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Eingang
© Stadt Offenbach
– „Immigrants create ideas that really work“ (Einwanderer haben funktionierende Ideen): Basierend auf den Thesen der „Arrival City“ des britisch-kanadischen Autors und Journalisten Doug Saunders hatten Peter Cachola-Schmal, Leiter des Deutschen Architekturmuseums DAM, und sein Team die Ausstellung „Making Heimat“ im Deutschen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig 2016 konzipiert. Dafür öffneten sie den Pavillon und gaben damit nicht nur den Blick auf die Lagune frei, sondern haben Deutschland auch sinnbildlich geöffnet.
„Die Flüchtlingssituation führte dazu, dass das ursprünglich mit Saunders erarbeitete Konzept, über die gelungene Ankunftsstadt zu sprechen, um die Frage, was passiert, wenn aus einem Flüchtling ein Einwanderer geworden ist, erweitert wurde“, erklärt Cachola-Schmal. Wie Heimat gemacht werden und Ankommen gelingen kann, beleuchtete die Ausstellung an ausgewählten deutschen Städten, neben Stuttgart, Berlin-Lichtenberg eben auch an der „Arrival City“ Offenbach. Jetzt ist erweiterte Ausstellung „Making Heimat“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zu sehen, neben den Aspekten „Bezahlbarer Wohnraum“ und „Flüchtlingsbauten“ ist Offenbach nun raumfüllend untergebracht: Das gesamte Erdgeschoss gehört zu wesentlichen Teilen der Nachbarstadt im Osten Frankfurts, in der Menschen aus 159 Nationen eine Heimat gefunden haben.
Gruppenbild
Anna Scheuermann, Doug Saunders und Peter Cachola-Schmal bei der Vorstellung der Ausstellung im DAM © Stadt Offenbach

Integrationsmaschine Offenbach

Industriestandort, Kreativstadt und Heimat. Aber auch Stadt mit schlechten Ruf und negativen Kennzahlen. Viele Ausländer, rund 60 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, eine hohe SGB-II („Hartz IV“)-Quote, eine hohe Kriminalitätsrate, das sind nur einige Attribute, die der Stadt zugeschrieben werden. „Dabei“, erläutert Urbanist Prof. Kai Vöckler, der gemeinsam mit Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration, die jetzige Präsentation Offenbachs inhaltlich mit aufbereitet hat, „ist Offenbach alles andere als ein Ghetto: Hier stellt keine Ethnie mehr als 40 Prozent und machen 20 Prozent der Ausländer Abitur.“ Und was die Kriminalität angeht, beruhigt Vöckler, bewegt sich die Stadt im unauffälligen Mittelfeld und hat sogar bundesweit die fünfhöchste Aufklärungsquote, weshalb sich eine kriminelle Karriere hier kaum lohne. Hinzu kommt: Differenzen zwischen den Ethnien und Milieus gibt es kaum, denn letztlich ist Deutsch die gemeinsame Verkehrssprache. Das erleichtert die Integration und das Zusammenleben. Außerdem: Verglichen mit Frankfurt ist das Leben in Offenbach (noch) vergleichsweise günstig. „Nur sechs Stationen mit der S-Bahn von der Konstablerwache sind es und Wohnen kostet fast nur die Hälfte“, so auch Peter Cachola-Schmal. Auch wenn sich das gerade ändert, bietet die Stadt Neuankömmlingen beste Voraussetzungen: neben günstigem Wohnraum und guten Schulen sind dies vor allem auch Netzwerke. Denn: „Irgendjemand aus dem vertrauten Umfeld ist bereits hier.“
Mathildenviertel-Ausschnitt
Das Mathildenviertel als Ausstellungsobjekt im DAM © Stadt Offenbach

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde

Genau genommen keine Überraschung, blickt die Stadt am Main doch auf eine lange Einwanderungstradition zurück: Schon der isenburgischen Grafen Johann Philipp sorgte mit der Aufnahme hugenottischer Glaubensflüchtlinge 1698/99 für einen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung. Dank des Verbots der Frankfurter Zünfte, Fabriken einzurichten oder Maschinen aufzustellen, entwickelte sich Offenbach im 18. Jahrhundert zu einem prosperierenden Industriestandort. Die Spuren dieser Entwicklung sind noch heute im Stadtbild zu sehen, die Blöcke sind größer als in Frankfurt und ließen, obwohl für Industrie und nicht zum Wohnen gebaut, schon immer eine Mischnutzung zu. Das heutige Mathildenviertel ist als ehemaliges Arbeiterviertel im Osten der Stadt beispielhaft für diese Entwicklung, deshalb haben die Ausstellungsmacher den Block in seiner heutigen Struktur modellhaft installiert. Wer möchte, kann den Blick schweifen lassen, Hinterhöfe und Straßenzüge rund um die Hermann-Steinhäuser-Straße genauer inspizieren und unterschiedliche Nutzungsformen entdecken. Dort wirkt auch Arthur Seitz, er kümmert sich seit 16 Jahren als Hausmeister um die Liegenschaft Hermann-Steinhäuser-Straße 15. Seitz kam 1957 aus Oberfranken nach Offenbach und gehört neben Cafebesitzer Ösman Göverim, Enkelsohn türkischer Einwanderer, dem 1984 in Offenbach geborenen Marco Russo, Sohn eines Italieners und einer Deutschen, und der Familie Huesmann zu den Offenbachern, deren Porträts bereits in Venedig zu sehen waren.

Offenbach is almost alright / Offenbach ist ganz ok

Jetzt sind weitere „bekannte Gesichter“ hinzugekommen, Eyad Hamadei beispielsweise, der vor zwei Jahren aus Aleppo nach Offenbach kam und sich mit dem „Damaskus Falafel Haus“ in der Frankfurter Straße bereits eine eigene Existenz aufgebaut hat. „Wenn jemand in Deutschland bleiben will, so wie ich, dann muss er selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen.“ Dass er so schnell Fuß fassen konnte, liegt auch an den Voraussetzungen, die es in Offenbach gibt, eben günstigeren Mieten und, wie in seinem Fall, kleinteiligen Geschäftsräumen. „Hier“, erklärt Cachola-Schmal, „finden sich alle Thesen von Saunders bestätigt: Offenbach bietet Migranten genau die informellen Strukturen, die ihnen das Ankommen ermöglichen. Sie finden Netzwerke und die baulichen Voraussetzungen, um schnell Fuß zu fassen.“
Gruppenbild
Frankfurts Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig war unlängst mit Oberbürgermeister Horst Schneider und Stadtrat Dr. Felix Schwenke im Falafelhaus von Eyad Hamadei zu Gast. © Stadt Offenbach

Blaupause für die Herausforderungen der Gegenwart

Insgesamt acht Thesen hat Saunders für die „Arrival City“ formuliert. „Langfristig geht es daher darum“, so Mitkuratorin Anna Scheuermann, „diese mit den Notwendigkeiten der Gegenwart zusammenzudenken“. Denn: Bezahlbarer Wohnraum in den Städten wird knapper und wie dem mit modularem Bauen, Verdichtung und Aufstockung begegnet werden kann, untersucht der zweite Teil der Ausstellung im Obergeschoss. Dort sind auch Flüchtlingsbauten zu sehen, die bis Mai 2016 realisiert oder auf dem Weg der Realisierung waren. Insgesamt sieben Projekte hat Scheuermann ausgewählt, die zeigen, „was Menschen über ein Dach über dem Kopf hinaus noch brauchen, um besser ankommen zu können.“

„Making Heimat“ ist bis 10. September 2017, Dienstag, Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr und Mittwoch von 11 bis 20 Uhr im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt zu sehen.

Stadt Plus
© Jessica Schäfer

Offenbach Stadt Plus

Zur Ausstellung gibt es immer mittwochs ein umfangreiches Vortragsprogramm, am 8. März von Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration „Wie Offenbach seine Migranten integriert“.

DIE STADT + DIE ARRIVAL CITY

Wie Offenbach seine Migranten integriert Matthias Schulze-Böing \ Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration der Stadt Offenbach

Offenbach hat eine lange Tradition der Immigration. Die Stadt ist ein »Ankunftsbezirk«, eine »Arrival City«. In der Bevölkerung sind 152 Nationen vertreten. Die Nationalitäten der ehemaligen Gastarbeiter stellen immer noch die größten Einzelgruppen, hauptsächlich Türken, Italiener und Griechen. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren sind dann andere Gruppen aus den neuen EU-Mitgliedstaaten in Ost und Südosteuropa, aber auch aus Asien, Nordafrika und anderen Teilen der Welt hinzugekommen. Bei den »älteren« Gruppen der Zuwanderer aus den südeuropäischen Ländern und der Türkei findet sich ein wachsender Teil von Menschen, meistens aus der zweiten und dritten Generation, die Bildungskarrieren machen. Es gibt unter ihnen einen stark steigenden Anteil von Gymnasiasten, sowie auch Universitätsstudenten. Homogene ethnische Milieus können »nach oben« ziehen, wenn dort zum Beispiel Bildungserfolg hoch bewertet wird und ein Faktor bei der Gewinnung von Anerkennung und Status in der eigenen Gruppe ist wie etwa bei vielen Migranten aus Asien. Homogene Milieus können aber auch behindern, wenn sie zur Abschottung führen oder Bildungs- und Aufstiegsambitionen bremsen, weil man die Entfremdung von der eigenen Gruppe befürchtet.

19. April 2017: "DIE STADT + DAS ZWIELICHT"

Wo in Frankfurt die Halbwelt herrscht, Enrico Sauda, Gesellschaftskolumnist der Frankfurter Neuen Presse

3. Mai 2017: "DIE STADT + DER FLUGHAFEN"

Wo Frankfurt abhebt, Wolfgang Voigt, Architekturhistoriker

7.Juni 2017, "DIE STADT + DIE TIERE"

Wann Nilgänse, Kaninchen und Wildschweine zum Problem werden, Rainer Berg, Grünflächenamt Stadt Frankfurt am Main