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Deutsches Ledermuseum Außenansicht vor 1945
Deutsches Ledermuseum Außenansicht vor 1945 © Stadt Offenbach
Mit dem Band „Offenbach am Main – Kultur im Sog des Nationalsozialismus“ erscheint im Oktober 2019 eine außerordentlich relevante Publikation zur Geschichte der Stadt Offenbach am Main im Nationalsozialismus. Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke und Prof. Bernd Kracke, Präsident der Hochschule für Gestaltung (HfG), stellten das Buch gemeinsam mit dem Autor Dr. Andreas Hansert jüngst in der Hochschule für Gestaltung vor.

Der im Böhlau Verlag erscheinende Band analysiert die Geschichte der Kunstgewerbeschule (Vorgängerinstitution der heutigen HfG), des Deutschen Ledermuseums und der Schriftgießerei Klingspor während des Nationalsozialismus‘.

Ein roter Faden sind dabei drei Protagonisten, die in bisher nicht gegebener Tiefe biografisch und kulturpolitisch erforscht wurden: Prof. Dr. Hugo Eberhardt, langjähriger Direktor der Kunstgewerbeschule und Gründer sowie Direktor des Deutschen Ledermuseums, der Inhaber der gleichnamigen Schriftgießerei, Karl Klingspor und der Schriftkünstler Rudolf Koch. Diese und weitere relevante Personen werden erstmals in der professionellen Geschichtsforschung über Offenbach vertieft untersucht.

Dr. Hansert hat dazu eine Vielzahl relevanter Bestände in Archiven in Offenbach, Frankfurt, den Staatsarchiven in Wiesbaden und Darmstadt, in den Bundesarchiven in Berlin und Koblenz sowie weiterer Sammlungen bis hin zu privaten Nachlässen ausgewertet und dabei zahlreiche neue Erkenntnisse zu Personen gewonnen, die teils als Ikonen der Offenbacher Kulturgeschichte gelten.

Finanziert wurde das Forschungsprojekt gemeinsam von Stadt Offenbach am Main (unter Federführung des Forums Kultur) und der Hochschule für Gestaltung.

Zum Inhalt

Die Publikation fragt nach der Entwicklung und Haltung der einzelnen Häuser, insbesondere den Technischen Lehranstalten (der heutigen HfG), dem Deutschen Ledermuseum und der Schriftgießerei Gebrüder Klingspor sowie dem Schicksal und dem Verhalten der dortigen Akteure – das sind speziell die oben Genannten, insbesondere Hugo Eberhardt (1874–1959) als Direktor sowohl der Schule als auch des Ledermuseums, Karl Klingspor (1868–1950) und Rudolf Koch (1876–1934).

Weiterhin betrachtet der Autor die inhaltliche Arbeit, die zwischen 1933 und 1945 an diesen Häusern geleistet wurde. Am Anfang der Untersuchung stand die Frage, inwiefern die Technischen Lehranstalten und ihr Personal in die Offenbacher Bücherverbrennung verstrickt waren, die am 22. Mai 1933 auf dem Schlossplatz direkt unter ihren Fenstern veranstaltet wurde. Diese Frage ist eher zu verneinen, da sich als Initiator dieser Aktion der „Kampfbund für Deutsche Kultur“ mit seinem Anführer Pfarrer Josef Maria Weeber von der Altkatholischen Gemeinde herausstellte, der in einem starken persönlichen Gegensatz zum Direktor der Schule, Hugo Eberhardt, stand.

Hugo Eberhardt, Gründer des Ledermuseums

Gleichwohl steht Hugo Eberhardt im Zentrum der jetzt durchgeführten Untersuchung. In der NS-Zeit nahm er eine höchst ambivalente Position ein. Zwar wurde er als einflussreicher Direktor der Offenbacher Schule, der er schon seit 1907 war, von kleinen Parteigängern der NSDAP immer wieder angegriffen. Doch gelang es ihm schon bald nach der „Machtergreifung“ das Vertrauen von Gauleiter Jakob Sprenger zu erlangen, der in ihm einen Gewährsmann sah und der seine Interessen förderte.

Auch richtete Eberhardt das Lehr- und Produktionsprogramm der Schule früh sehr konsequent auf die Propagandabedürfnisse von Partei und Staat aus und ließ von Schülern und Lehrern in den Werkstätten der Schule in großem Umfang entsprechende Plakate, Bücher, Druckgraphiken, Urkunden, Einbände, Embleme, Schatullen etc. anfertigen und setzte diese Produktionen stets öffentlichkeitswirksam in Szene.

Das Ledermuseum, das er 1917 gegründet und Mitte der 30er Jahre an seinem heutigen Standort neu aufgebaut hat, stattete Eberhard geradezu ostentativ mit Fahnen, Flaggen, Büsten des NS-Staates sowie an der Frontseite des Hauses mit einem markanten NS-Hoheitszeichen aus. Durch eine entschiedene Symbolpolitik suchte er beim Aufbau des Hauses und beim Ausbau der Sammlungen immer wieder offensiv die Nähe zu offiziellen Stellen von Partei und Staat, etwa durch publizitätsträchtige Einwerbung einer „Führer-Spende“ oder einer „Führer-Leihgabe“ in Gestalt eines Samurai-Sattels.

Mehrfach verfasste Eberhardt große propagandistische Artikel in der Offenbacher Monatsrundschau, in denen er seine Arbeit für die Schule und für das Museum entschieden in den Dienst von Staat und Partei stellte. Sowohl in diesen Artikeln als auch in etlichen internen brieflichen und dienstlichen Äußerungen ließ er sich zu starken antisemitischen Äußerungen hinreißen.

Sehr spät, 1941, trat er, nachdem er als Direktor der Schule bereits pensioniert war, als Leiter des Ledermuseums (bis zu seinem Tod 1959) aber ehrenamtlich weiterarbeitete, noch in die Partei ein. Nach dem Krieg bekam Eberhardt im Rahmen der Entnazifizierung zunächst Schwierigkeiten, ging aus dem gegen ihn eingeleiteten Spruchkammerverfahren am Ende dann aber doch als „Mitläufer“ hervor.

Für seine Verdienste um den Aufbau des Ledermuseums wurde er in den 50er Jahre mit dem Bundesverdienstkreuz und der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet. Im Eingang des Ledermuseums wurde ihm posthum ein Denkmal errichtet. 60 Jahre nach seinem Tod steht auf der Grundlage der durch geschichtswissenschaftliche Rekonstruktion jetzt gewonnenen Erkenntnisse eine Neubewertung von Eberhardts Wirken in Offenbach an.

Karl Klingspor, führende Figur in der Buchkunstbewegung

Der zweite Protagonist der Untersuchung, Karl Klingspor, war eine der führenden Figuren in der Buchkunstbewegung, durch die seit Ende des 19. Jahrhunderts eine grundlegende Erneuerung der Buch- und Schriftkunst in Deutschland bewirkt wurde. In dieser Sphäre genoss Klingspor höchstes fachliches Ansehen und gelangte schon früh zu internationalem Renommee.

Politisch gehörte er mit seinem Engagement in Hugenbergs Deutschnationaler Volkspartei zum rechten Rand im Weimarer Parteienspektrum, wo er sich offen republikfeindlich zeigte. Zu den Nationalsozialisten zog er aber einen klaren Trennungsstrich und durchschaute von Anfang an deren verhängnisvolle Politik. Während der NS-Zeit wurde er gleichwohl für seine Arbeit mehrfach mit höchsten Auszeichnungen wie etwa der Goethemedaille des Reiches gewürdigt.

Neu zutage kam jetzt, dass Klingspor auch für Himmlers „Ahnenerbe“ Druckaufträge ausgeführt hat, vor allem eine große, aufwändig gestaltete Denkschrift des „Ahnenerbes“, die Himmler 1939 Adolf Hitler persönlich zu dessen 50. Geburtstag überreichte. Neue Erkenntnisse kamen jetzt auch zu den Hintergründen des von Hitler erlassenen Frakturverbots von 1941 zutage, von dem Klingspor als Produzent bedeutender Frakturschriften in höchstem Maße betroffen war.

Durch seine Kontakte zum Ahnenerbe war er über eine Antistimmung gegenüber der Fraktur in der NS-Führung schon Jahre zuvor im Bilde und versuchte über diese Kanäle dagegen zu intervenieren, wenn am Ende auch ohne Erfolg.

Schriftkünstler Rudolf Koch und sein Mäzen Siegfried Guggenheim

Ein besonderes Kapitel stellt auch das Schicksal von Rudolf Koch (1876–1934) und seinem Mäzen Siegfried Guggenheim (1873–1961) dar. Koch war fraglos der bedeutendste unter den Offenbacher Schriftkünstlern und entfaltete internationale Strahlkraft. Er war Angestellter bei Klingspor und unterrichtete an den Technischen Lehranstalten, wo er einen legendär gewordenen Schülerkreis aufbaute. Sehr gefördert wurden seine Arbeiten durch den mit ihm befreundeten Anwalt und Notar Siegfried Guggenheim, einem führenden Mitglied der Offenbacher jüdischen Gemeinde.

Koch, der politisch eher naiv war, zeigte sich aus einem starken Nationalgefühl heraus von Hitlers Machtantritt begeistert. Auf der anderen Seite hielt er aber unverbrüchlich zu seinen jüdischen Freunden und Kollegen. Dieser Zwiespalt ließ sich nicht lösen; vermutlich ging Koch daran zugrunde, als ihn 1934 eine mysteriöse Blutkrankheit befiel, an der er binnen Kurzem starb.

Guggenheim lebte in bedrängter Situation noch länger in Offenbach, wurde nach dem Pogrom des 9. November 1938 für einige Wochen im KZ Buchenwald interniert und ging 1939 schließlich in die Emigration in die USA, wo er die NS-Zeit überlebte. 1961 vermachte er seinen Schatz von Kunstwerken unter anderem aus der Werkstatt Rudolf Kochs dem unterdessen gegründeten Klingspor Museum seiner Heimatstadt.

Schlaglichter auf weitere Persönlichkeiten des Offenbacher Kulturlebens

Das 290-seitige Buch wirft zudem Schlaglichter auf weitere Persönlichkeiten des Offenbacher Kulturlebens: so auf den jüdischen Lederfabrikanten und Kunstliebhaber Robert von Hirsch, der 1933 gleich emigrierte, auf die Lehrerpersönlichkeiten an der Kunstgewerbeschule oder auf Helmuth Schranz, Offenbacher Oberbürgermeister während der NS-Zeit, der auch nach 1945 noch einmal politische Karriere machte.

10. Oktober 2019