterisieren Kunsthistoriker heute die Epoche des Umbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg. Besonders an neuen Schulgebäuden zeigte sich: Demokratie wurde zum Bauherrn. In Offenbach halten Kenner die Rudolf-Koch-Schule für einen besonders gelungenen Ausdruck dieses Prinzips. Als Sinnbild einer modernen Pädagogik, die den Gemeinschaftssinn stärken will, gilt die dreigeschossige Halle, die sich im Obergeschoss zu einer Aula mit zwei Galerien weitet, deren transparente Glasfront sich zum Schulhof und in Richtung Main wendet.

Die Rudolf-Koch-Schule, heute Gymnasium mit rund 750 Schülerinnen und Schülern, hat viele Besonderheiten. Dazu gehört auch die Anordnung. Bayer hat das gesamte Gelände ausgenutzt. Zur Schlossstraße hin springt die Fassade in Stufen zurück. Zum Französischen Gässchen hin wies die Fassade ursprünglich ebenfalls einen Rücksprung auf. Dort versorgten Fenster die große Halle zusätzlich mit Licht. Im Zuge der Gesamtsanierung wurde die Lücke mit einem dreigeschossigen Anbau geschlossen. Er beherbergt die Mediothek. Um etwas vom Lichteinfall zu erhalten, ist der Medienturm fast vollständig verglast. Dennoch ist ein Eingriff passiert und es ist nicht der einzige. Ein zusätzlicher Fachklassentrakt schließt sich entlang des Französischen Gässchens an den Gebäuderiegel an. Und an der Ecke Schlossstraße / Französisches Gässchen steht jetzt der Neubau, eine Cafeteria mit Räumen für Hausaufgaben und Freizeitaktivitäten im Rahmen des Ganztagsbetriebs.

Cafeteria als Bindeglied zur Stadt

Die Planer standen vor der Herausforderung 1900 Quadratmeter zusätzlich zu schaffen. Anna Heep, Leiterin des Hochbaumanagements beim Amt für Stadtplanung und Baumanagement ist überzeugt von der jetzigen Lösung. Ein zusätzlicher Gebäuderiegel entlang der Schlossstraße hätte den Blick auf die schöne gegliederte Fassade verstellt. Und auch der Schulhof sollte wieder eine große und unverstellte Fläche sein. Dank der Erweiterung können nun die Pavillons verschwinden, die 1963 auf dem Schulhof errichtet worden waren. Im Sinne Adolf Bayers und auch im Sinne der Schulgemeinde wurde die Cafeteria nicht auf dem Schulhof gebaut, denn der ist als Ruhezone gedacht. Die Cafeteria unterstreicht hingegen die Öffnung der Schule zur Stadt hin. Sie steht in der belebten Zone. Anders als seine anderen Schulgebäude hatte Bayer die 1957 eingeweihte Rudolf-Koch-Schule immer auch als Beitrag zur Innenstadtgestaltung verstanden.

Unter Denkmalschutz stehen die Bayer-Schulen nicht. Oberbürgermeister und Planungsdezernent Horst Schneider sowie die Architektin Anna Heep und ihr Team sind dennoch von der Denkmalschutzwürdigkeit der Bauten überzeugt. Allerdings muss eine Sanierung die Bedürfnisse der Schulgemeinde berücksichtigen. „Es geht nicht um dogmatisches Konservieren“, sagt auch der Architekturfotograf Thomas Ott. „Städte sind lebende Organismen“. Entscheidend sei, die funktionellen Anforderungen und die Gestaltung in Einklang zu bringen.

Siedlungsdichte setzt Grenzen

Einen Schulbau Adolf Bayers muss die Stadt schweren Herzens opfern: Es ist die Beethovenschule im Musikantenviertel, erbaut 1956. Die Art und Weise, wie sich der Gebäudekomplex polygonal in die Landschaft ausdehnt, dabei rechte Winkel meidet, ist einzigartig für Bayers Offenbacher Schulbauten. Doch die schwerwiegenden Setzungsschäden machen eine Sanierung unbezahlbar. Die Firma HOCHTIEF PPP Solutions GmbH, die den Neubau in öffentlich-privater Partnerschaft errichten und betreiben wird, hat ebenfalls einen Entwurf vorgelegt, der mehrere, auseinander strebende Flügel vorsieht, wenn auch nicht so weitläufig wie bei Bayers Original. „Einen solchen Gebäudeverbrauch kann man sich heute einfach nicht mehr leisten“, verdeutlicht Anna Heep. Zu dicht ist die Besiedlung in den vergangenen 60 Jahren geworden als dass Bauflächen noch in solchem Übermaß vorhanden wären.

Der Wert der 50er Jahre-Architektur blieb nicht nur in Offenbach lange Zeit verkannt. Die Folge: Ein Instandhaltungsrückstau, wie er sich vielerorts im Bundesgebiet zeigt. Der schlechte bauliche Zustand vieler Gebäude lässt vergessen, dass die Nachkriegszeit als letzte handwerkliche Epoche des Bauens gilt. In vielen baulichen Details zeigt sich die kühne Entschlossenheit, das Material bis zur Grenze der Machbarkeit auszureizen. So entstehen Bauwerke von ungekannter Leichtigkeit und Eleganz. Dünn sind die Decken aus Beton, schlank die tragenden Stützen. Bei der Waldschule von 1951 handelt es sich um eine der ersten groß dimensionierten Stahlbetonfassaden der Nachkriegszeit. Dennoch gliedern bloß feine Lisenen die Front. Die Profile sind schmal, um die Glasfläche so wenig wie möglich zu stören.

Wärmeschutz im Einklang mit der Architektur

„Damals waren die Anforderungen an den Wärmeschutz nicht so hoch wie heute“, erklärt Anna Heep. Und so muss auch in diesem Punkt ein Kompromiss gefunden werden. Eine Zweifachverglasung ist in den dünnen Profilen nicht unterzubringen. Die Konstruktion wäre der Last des zusätzlichen Glases nicht gewachsen. Deshalb müssen die Profile breiter werden. Auf eine Dreifachverglasung wird jedoch verzichtet, denn dann wären deutlich wuchtigere Profile nötig. Der Eindruck einer durchgehenden Glasfläche würde völlig verloren gehen.

Die Wärmedämmung wird an der Waldschule Tempelsee von innen erfolgen, um möglichst wenig in die Fassade einzugreifen. So bleibt die Gebäudekonstruktion weiterhin erkennbar, wie es für die 50er-Jahre-Architektur typisch ist. Anders als bei der traditionellen Lochfassade, wo einzig die Fenster das einheitliche Mauerwerk unterbrechen, erkennt man bei 50er-Jahre-Gebäuden von außen, wo die Decke zwischen den Geschossen verläuft, wie hoch die Brüstung ist, und oft auch, wo die Wand zwischen Raum und Gang verläuft. Die Ablesbarkeit der Gebäudekonstruktion ist bis heute ein maßgebendes Stilelement in der Architektur geblieben.

Friedrich-Ebert-Schule: Sanierung der Turnhalle beginnt

Auch die 1952 erbaute Friedrich-Ebert-Schule in Waldheim weist dieses Merkmal auf. Die Planung für die Gesamtsanierung beginnt 2012. Die Sanierung der Turnhalle soll allerdings schon jetzt, während der Sommerferien beginnen. Auch für dieses Gebäude ist Innendämmung vorgesehen. Die neuen Fensterprofile sollen möglichst schmal gehalten sein.

Der Energieverbrauch ist nicht der einzige Grund, weshalb nicht alle Details aus den 50er Jahren erhalten bleiben können. Auch Sicherheitsaspekte spielen eine Rolle. Deshalb müssen Geländer an den oft ausladenden Wendeltreppen meist aufgerüstet werden. Der Handlauf muss heute höher, der Abstand zwischen den Längsstreben geringer sein. Und die Drehgelenke an den Fenstern in der Rudolf-Koch-Schule sind heute ebenso wenig zulässig wie die außenliegenden Fenster-Scharniere an der Waldschule. Schiebefenster sind heute laut Anna Heep üblich, damit das offene Fenster nicht mehr, wie früher, in den Raum hinein ragt.

Dank der dokumentarischen Arbeit von Thomas Ott verfügt die Stadt jetzt über Fotos von all den bemerkenswerten Details an Bayers Schulbauten. Anna Heep plant, sie in einer Broschüre zu veröffentlichen. Auch eine Ausstellung ist denkbar. „Im Sanierungsprozess lenken die Fotos den Blick der Planer auf originelle Ideen und Ausführungen aus der Entstehungszeit“, sagt Anna Heep. „Auch wenn wir heute teilweise auf andere Lösungen ausweichen müssen, so sollten wir das doch nicht achtlos tun“, betont Oberbürgerbürgermeister Schneider und fügt hinzu: „Wir möchten den Schülerinnen und Schülern eine möglichst hochwertige Umgebung bieten, denn dann klappt das Lernen am besten.“