Sprungmarken
Suche
Suche

Stadthof Eingang Rathaus
© Alex Habermehl
Schritt für Schritt lockert sich die Enge auf dem Stadthof. Die Bauzäune weichen zurück. Sie grenzen immer kleinere Areale ab. Den größten Teil des Stadthofs bedecken bereits neue Platten. „Es wird Zeit, dass die zum Ende kommen,“ seufzt die Kellnerin am Café-Pavillon. Noch queren nur wenige Fußgänger die frei gewordenen Flächen.

Stadthof. Der Hof der Stadt. Wie anmutig sich das ausnimmt neben dem Pathos, mit dem der Nachbar als „Platz der deutschen Einheit“ auftritt. Seinen Namen erhielt der Stadthof einst, weil er der Hof hinter dem „Stadthaus“ war. Das stand an der Frankfurter Straße und diente den Offenbachern von 1858 bis 1921 als Rathaus. Im Obergeschoss hatte in den ersten Jahren auch die Verwaltung des Landkreises Offenbach ihren Sitz.

Das Stadthaus an der Frankfurter Straße blickte auf den Aliceplatz und trug diesen Namen bereits bevor die Stadt es 1858 als Verwaltungssitz erwarb. Es war das Stadthaus der fürstlich-isenburgischen Hofhaltung, nachdem den hohen Herrschaften das alte Schloss am Main zu ungemütlich geworden war. Sie residierten schon seit etwa 1760 in einer Stadtwohnung, eben in ihrem „Stadthaus“.

Es gibt noch Offenbacher, die sich erinnern, wie das aussah, bevor 1972 die Verwaltung am Stadthof ihr neues Rathaus bezog. Wie am brutwarmen 10. Juli jenes Jahres einige Tausend Offenbacher mit dem Ministerpräsidenten Albert Oswald die Fertigstellung feierten. Die Feiernden standen dort, wo sie noch einige Monate vorher Parkplätze unter Bäumen fanden.

Georg Dietrich hieß der Oberbürgermeister, der als erster im neuen Rathaus amtierte. Seinen Schreibtisch, das erschien manchen bemerkenswert, hatte er so platziert, dass der OB beim Aktenstudium die Industrie- und Handelskammer im Rücken hatte. .

Die benachbarte IHK stand schon seit 1957 auf dem Standort einer im Krieg zerbombten Schule. Die 1873 erbaute „Oberrealschule am Stadthof“ war die Mutter der beiden Gymnasien Leibniz- und Rudolf-Koch-Schule. Als sie zerbombt wurde, verlor die Stadtverwaltung ein Notquartier. Sie hatte sich in dem Gebäude eingerichtet, nachdem das seit 1921 als Rathaus genutzte Büsingpalais bei einem Luftangriff zertrümmert worden war. Auch das auf den Aliceplatz blickende „Stadthaus“ mit der Hausnummer Frankfurter Straße 31 war eine Ruine geworden.

Heute ist dort der Blick frei vom Aliceplatz auf das Rathaus.

Es wird auch noch Offenbacher geben, die in der grauen Nachkriegszeit auf dem dicht gefüllten Stadthof zuhörten, als der legendäre SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher seinen Gegner Konrad Adenauer so leidenschaftlich angriff. Er sprach vor dem Feuerwehrhaus, das den Krieg überstanden hatte und erst 1962 verschwand. Wo heute .der Offenbacher Oberbürgermeister in Akten blättert, trockneten einst Feuerwehr-Schläuche.

Der Stadthof: Ein Platz mit erinnerungssatter Vergangenheit im Herzen der Stadt. Er wartet auf die letzten Bodenplatten, auf Grünzeug und Ruhebänke. Dann kann er wieder eine gegen Verkehrslärm abgeschirmte Fußgänger-Oase sein. Nur nach oben schützt ihn kein Schirm. Gegen diesen Fluglärm protestiert Offenbach seit 43 Jahren. Ihre erste Protestresolution gegen den Ausbau des Flughafens verabschiedeten die Offenbacher Stadtverordneten am 18. Februar 1971. Damals hieß das Ärgernis noch „Rhein-Main-Flughafen“ und der Stadthof war nur eine Baugrube, die Parkplätze geraubt hatte.                                                                                    Lothar R. Braun