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Nachfahren von Oskar Gutsche haben dem Offenbacher Stadtarchiv im Haus der Stadtgeschichte Unterlagen aus seiner Zeit als Gartenbaudirektor in Offenbach als Schenkung überlassen. Damit ist es möglich sein Leben und sein Wirken für die öffentlichen Grünanlagen nachzuzeichnen.
Gärtnerhaus im Eißnert-Park
Gärtnerhaus im Eißnert-Park © Stadt Offenbach

Offenbach wird heute als grüne Stadt wahrgenommen. Dafür haben viele Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts gearbeitet. Eine prägende Rolle spielte dabei der Gartenbautechniker und spätere Gartenbaudirektor Oskar Gutsche. Er übernahm 1911 die Stelle des Stadtgärtners von Ferdinand Tutenberg und damit die Verantwortung für öffentliche Grünanlagen. Seine 28 Jahre im Dienst der Stadt Offenbach lassen sich noch heute am Stadtbild ablesen. Als Wald- und Freizeitpark entstand der Leonhard-Eißnert-Park, die Erneuerung und Fortsetzung des Anlagenrings als Grüngürtel wurde von ihm umgesetzt. Insgesamt schuf er rund 96 Hektar Grünanlagen in Offenbach. Gutsche erweiterte auch den städtischen Anzuchtgarten an der Rheinstraße – dort wo in Zukunft das neue Polizeipräsidium gebaut werden soll. Am Hafen in der Nähe des blauen Krans entsteht im kommenden Jahr ein neuer Park, der nach Oskar Gutsche benannt wird.

Gartenbaudirektor Oskar Gutsche 1936
Gartenbaudirektor Oskar Gutsche 1936 © Stadt Offenbach

Nachfolger Ferdinand Tutenbergs

In Offenbach folgt er erneut Ferdinand Tutenberg zunächst als städtischer Garteninspektor nach. Unter anderem widmet sich Gutsche der Umgestaltung des alten jüdischen Friedhofs zu einer Grünanlage. Im Gegensatz zu Tutenberg muss er nicht mehr mit politischen Querelen und Beschuldigungen kämpfen, hat Christina Uslular-Thiele vom Arbeitskreis Stadtgeschichte recherchiert. Gutsche wurde nicht als Protegé der Sozialdemokraten verdächtigt.

1914 kommt das zweite Kind Karl zur Welt, während Gutsche im Kriegseinsatz ist. Der Offiziersstellvertreter zieht für den Kaiser 1915 in den Krieg in die Karpaten und wird dort verwundet. Später wird er auch an der westlichen Front eingesetzt.

„Vom Felde aus darf ich an der 31. Hauptversammlung der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst in Stuttgart teilnehmen (vom 16.-20.8.18) und bei dieser Gelegenheit auch kurz meine Herzliebsten in Offenbach wiedersehen“, schreibt er in die Familienbibel. Erst im März 1920 kehrt er aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Einige Monate später wird er zum Gartenbaudirektor ernannt.

Schenkung an das Stadtarchiv

Nachfahren von Oskar Gutsche haben dem Offenbacher Stadtarchiv vertreten durch dessen Leiter Jürgen Eichenauer nun dokumentierende Unterlagen aus seiner Zeit als Gartenbaudirektor in Offenbach als Schenkung überlassen. Darunter sind unter anderem Fotografien aus dem Waldpark, die das Freizeitleben vor dem Kriegerdenkmal, das Gärtnerhaus oder das Naturtheater – heute despektierlich Suppenschüssel genannt – im Eißnert-Park und den damals neu angelegten Hessenring zeigen. Dazu gibt es Skizzen, einen standardisierten Gartenplan und ein dokumentierendes Fotobuch zur Familiengeschichte von Oskar Gutsche.

Eva Maria Teetz bei der Übergabe an Jürgen Eichenauer
Eva Maria Teetz bei der Übergabe an Jürgen Eichenauer © Stadt Offenbach / Georg-Foto

Spurensuche

Eva Maria Teetz, geborene Gutsche, fand die Unterlagen im Nachlass ihrer Mutter Elli Christine Gutsche, geborene Preiß. Eva Maria Teetz ist die Tochter von Karl Gutsche und damit Enkelin von Oskar Gutsche. Sie hat die Vorliebe für Gartengestaltung vom Großvater geerbt. „Weder Sohn noch Tochter hatten Interesse an Gärten“, erinnert sich Teetz. Sie selbst liebt dagegen Gärten. „Ich bin so gerne draußen – ich gehe lieber Unkraut jäten als abwaschen“.

Gemeinsam mit ihrem Mann Joachim Teetz hat sie sich auf Spurensuche nach den Wurzeln ihrer Familie in Schlesien bei Breslau gemacht. Die Erkenntnisse wurden in einem ebenfalls übergebenen Fotobuch gesammelt, das die widrigen Lebensumstände für die Familie eines Lehrers in dieser Zeit widerspiegelt. Oskar Gutsches Vater Ernst Wilhelm Gutsche hat mit seiner Frau Clementine vierzehn Kinder, von denen vier früh versterben. Die Familie muss häufig umziehen – immer dahin, wo der Vater eine Stelle als Lehrer bekommt. Neben vielen Stationen in Schlesien gibt es auch Stationen bei Berlin und eben in Görschlitz, wo Oskar Gutsche 1878 geboren wird. Oskar Gutsche erlebt in seiner frühesten Kindheit selbst den Tod zweier Brüder. Mit sechs Jahren verliert er den Vater – die Mutter muss mit einer geringen Witwenpension zehn unmündige Kinder durchbringen.

Dass er aus kleinen Verhältnissen dann Gartenbaudirektor in Offenbach wurde, beeindruckt Joachim Teetz an Oskar Gutsche besonders. Neben der Schule erhielt Gutsche auch Privatunterricht bei Geistlichen, wie er im Bericht „Mein kurzer Lebenslauf“ schreibt.

Lehrjahre

Zeugnisse dokumentieren, dass Gutsche „in der Schloßgärtnerei des Rittergutsbesitzers Scheibler zu Blumerode in Schlesien“ von 1892 bis 1895 eine Lehre als Gärtner absolviert. Als Gehilfe arbeitet er einige Jahre in Handelsgärtnereien in Dresden, Cleve und Laubegast. Später macht er noch einen Fachschulabschluss, um in seinem Beruf voran zu kommen. Selbst der Militärdienst von 1897 bis 1899 führt ihn in die Natur: Er wird Regiments-Parkgärtner in Dresden. Nach dem Militärdienst sammelt er Erfahrungen in Gärtnereien und Parks bei Breslau, Bonn, Köln und im Königlich botanischen Garten in Halle bis er eine Anstellung in Mühlhausen in Thüringen bekommt. Dort darf er sogar die Parks von Staatsminister Berlepsch auf Seebach und den Stadtpark neu planen.

Er arbeitet im Palmengarten in Frankfurt und 1905 folgt er Ferdinand Tutenberg im Mainzer Garten- und Friedhofsamt als Stadtgärtner nach, während er nebenher Fachlehrer an der Kunstgewerbeschule ist. In Mainz heiratet er die Tochter eines Färbereibesitzers: Anna Deißmann ist gerade 23 Jahre alt geworden. 1909 wird der erste Sohn Ernst Edmund geboren und die Mutter von Oskar Gutsche besucht die Familie einige Monate. Kurz bevor Gutsche 1911 nach Offenbach wechselt, erreicht ihn noch in Mainz die Nachricht vom Tod der Mutter in Schlesien.

Anzuchtgarten der Stadt Offenbach vermutlich um 1912
Anzuchtgarten der Stadt Offenbach vermutlich um 1912 © Stadt Offenbach

Nach dem Krieg entwickelt Gutsche den Standardgarten für die Siedlung Tempelsee der Baugenossenschaft Odenwaldring in Zusammenarbeit mit Architekt Peter Petermann. Der Garten für die Selbstversorgung der Siedler orientiert sich an Konzepten von Leberecht Migges und typischen Elementen der zwanziger Jahre wie Trockenmauern und Staudenbeete.

1923 wird die Tochter Hildegard-Margarete geboren. Zwei Jahre später stirbt der Erstgeborene. Teil der Schenkung sind Auszüge aus der Familienbibel der Gutsches. Sie enthalten auch von Oskar Gutsche verfasste Texte in einem schwärmerischen Tonfall. "Das war zu dieser Zeit üblich, alle haben in diesem romantischen Ton geschrieben", klärt Uslular-Thiele auf.

Büsche für die Nachtigallen

"Ein wichtiges Anliegen für Oskar Gutsche war es, Büsche für die Nachtigallen zu pflanzen". Damit habe er einen Wunsch der Offenbacher Bürger des 19. Jahrhunderts aufgegriffen. Deshalb habe man am Waldpark die Waldsäume entsprechend inszeniert, sowohl malerisch als auch im Sinne des Vogelschutzes.

Zum Auftrag Gutsches gehörte es auch, Spielflächen für Kinder zu schaffen - davon gab es damals zu wenige. Uslular-Thiele berichtet von Senioren im Arbeitskreis Stadtgeschichte, die sich noch daran erinnern, dass es damals einen Park nur für ältere Leute gab, weil das der Stifter so bestimmt habe. „Als Kinder durften wir nicht in den Park, jetzt bin ich alt und den Park gibt es nicht mehr“.

Mit dem nach Gutsche benannten Park am Main schafft die Stadt Offenbach ganz in seinem Sinne viel Raum für Kinder mit Wasserspielen und Angeboten zum Rutschen, Schaukeln und Klettern. Er wird voraussichtlich im Herbst 2017 fertig.

Offenbach am Main, 10.08.2016