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Am Wilhelmsplatz hat gerade die Agentur für Zeitverschwendung Quartier bezogen und wer den Wohnwagen betritt, kann nicht nur mit drei freundlichen Herren ins Gespräch kommen, sondern sich auch einen „Zeitverschwendungsgutschein“ ausstellen lassen. „Das ist ja wie bei `Momo` und den grauen Herren der Zeitsparkasse“, stellte denn auch Oberbürgermeister Horst Schneider beim Besuch fest und wurde schnell eines Besseren belehrt. Das sei ein grundsätzliches Missverständnis, dass man Zeit anhäufen oder sparen könne, so Steffen Popp vom Künstlerkollektiv Geheimagentur: „Zeit ist kein Geld, es gibt sie nur in Echtzeit“.
Hintertür des Gartenhauses
Kunst will entdeckt werden. Dr. Lisa Regazzoni von der Goethe-Universität, Kuratorin Britt Baumann und Künstler Marc Aschenbrenner vor der Installation von Thomas Rentmeister auf dem Alten Friedhof © Stadt Offenbach
So vergänglich wie Zeit sind auch Orte: Das Amt für Kultur- und Sportmanagement hat zwölf Künstler eingeladen, den Blick auf die unscheinbaren Seiten des Offenbacher Stadtraums zu richten. Wer sich auf den sechs Stationen umfassenden Rundgang der Ausstellung „Hidden View“ einlässt, trifft auf überraschendes, irritierendes und berührendes. Unterschiedliche Positionen und Ausdrucksformen, die den umgebenden Raum erkunden, Vorhandenes aufgreifen oder Verschwundenes aufspüren.
Oberbürgermeister Horst Schneider bei der Geheimagentur
Oberbürgermeister Horst Schneider im Gespräch mit den Beratern der Agentur für Zeitverschwendung © Stadt Offenbach
So wie die Klanginstallation von Michael Zheng, der den Wilhelmsplatz mit einer Soundinstallation bespielt, die `Alice im Wunderland´ mit historischen Adressbüchern der Stadt Offenbach verschränkt und so die ehemalige Funktion des Platzes als Friedhof ins Bewusstsein rückt. „Das war lange vergessen und wurde erst beim Bau einer Tiefgarage wieder entdeckt“, erklärt Nadia Ismail. Die Kunsthistorikerin hat gemeinsam mit Britt Baumann die Ausstellung ersonnen und kuratiert. „Der Stadtraum befindet sich im ständigen Transit“, ergänzt Baumann, „die Künstler haben sich mit den Sedimentschichten beschäftigt.“
Julia Bünnagel
Julia Bünnagel auf dem Alten Friedhof © Stadt Offenbach
„Adore Life“ heißt die Installation der Kölner Künstlerin Julia Bünnagel auf dem 1832 eröffneten und heute unter Denkmalschutz stehenden Alten Friedhof. Insgesamt acht schwarze Glasplatten hat sie auf dem Areal verteilt. Wie die meisten umliegenden Gräber sind auch diese 80 x 1,80 Meter groß und wollen entdeckt werden. Wer sie betrachtet, kann beinahe in ihnen versinken: das schwarze Glas reflektiert Teile der Umgebung, vor allem aber die vorbeiziehenden Wolken. „Die Symbolik des Spiegels gibt es in allen Kulturen“, erklärt Bünnagel, „als Tor in eine andere Welt oder als Sinnbild für Unendlichkeit.“ Dem Friedhof als Übergangsort widmet sich der aus Italien stammende und teilweise in Berlin lebende Bildhauer Fabrizio Prevedello: filigran und doch stabil wächst seine Drahtkonstruktion aus der Erde, eine Leiter mit sehr ungleichmäßigen Stufen (Betreten verboten!), um sich über die Mauer hinweg fortzusetzen und auf der anderen Seite wieder in der Erde zu verschwinden. Ein paar Meter weiter, das verwitterte Gartenhaus. Was war schon da und in welcher Form? Thomas Rentmeister hat Vorhandenes ergänzt und zu einem Suchbild zusammengesetzt, das den Blick für die Umgebung schärft.
Gereon Krebber bei der Arbeit
"Absorption ist auch eine Qualität von zeitgenössischer Kunst": Gereon Krebber vor seiner noch im werden begriffenen Skulptur im Dreieichpark © Stadt Offenbach
Bereits auf den ersten Blick hingegen erschließt sich die Installation von Gereon Krebber im Dreieichpark. Eine amorphe, nicht zu definierende Masse schiebt sich dort seit ein paar Tagen aus dem Becken des Springbrunnens in die Parklandschaft. „Noch sind nicht alle Schichten aufgetragen“, erläutert der Bildhauer, „erst mit dem Bitumen wird die Skulptur ihre finale Form erlangt haben.“ Ein paar Meter weiter hat sich Elsa Tomkowiak aus Frankreich von der Umgebung inspirieren lassen und verwandelt das Gewässer in eine schwimmende Skulptur: „Water will be an actor of the installation“, insgesamt 280 bemalte Acrylkugeln greifen die Bewegung des Wassers auf, spiegeln sich auf der Oberfläche und zeigen „Movement between microworld and macroworld.“
Elsa Tomkowiak
"Well, I guess, I´m a painter": Elsa Tomkowiak mag Farben. © Stadt Offenbach
Marc Aschenbrenner
Marc Aschenbrenner in seiner Installation © Stadt Offenbach
Wieviel braucht es zum Leben? Dieser Frage widmet sich Marc Aschenbrenner in seiner Arbeit auf dem Platz des 8. Mai 1945 vor dem Ledermuseum. Dort hat der Künstler mehrere pinkfarbene Anzüge, Teile oder auch Ganzkörper in einem Aufbau angebracht, die von ihm performativ am Samstag, 20. August um 12 Uhr bespielt werden.

Die Ausstellung „Hidden View“ wird am Freitag, 19. August um 19 Uhr am Markthaus am Wilhelmsplatz eröffnet und ist dann bis 16. Oktober zu sehen. Weitere Informationen und eine Übersicht über alle teilnehmenden Künstler und Arbeiten gibt es online auf www.offenbach.de/hiddenview

Jochen Hendricks hat einen Kleinwagen mit Bier befüllt
Kunst – beiläufig: Jochen Hendricks hat einen Kleinwagen mit Bier gefüllt. 2500 Liter sollten es sein, aber noch ist das Auto nicht richtig dicht. Das „Hybrid zwischen Skulptur und Readymade“ ist auf dem Wilhelmsplatz zu finden. © Stadt Offenbach