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Passagiere auf der Fähre
Der einmillionste Passagier der Seilfähre am Schloss 1893 © Archiv im Haus der Stadtgeschichte
Die Stadt Offenbach erinnert mit einer Dokumentation im Internet an den Bau der ersten Brückenverbindung über den Main vor 200 Jahren. Am 3. Juni 1819 wurde die „Schiffsbrücke“ nach Fechenheim an der damaligen Schlossgrabengasse mit einem großen Festakt eröffnet. Sie bestand bis 1887, dann wurde eine erste feste Brücke – die heutige Carl-Ulrich-Brücke – ihrer Bestimmung übergeben. Doch sie war mehr als nur ein Flussübergang – die „Schiffsbrücke“ war Teil eines gewaltigen Infrastruktur-Projekts zur Entwicklung von Offenbach am Main.

Autor Uwe Kauss hat die Ereignisse im Auftrag des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit im Haus der Stadtgeschichte, beim Fechenheimer Geschichtsverein, im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte sowie in den Hessischen Staatsarchiven Darmstadt und Marburg recherchiert und aufbereitet. Sie sind unter der Adresse www.offenbach.de/stadtgeschichte abrufbar. Kauss hat bereits in der Vergangenheit für das Amt für Öffentlichkeitsarbeit die Ausstellungen zu 250 Jahren Kaiserstraße und Aliceplatz kuratiert sowie das historische Theaterstück „Marktmeister Clement ermittelt“ zum 150-jährigen Bestehen des Markthandels auf dem Wilhelmsplatz verfasst.

Nach seiner Recherche war der Bau der 155 Meter langen und fünf Meter breiten, auf hölzernen Booten liegenden Brücke nicht nur der Übergang über den Fluss. Er war der sichtbare Teil eines politischen Infrastruktur-Großprojekts, mit dem das Großherzogtum Hessen-Darmstadt die Wirtschaft von Offenbach mit damals etwa 6.000 Einwohnern massiv förderte und so die Entwicklung zur heutigen Großstadt in Gang setzte.

1818: Bau der Brücke und Anlegen einer Handelsstraße

Der Main zog zu dieser Zeit die Grenze zwischen zwei souveränen Staaten: dem Kurfürstentum Hessen-Kassel (Kurhessen) auf der Nordseite und dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt am Südufer. Der Brückenbau war daher nur als Gemeinschaftsprojekt möglich. Nach langen Verhandlungen der „Ministerien für Auswärtige Angelegenheiten“ kam 1818 ein umfassender Vertrag zwischen beiden Staaten zustande, der neben dem Bau der Brücke auch das Anlegen einer Handelsstraße von Vilbel über Bergen, Mainkur, Fechenheim und Offenbach bis Sprendlingen mit Anschlüssen an bestehende Handelsrouten enthielt. 1824 war sie fertiggestellt.

Hölzerne Schiffsbrücke
Die Schiffsbrücke in Höhe des Isenburger Schlosses um 1880. © Archiv im Haus der Stadtgeschichte

Von der neuen Nord-Süd-Route profitierten beide Staaten, denn nun konnten Händler und Lieferanten erstmals die Alte Brücke in Frankfurt umgehen. Sie war jahrhundertelang von der Mainmündung bis Aschaffenburg die einzige Flussquerung für schwere Fuhrwerke, entsprechend hoch waren die Zölle zum Warentransport. Mit der umgerechnet etwa 1,33 Millionen Euro teuren Schiffsbrücke war der teure und zugleich weite Umweg nicht mehr nötig.

„Die wenigstens erinnern sich heute noch daran, dass es tatsächlich lange Jahre eine Verbindung zwischen dem Fechenheimer Ufer und der Offenbacher Innenstadt auf Höhe des Isenburger Schlosses gab“, sagt Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke. „Ebenso wenig, dass der Main, wie übrigens der Kaiserlei auch, seinerzeit nicht nur zwei Städte, sondern zwei Staaten trennte.“

Im Zusammenhang mit dem Brückenbau erließ Großherzog Ludwig I. von Hessen-Darmstadt eine sehr liberale Wirtschaftsordnung für Offenbach. Sie sah die völlige Niederlassungs- und Gewerbefreiheit, Steuererlass auf neue Gebäude und eine reformierte Gewerbesteuer vor. Der neue Handelsweg mit Brücke sowie die Erleichterungen für Unternehmen gaben den Impuls für die rasante Entwicklung zur Industriestadt mit immer mehr Einwohnern.

Acht Jahre lang war Offenbach Messestadt

Um die Brücke in einer Richtung zu queren, zahlte ein erwachsener Fußgänger 1819 einen Kreuzer, das wären heute etwa 33 Cent. Der Übergang eines vierspännigen Fuhrwerks mit 50 Zentner Last kostete einen Gulden, heute etwas mehr als 20 Euro. Wollte ein Schiff passieren, öffneten die Brückenwärter für 18 Kreuzer, umgerechnet knapp sechs Euro, den mobilen Brückenteil.

Mit der Schiffsbrücke wurde Offenbach sogar acht Jahre lang Messestadt. Als sich das Königreich Preußen 1828 mit Hessen-Darmstadt zum „Preußisch-hessischen Zollverein“ zusammengeschlossen hatte, die Freie Stadt Frankfurt aber nicht beitreten wollte, richteten die Händler ihren Weg nach Offenbach statt Frankfurt. Der Grund: die extrem hohen Zolltarife. Und so wurde die Messe nun in Offenbach statt Frankfurt abgehalten. Erst 1836 beschloss Frankfurt seinen Zutritt zum Zollverein, und fortan verlagerte sich die Messe schlagartig wieder nach dort.

Mit der Eröffnung der festen Brücke an der Kaiserstraße im Jahr 1887 wurde die Schiffsbrücke abgebaut. Nach heftigen Protesten der Anwohner richtete die Stadt 1888 am Ufer an der Schlossstraße eine Seilfähre ein. Bis zum Brückenbau hatte dort bereits seit 1419 eine Fährverbindung bestanden und die Bürger nutzten ihre neue alte Fähre - trotz der Brücke: Am 21. Juni 1893 feierte Offenbach die einmillionste Überfahrt, schon drei Jahre später die zweimillionste. Doch mit dem Wachsen des Autoverkehrs nach dem Zweiten Weltkrieg ließen sich immer weniger Fahrgäste übersetzen. Zum Schluss waren es pro Tag weniger als zehn. Im Jahr 1967 wurde die Fähre schließlich eingestellt.

Fähre in den 1950er Jahren
Fähre in den 1950er Jahren © Archiv im Haus der Stadtgeschichte

Nachdem die Mainbrücke zwischen Fechenheim und Offenbach in den letzten Zügen des Zweiten Weltkriegs 1945 zerstört wurde und zwei Jahre später nur provisorisch wiederaufgebaut wurde, konnte das Bauwerk am 22. Mai 1953 einen weiteren Geburtstag feiern: Ersetzt durch eine neue Stahlkonstruktion wurde sie abermals eingeweiht und auf den Namen „Carl-Ulrich-Brücke“ getauft – zu Ehren des in Offenbach beigesetzten hessischen Staatspräsidenten der 1920er Jahre. Einen weiteren Geburtstag feierte die Mainquerung viele Jahrzehnte später: 2013/2014 wurde die in die Jahre gekommene Brücke von der Straßenverkehrsbehörde Hessen Mobil durch einen funktionalen Neubau mit Betonpfeilern ersetzt. Der Brückenüberbau misst heute rund 234 Meter Länge und 14 Meter Breite.

Noch Zukunftsmusik ist die Idee einer neuen Brücke für Fußgänger und Radler vom Isenburger Schloss in den Fechenheimer Mainbogen: Sie steht auf einer Liste von unterschiedlichen Schlüsselprojekten aus dem Masterplan für die strategische Stadtentwicklung Offenbachs bis 2030, die die Offenbacher Stadtverordnetenversammlung 2016 beschlossen hat.

29. Mai 2019