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Nachdenkliche Worte zum Maske tragen in einer Zeit des Ausnahmezustands

„Niemand kann lange eine Maske tragen; Verstellung kehrt schnell zur eigenen Natur zurück.“ Was Seneca schrieb, lässt Holger App in dieser ersten Woche der sogenannten Maskenpflicht nachdenklich zurück: „Ich bin gespannt, wer von uns welche Natur offenbaren wird“, schreibt uns der 55-Jährige, der Datenschutzbeauftragter der Stadt Offenbach und als Prädikant in den evangelischen Gemeinden in Offenbach tätig ist. Einmal die Woche veröffentlicht er derzeit in Zusammenarbeit mit dem Amt für Öffentlichkeitsarbeit aus dem Home-Office nachdenkliche Worte zum derzeitigen Ausnahmezustand.

Einfühlsame Menschen nehmen Rücksicht

Holger App ist sich sicher: „Diejenigen, die eh empathisch und einfühlsam sind, werden kein Problem haben, Mund und Nase zu bedecken. Es entspricht ihrer eigenen Natur, Rücksicht zu nehmen. Und ich sehe viele in der Öffentlichkeit, die mir genau diesen Eindruck vermitteln. Aber da sind auch viele andere. Solche Menschen, die der Überzeugung sind, dass es doch am besten sei, wenn jeder an sich selbst denkt, da dann keiner vergessen wird. Menschen, die nicht verstehen, warum sie, die doch gar nichts haben, eine Maske tragen sollen. Es würde doch reichen, wenn das die Infizierten und deren Kontaktpersonen tun…

Wer diesen Gedanken weiterspinnt, wird schnell merken, wie gefährlich er ist. So würde die Maske zum öffentlichen Ausweis derer, die einem Infektionsrisiko ausgesetzt waren oder sich schon angesteckt haben. Wie würde jeder von uns darauf reagieren? Ganz klar: Eine Maskenpflicht nur für Teile der Bevölkerung wäre eine Diskriminierung. Die Menschen, die sie tragen müssten, fühlten sich an den Pranger gestellt. Nein – wenn Maske, dann für alle!

Maske auf und Abstand halten

Aber darüber dürfen wir nicht vergessen, dass die Maske vor allem dazu dient, andere vor mir zu schützen. Denn es gibt ja symptomfreie Verläufe – das heißt, selbst, wenn mir überhaupt nichts fehlt, kann ich nicht sicher sein, ob ich nicht doch Überträger des Virus bin. Und weiterhin stehen Testmöglichkeiten nur denjenigen offen, die Symptome zeigen. Daher bin ich auch kein Fan der Tracking-App. Denn was soll ich denn tun, wenn mir diese Anwendung zeigt, dass ich einer infizierten Person begegnet bin? Ich persönlich fürchte, eine solche App wird mehr schaden als nutzen, wenn nicht klar ist, dass und wo sich Menschen testen lassen können, die eine Warnmeldung erhalten. Aber bei aller Technik: Um mich selbst zu schützen, werden weiterhin drei Dinge maßgeblich bleiben: Kontakte so weit wie möglich beschränken, auf Hygiene achten und vor allem: Abstand halten!

Das Tragen einer Maske kann einen sinnvollen Beitrag leisten, Infektionen zu vermeiden. Und daher finde ich es wichtig, dass sich alle daran halten, gerade in geschlossenen Räumen eine solche zu tragen. Und wenn ich ehrlich bin: Eigentlich ist es mir egal, ob jemand die Maske trägt als Zeichen seiner Solidarität mit denjenigen, die in dieser Corona-Krise besonders geschützt werden müssen. Oder nur deshalb, weil es halt Pflicht ist. Da halte ich es mit Marquis de Sade: „Nicht die Tugend fordert man von uns, sondern nur ihre Maske. Wenn wir uns zu verstellen wissen, so ist man zufrieden.“

Also: Maske auf in Geschäften und im ÖPNV! Aber Abstand halten nicht vergessen. Eine Maske ist kein Ersatz für die Einhaltung aller anderen Regeln. Sie gehört nun nur zusätzlich dazu.“

30. April 2020