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Portrait
Dr. Adriana Marinescu, Mitglied des Ausländerbeirats der Stadt Offenbac © Stadt Offenbach
Viele Menschen in Offenbach sind neben ihren täglichen Pflichten zusätzlich ehrenamtlich aktiv. Sie schenken Zeit, hören zu, helfen, übernehmen Tätigkeiten und engagieren sich selbstlos zum Wohle der Allgemeinheit. Manche von ihnen sind in Vereinen aktiv, andere machen einfach einen Schritt auf ihre Mitmenschen zu und unterstützen sie beispielsweise beim Ankommen in einer fremden Umgebung.

„Wir haben im Integrationsbereich unheimlich viele Ehrenamtliche. Ihr Einsatz ist von großer Bedeutung aber oft bekommt die Öffentlichkeit wenig davon mit“, weiß Pia Tassler, die WIR-Koordinatorin aus dem Referat für Integration der Stadt Offenbach. Sie hat mit fünf ehrenamtlich Aktiven gesprochen, die seit langem in Offenbach leben, aber aus eigener Erfahrung wissen, wie es ist sich in einer neuen Heimat orientieren zu müssen und dass es dabei auch ab und zu eine helfende Hand braucht. In loser Folge kommen in den nächsten Wochen Dr. Adriana Marinescu, Mitglied des Ausländerbeirats der Stadt Offenbach, Integrationslotse Dr. Khairallah El-Cheikh, Integrationslotsin Yodit Embaie-Zekarias, Sarbast Al-Khder aus der Yezidischen Gemeinde OF und Semra Yilmaz, Gründerin einer Fraueninitiative zu Wort. Alle Interviews finden sich dann auf www.offenbach.de/integrationshelden

Den Anfang macht das Gespräch mit Dr. Adriana Marinescu. Die 64-jährige ist Mitglied des Ausländerbeirats der Stadt Offenbach und kam 1973 nach Deutschland.

Wie und wo kann man sich ehrenamtlich engagieren? Die meisten Menschen werden bei dieser Frage an soziale Dienste denken, manche vielleicht auch an bestimmte Vereine. Deutlich weniger Menschen kommt vermutlich der politische Bereich in den Sinn. Dr. Adriana Marinescu kann über ihr Engagement in jedem dieser drei Felder erzählen: Seit 1992 hat die Allgemeinärztin eine eigene Praxis in Offenbach, in der sich oft Situationen ergeben, in denen sie sich über das beruflich Gebotene hinaus freiwillig für die Menschen einbringt. Daneben ist Marinescu aber auch in der Rumänisch-Orthodoxen Gemeinde aktiv. Ein politisches Ehrenamt folgte schließlich, als sie mit den Wahlen am 29. November 2015 in den Ausländerbeirat der Stadt einzog. Dieses Gremium gibt ausländischen Bürgerinnen und Bürger eine Stimme, alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. Entsprechend gut gefüllt ist der Terminkalender der 64-jährigen. „Ich bin eben glücklich, wenn ich etwas tun kann, wenn ich produktiv bin,“ sagt sie dazu.

„Pass auf, dass du keinen Quatsch unterschreibst“

Adriana Marinescu wurde in Rumänien geboren und verbrachte dort ihre ersten Lebensjahre. Dass die Ärztin rumänisch spricht, hat sich in Offenbach herumgesprochen und daher wundert es nicht, dass viele ihrer Patientinnen und Patienten ebenfalls rumänischstämmig sind. „Auch wenn jemand schon längere Zeit in Deutschland lebt, ist es nicht leicht, gesundheitliche Probleme in einer Sprache zu erklären, die nicht die Muttersprache ist“, sagt sie. Das zeigen auch die zahlreichen Briefe, die sie von anderen Fachärztinnen und Fachärzten erhält. Die betroffene Person sei zwar dagewesen, schreiben ihre Kolleginnen und Kollegen, aber beim nächsten Mal sollte ein Dolmetscher mit dabei sein. Neben medizinischen Fragen wenden sich die Menschen auch mit anderen Themen an die Ärztin und Dr. Marinescu versucht mit Rat und Tat weiterzuhelfen. Von dem Kontakt der Migrationsberatung bei Steuerfragen bis zu Informationen über Sportangebote für Kinder kam schon alles vor. Manche der Ratschläge verlieren niemals an Aktualität. „Mach immer eine Kopie, bei allem was du aus der Hand gibst“, oder „Pass auf, dass du keinen Quatsch unterschreibst. Lies Papiere genau durch und hol dir im Zweifelsfall Hilfe." Viele ihrer Landsleute kennen sich nicht aus und bringen sich dadurch manchmal in heikle Situationen, berichtet Marinescu. So habe sie einmal einen Mann an eine Beratungsstelle für Finanzthemen verwiesen. „Dieser Mann ist in seinen Dokumenten Kreditverpflichtungen bei einer Bank eingegangen, das war einfach unglaublich." Sie schüttelt den Kopf. „Wir helfen, wo wir können, aber mehr geht manchmal nicht.“

Trotzdem kann sie auch viele positive Veränderungen feststellen, so gibt es heute weitaus mehr Hilfsangebote für Migrantinnen und Migranten. Als ihre Familie nach Deutschland kam, habe es das nicht gegeben. Keiner habe geholfen, um das Deutsch lernen zu erleichtern oder amtliche Dokumente zu verstehen. „Ich weiß noch, wie mein Vater vollkommen überfordert zu Bekannten oder sogar Rechtsanwälten ging, um zu verstehen, worum es in den ganzen Papieren ging. Man war also entweder stark auf den Bekanntenkreis angewiesen oder musste für die Hilfe zahlen“, erinnert sich die Ärztin an die damalige Situation.

Von Rumänien nach Deutschland, von Deutschland nach Rumänien und wieder zurück

Als die Familie von Adriana Marinescu Rumänien verließ, war sie 17 Jahre alt. Zu dieser Zeit herrschte der neostalinistische Diktator Nicolae Ceaușescu in der Sozialistischen Republik. Als sie zum ersten Mal eine deutsche Schule betrat, habe sie gestaunt: „Niemand trug eine Schuluniform, während der Unterrichtszeit fingen manche zu essen an - so etwas hat es an rumänischen Schulen nicht gegeben. Dort musste immer alles akkurat, brav und ordentlich sein.“ Die fehlenden Deutschkenntnisse wurden schnell zum Problem, nur in Mathematik war sie Klassenbeste. Ihr Vater meldete sie daraufhin in einem Internat in Hasselroth an, in dem sie ein Jahr lang ausschließlich Deutsch lernte. Danach kehrte sie zurück nach Offenbach und machte am Rudolf-Koch-Gymnasium ihr Abitur.

Weil sie den Numerus Clausus in Medizin in Deutschland nicht erfüllte, entschied sie sich für ein Studium an einer Universität in Rumänien. „Es war aber immer klar, dass ich nach Deutschland zurückkomme. Meine Eltern, meine Freunde, mein Zuhause waren hier.“ Die Verbundenheit zur rumänischen Heimat blieb dabei bestehen, in Offenbach gehört sie zu den Gründungsmitgliedern von zwei rumänischen Vereinen, CROM (Comunitatea Românilor din Rin-Main) und ARO (Asociatia Românilor din Frankfurt si Împrejurimi). Auch in der Rumänisch-Orthodoxen Gemeinde wirkt Adriana Marinescu bis heute mit.

Der Ausländerbeirat als Augenöffner

Immer in Bewegung, Adriana Marinescu ist ein Energiebündel und kann nicht lange untätig sein. So erklärt sich auch ihr Engagement im politischen Bereich, bei dem ihr vor allem zwei Themen am Herzen liegen: Alleinerziehende Mütter, deren Probleme sie aus eigener Erfahrung gut kennt, und Jugendliche. „Ich finde es wichtig, dass junge Menschen genügend Möglichkeiten haben aktiv zu sein und Dinge auch mal auszuprobieren. Nur so kann man feststellen, wo die eigenen Stärken liegen und welchen Weg man gehen möchte", sagt sie. Parteipolitisch war Marinescu zunächst in der SPD beheimatet, als 2015 die Wahlen zum Ausländerbeirat anstanden, schloss sie sich der neu gegründeten Ost-Europäischen Liste an und erhielt das Mandat.

Auf die Auseinandersetzung mit politischen Fragestellungen war sie vorbereitet, aber eine derartige persönliche Bereicherung habe sie nicht erwartet, berichtet Marinescu. „Ich bin kein engstirniger Mensch, aber was ich alleine über den muslimischen Fastenmonat Ramadan gelernt habe! So vieles war mir überhaupt nicht klar.“ Die Mitglieder des Ausländerbeirats stammen aus den verschiedensten Regionen der Welt und bringen unterschiedliche Blickwinkel und Denkweisen in die Diskussion. „Am Ende wollen wir alle dasselbe, uns eint das Interesse an der Stadt, in der wir zusammenleben", sagt sie und gesteht, durch die Tätigkeit mehr Verständnis und Akzeptanz entwickelt zu haben.

>Offenbach am Main, 19. August 2020