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Am vergangenen Wochenende hatte Holger App dank Corona Zeit, alte Platten aufzuräumen und mal wieder reinzuhören. Der 55-Jährige ist neben seinem Beruf als Datenschutzbeauftragter der Stadt Offenbach als Prädikant in evangelischen Gemeinden in Offenbach tätig. Einmal wöchentlich teilt er seine Gedanken zur aktuellen Corona-Krise in Zusammenarbeit mit dem Amt für Öffentlichkeitsarbeit.

Seit dem Wochenende ist ihm eine Zeile aus einem John Lennon-Song nicht mehr aus dem Kopf gegangen: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ Holger App: „Ich weiß ja nicht wie es Ihnen geht – aber bei mir hat Corona sämtliche Pläne durcheinandergewirbelt. Und weiterhin ist die Lage ja so, dass Pläne gerade das sind, was so gar nicht angesagt ist. Wann wollen wir uns mal wieder auf einen Drink treffen? – Keine Ahnung, wann die Bars und Restaurants wieder öffnen dürfen. Wohin fahren wir in Urlaub? – Keine Ahnung, wann Reisebeschränkungen aufgehoben werden.

Doch bei aller Trauer darüber, nicht zu wissen, wann ich wen wiedersehen darf: Ich lerne allmählich, diese Planlosigkeit zu schätzen. Wieviel Zeit und Mühe hatte ich eigentlich in den Monaten vor Corona darauf verwendet, Pläne zu machen, die sich dann doch als Makulatur herausstellten? Makulatur ist übrigens ein Wort aus dem Druckgewerbe. Damit bezeichnet man durch einen Fehldruck unbrauchbar gewordenes Papier. Wurde diese Makulatur auf einer in Offenbach erzeugten Druckmaschine erstellt? Vielleicht sogar im Lithografie-Verfahren, dessen Patent der Offenbacher Musikalienhändler André von Alois Senefelder erworben hatte? Es wäre doch mal an der Zeit, einen Besuch in der Druckwerkstatt zu planen, die gerade neu im Bernardbau entsteht…

Schon wieder bin ich dabei, Pläne zu machen. Dabei lehren doch die letzten Wochen: Pläne sind zuvörderst der Versuch, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen. Es kommt doch ganz anders als man denkt. Und schon Fürst Metternich wusste im 19. Jahrhundert: „Jedes Projekt, welches in einem Zeitraum der Ruhe entworfen wird, misslingt, sobald die Bedingungen extrem werden“. Die aktuelle Gesundheitskrise: Das ist eine solch extreme Bedingung, die Projekte, die zuvor richtig, wichtig und sinnvoll erschienen, über den Haufen wirft. Aber ist es deshalb sinnlos zu planen? Ich persönlich mag vom Planen nicht lassen. Auch wenn ich weiß, dass gerade in der aktuellen Situation jeder Plan unter Vorbehalt steht: Nur planlos in den Tag hineinleben, ist nichts für mich. Da lebe ich lieber damit, dass nicht jeder Plan umsetzbar ist.

Leben ereignet sich, nicht alles ist planbar. Und doch: Pläne sind wichtig, denn sie vermitteln auch Vorfreude. Und auch wenn dann nicht alles umsetzbar ist: War die Vorfreude nicht die Enttäuschung wert? Wie sollten wir denn Glück erkennen können, wenn wir nicht auch das Pech und Unglück erfahren würden? Ich hoffe, bald wieder Freunde und Familie sehen zu dürfen. Sicher machen auch viele von Ihnen gerade Pläne für die nächsten Wochen. Ich finde das gut – wenn wir uns nicht darauf versteifen, solche Vorhaben auch dann umzusetzen, wenn es die Situation dann halt doch noch nicht erlaubt. Wir müssen flexibel bleiben. Von Marie von Ebner-Eschenbach ist ein Aphorismus überliefert, der mir Halt und Stütze in diesen Tagen gibt: „Und ich habe mich so gefreut!“ sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung zerstört wurde. Du hast dich gefreut: ist das nichts?“

24. April 2020