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„Die markante Stimme eines Offenbachers aus Leidenschaft ist verstummt“, so Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke. „Die Menschen nicht nur in unserer Stadt trauern um Lothar Braun. Seit 1949 begleitete er den Alltag der Offenbacherinnen und Offenbacher mit spitzer Feder, beiläufigen Glossen, hintergründigen Kommentaren und wohlwollenden Anmerkungen: ein Journalist, der Partei nahm für unsere Stadt, die ihm vertraute Heimat wurde; ich habe ihn in seinen Texten und unseren wenigen Begegnungen als einen Meister der Sprache erlebt, der Hintergründiges brillant zwischen den Zeilen vermitteln konnte; ein Berichterstatter und Chronist, der den Bezug der Menschen zu dem Geschehen nie vergaß; aber auch ein sprachgewaltiger Schriftsteller, der mit Erzählfreude sein Publikum mit Offenbacher Geschichte und Geschichten begeisterte.“

Porträt Lothar Braun
Lothar Braun © georg-foto; offenbach

Lothar Braun, zumeist als „Ralo“ bekannt, starb am 17. Februar im Alter von 92 Jahren. Er war einer der letzten Zeitzeugen der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Eine Zeit, in der seine „Offenbach-Post“ gerade mal acht Seiten stark war und dennoch die Redebeiträge einer Stadtverordnetenversammlung wie ein Protokoll wörtlich zitierte, um den Menschen „Demokratie zu lehren“. Als Lokalchef der Offenbach-Post half er über Jahrzehnte den Bürgerinnen und Bürger Entwicklungen und Ereignisse einzuordnen, niemandem außer den Interessen seiner Leser verpflichtet. Ralo einte, so Schwenke weiter, in seiner Kolumne „Guten Morgen liebe Leser“ die Stadt. Sein erster Gruß am Morgen auf der ersten Lokalseite galt meist nebensächlichen Ereignissen, dem Gewöhnlichen, den Stilblüten des Alltags. „In seinen Worten konnten sich die Menschen wiederfinden.“ Ralo selbst bekennt einmal: „Eine Lokalzeitung ist auch ein Stück Kitt, das eine Stadt zusammenhält.“ Ihn sorgte, dass in einer Gesellschaft, die immer weniger gemeinsame Interessen hat, dieses „Wir-Gefühl“ verloren geht. Der Oberbürgermeister: „Für diese Brücken, die er immer wieder zwischen den Menschen geschlagen hat, ist ihm die Stadt Offenbach sehr dankbar.“

Gedenken an einen Lokalpatrioten

Von 1975 bis 1980 wechselte Lothar Braun die Seiten: von der Lokalredaktion am Aliceplatz gegenüber ins Rathaus am Stadthof, um ein neues Presseamt aufzubauen. Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung, die ihn anfangs eher als Exot zwischen all den routinierten Verwaltungsabläufen betrachteten, verschaffte er sich mit seiner zurückhaltend höflichen aber dennoch bestimmten Art schnell Respekt. Die 1000-Jahr-Feier Offenbachs, die er an entscheidender Stelle mitorganisierte, war ein Impuls für viele Projekte, die bis heute wirken. Er knüpfte auf einer Goodwill-Tour durch die Marketing-Abteilungen Offenbacher Unternehmen ein Netz, um „gemeinsam das Image der Stadt aufzumöbeln“. Lothar Braun initiierte eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Rathaus und der Hochschule für Gestaltung. Ein Ergebnis: das offizielle Logo der Stadt mit dem markanten „OF“. Und nicht zuletzt: Sein Magazin „Offenbach – heute und morgen“ informierte lange Jahre über kulturelle Höhepunkte und Sehenswertes.

Lothar Braun ging neue Wege in der Kommunikation zwischen Behörde und Stadtgesellschaft. Ein Anwalt aller Offenbacherinnen und Offenbacher wollte er sein, griff Wünsche und Anregungen auf und gab sie mit Nachdruck an die zuständigen Ämter weiter. Aber auch umgekehrt warb er bei den Medien um Verständnis für die vielschichtigen Anforderungen an das Handeln einer Behörde. Über diese Zeit sagte Lothar Braun einmal, er beobachte die Verwaltung mit all ihren vorgeschriebenen Abläufen jetzt mit mehr Nachsicht. Diese Nachsicht hinderte Lothar Braun nach seiner Rückkehr auf den Sessel des Lokalchefs aber nicht, den Finger auf die Wunde zu legen, wenn er glaubte, Interessen der Stadt werden vom Magistrat nicht wahrgenommen. Seine Waffe in seinen Kommentaren war nie der Säbel sondern meist das Florett. „Aber gerade deshalb war seine Stimme unüberhörbar“, sagt Schwenke.

Der Autor Lothar Braun werde, so Schwenke weiter, noch viele Jahrzehnte Offenbacher Lebensgefühl, Ungezwungenheit und Toleranz vermitteln. Lothar Braun sammelte über 70 Jahre Anekdoten. „Viele kleine Ereignisse und Arabesken, die eine Stadt amüsant und liebenswert machen, wären ohne seine vielen Bücher längst vergessen“, so Schwenke. Der Oberbürgermeister erinnerte auch an das vielfältige persönliche Engagement von Lothar Braun an exponierter Stelle für die Stadt: im Freundschaftsverein Offenbach Orjol beispielsweise und bei den Freunden der Hochschule für Gestaltung, die ihn im Jahr 2016 zum Ehrenmitglied ernannten. Die Stadt Offenbach am Main ehrte Lothar Braun mit der Bürgermedaille in Silber und der Rathausmedaille. Schwenke abschließend: „Lothar Braun hat einmal in einem Interview sinngemäß gesagt, irgendwann habe er gemerkt, er habe sich in die Stadt verliebt. Ein Satz, der für die uneingeschränkte Leidenschaft von Ralo für Offenbach steht. Ein echter Lokalpatriot. Wir alle haben einen Freund verloren.“

19. Februar 2021