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Wegweiser mit den Aufschriften Hope und Despair
© Gerd Altmann / Pixabay
„Drei Dinge im Leben kommen nie mehr zurück: der abgeschossene Pfeil, das gesprochene Wort und die versäumte Pflicht.“ Diese Weisheit des Konfuzius beschäftigt in diesen Tagen Holger App. Der 55-Jährige ist neben seinem Beruf als Datenschutzbeauftragter der Stadt Offenbach als Prädikant in evangelischen Gemeinden in Offenbach tätig und Mitglied im Kirchenvorstand der evangelischen Stadtkirchengemeinde. In Kooperation mit dem Amt für Öffentlichkeitsarbeit teilt er heute wieder seine aktuellen Gedanken zur Corona-Krise.

„Die Pflicht, auf soziale Kontakte zu verzichten: sie fällt mir immer schwerer. Klar, ich bin mit Freunden und Familie per Telefon und auf anderen Kanälen in Kontakt – aber das ersetzt halt doch nicht das reale Beisammensein. Aber wenn ich jetzt meine Pflicht versäumte, mich und andere damit gefährdete – das wäre nie wieder zu ändern. Welche Worte werde ich später nicht bereuen?

Langsam können wir beginnen, darüber nachzudenken, welche Einschränkungen gelockert werden können, ohne dass die Zahl der Neuinfektionen durch die Decke geht. So wichtig die Solidarität mit allen ist, die von einem schweren Krankheitsverlauf besonders gefährdet sind: es ist auch klar, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Einkäufe, die ich in den letzten Wochen aufgeschoben habe, werden dringender. Und gerade die Alleinerziehenden in meinem Bekanntenkreis leiden immer stärker darunter, dass Schulen und Kitas geschlossen sind.

Es kann nicht alles sofort wieder werden wie vorher

Ich denke, die Zeit der größten Herausforderung kommt erst dann, wenn gesetzliche Beschränkungen gelockert werden. Eigentlich ist es ja jedem klar: es kann nicht von jetzt auf gleich alles wieder werden wie vor Corona. Es wird Schritt für Schritt gehen müssen. Und da kann die Frage dann nicht lauten: was ist jetzt erlaubt? Vielmehr muss jede und jeder sich fragen: was kann ich verantworten? In der Verwaltung erhalten wir täglich lange Listen, welche Verhaltensweisen zulässig und welche verboten sind. Das ist notwendig – denn das Handeln der Verwaltung darf nicht willkürlich sein; es muss an Recht und Gesetz gebunden sein.

Aber im Privaten: da reichen solche Listen nicht aus. Es macht halt einen Unterschied, ob Oma erst 50 schon 85 ist. Es macht einen Unterschied, ob sie allein lebt, mit Opa zusammen oder im Heim. Solche Abwägungen kann der Gesetzgeber immer nur unvollständig abbilden. Das Gesetz ist ein schlechter Friseur: es schert alles über einen Kamm. Die Façon muss jeder für sich selbst finden – aber doch darauf achten, dass die Entscheidung nicht nur einen selbst selig macht, sondern auch den Bedürfnissen und Anforderungen anderer gerecht wird. So dürfen wir endlich mal mit gutem Gewissen dem Spruch von Mark Twain folgen: „Verschiebe nicht auf morgen, was genauso gut auf übermorgen verschoben werden kann“. Oder noch besser: auf nächste Woche. Oder nächsten Monat. Je weniger Vorschriften es geben wird, umso wichtiger wird unsere Eigenverantwortung. Denn auch ein übertragener Virus gehört zu den Dingen, die nie mehr zurückkommen.

17. April 2020