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"Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“ Dieses Zitat von Benjamin Franklin beschäftigte in dieser Woche Holger App. Der 55-Jährige ist neben seinem Beruf als Datenschutzbeauftragter der Stadt Offenbach als Prädikant in evangelischen Gemeinden in Offenbach tätig und Mitglied im Kirchenvorstand der evangelischen Stadtkirchengemeinde. In Kooperation mit dem Amt für Öffentlichkeitsarbeit teilt er heute wieder seine aktuellen Gedanken zur Corona-Krise.

Riskieren wir alles zu verlieren?

„In der aktuellen Krise lassen wir uns viele Einschränkungen gefallen. Wir dürfen nicht treffen, wen wir wollen, wir können nicht tun, worauf wir Lust haben. Und das alles, damit wir die Sicherheit erhalten, dass unser Gesundheitssystem der Corona-Krise standhält? Manche Menschen fragen sich: Riskieren wir da nicht, beides zu verlieren: Freiheit und Sicherheit? Denn wir können ja nicht sicher sein, ob diese Maßnahmen wirklich helfen.

Ich denke nicht, dass das zutrifft. Zum Denken haben viele von uns ja gerade viel Gelegenheit. Manche müssen so schwer arbeiten wie selten zuvor. Ich denke da an das medizinische Personal, aber auch an die Verkäuferinnen und Kassierer im Einzelhandel, die Lkw-Fahrer und Wareneinräumer, die nicht nachkommen, das Klopapier ranzuschaffen, dass manche anscheinend gleich noch für die nächsten fünf Pandemien einlagern. Diejenigen, die horten: Sie suchen nach Sicherheit. Aber wir werden noch eine ganze Zeit damit leben müssen, dass es Sicherheit in Zeiten der Seuche nicht gibt. Kein Geld, kein noch so großer Vorrat an Waren schützt vor Ansteckung. Nur durch unser Verhalten können wir die Pandemie eindämmen.

Das als notwendig erkannte aus freien Stücken tun

Aber bleibt dabei nicht unsere Freiheit auf der Strecke? Benjamin Franklin war auch ein großer Kämpfer gegen die Sklaverei. Wer kann weniger frei sein als ein Sklave? Diese Frage beschäftigte auch Immanuel Kant, der ebenfalls im 18. Jahrhundert lebte, wenn auch nicht in Pennsylvania, sondern in Königsberg. Er gilt als der wichtigste Philosoph der Aufklärung. Und gerade zur Freiheit hatte er einige Gedanken, die ich gerade heute wichtig finde. Wenn ich tun und lassen kann, was ich will – bin ich dann frei? Kant sagt ganz klar: nein! Du machst dich damit zum Sklaven deiner Lüste! Freiheit, die sich nicht durch Vernunft begrenzt, ist unmenschlich und asozial.

Vernünftige Freiheit – das bedeutet für Kant, das als notwendig erkannte aus freien Stücken tun. Also nicht zuhause bleiben, weil rausgehen verboten ist. Sondern zuhause bleiben, weil es vernünftig ist. Und daher sind alle, die sich aus Einsicht an die aktuellen Regeln zur Viruseindämmung halten, wahrhaft freie Menschen. Und darum riskieren wir auch nicht unsere Freiheit damit. Wir gewinnen sie gerade neu!

9. April 2020