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Luftbild Blick nach Frankfurt
© Stadt Offenbach
Weder Wunschzettel noch Träumerei, sondern ein sehr präziser, den gesamten Stadtraum umfassender Plan, sei da in den letzten Monaten entstanden. Nicht nur der Urbanist Prof. Dr. Kai Vöckler von der hfg (Hochschule für Gestaltung) ist mit dem Ergebnis zufrieden. Anfang des Jahres hatte der Verein „Offenbach offensiv“ um IHK-Präsident Alfred Clouth und Oberbürgermeister Horst Schneider den Masterplan-Prozess angestoßen, um Ideen für die Stadt für das Jahr 2030 und darüber hinaus zu entwickeln und Offenbach damit für Investoren weiter attraktiv und damit auch zukunftsfähig zu machen.
Offenbach hat Brüche und Widersprüche, die Stadt ist den Strukturwandel vom Industrie- zum Dienstleistungsstandort angegangen und nicht nur für Kreative attraktiv: „Heute ist Offenbach hervorragend mit sogenannten Wissensarbeitern ausgestattet“, so Stefan Kornmann von Planungsbüro Albert Speer und Partner bei der Vorstellung der Ergebnisse am 9. Dezember 2015. Die Stadtplaner und Architekten haben sich in den vergangenen Monaten intensiv mit Offenbach beschäftigt und die Stadt bei ihrer Suche nach den Qualitäten und Potentialen sozusagen neu vermessen.

Potential Wohnen

Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein, erfährt die urbane Stadtgesellschaft doch gegenwärtig eine Renaissance. Wohnen in der Stadt ist attraktiv und vor allem junge Menschen schätzen die Vorteile, die die Nähe zur Innenstadt mit sich bringt. Wohnen ist daher ein zentraler Aspekt des Masterplans, nicht nur in der City, sondern auch in den äußeren Stadtgebieten. Auf insgesamt 100 ha schätzen die Planer vom Büro AS&P das Potenzial, das entspricht rund 5.000 Wohneinheiten. Aktuell entstehen 3.700 Wohneinheiten in unterschiedlichen Projekten wie dem Mato-Gelände, auf der Hafeninsel oder im Goethe-Quartier. „Weitere Möglichkeiten sehen wir dabei in der Arrondierung Rumpenheims, Bürgels und Waldhofs“, erläutert Jana Hertelt, ebenfalls vom Büro Albert Speer & Partner „und in der Nachverdichtung.“ So ließen sich Hinterhöfe aktiviert und entsiegelt, Wohnquartiere ergänzt und behutsam entwickelt werden.
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© Stadt Offenbach

Innenstadt aufwerten

Ein zentrales Element für die Entwicklung Offenbachs ist die Innenstadt, in ihr sehen die Planer den Schlüssel zu allem. Diesen „kompakten Kernbereich“ wollen sie mit gezielt gestalterischen Eingriffen beleben. Zu den Schlüsselprojekten zählen der „Einkaufsrundgang“, der den Wilhelmsplatz mit dem Marktplatz und dem Aliceplatz verbindet. Am Stadthof soll es eine „klare Raumkante“ geben, mehr Gebäude, die die Fläche besser strukturieren und so das Raumgefühl verbessern. So können sich die Planer an der Ecke Herrnstraße/Berliner Straße auch ein Wohnhochhaus vorstellen. Mischgenutzte Blöcke, mit einer besseren Nahversorgung und vor allem mehr Grün soll die Innenstadt auch zu einem attraktiven Wohnort für rund 1.000 neue Einwohner machen. Zudem könnte eine weitere Querung für Fußgänger und Fahrradfahrer die Herrnstraße mit Frankfurt-Fechenheim verbinden und den ohnehin attraktiven Offenbacher Mainbogen, in dem das Büro AS&P „ein echtes Aushängeschild“ sieht, stärken. So sollen auch an anderen Stellen die bestehenden Grünringe der Stadt an den Main geführt werden und das Mainuferband zu einem Identifikationselement machen.

Potential Wirtschaft

Insbesondere für den Offenbacher Osten hat das Büro AS&P viele Ideen entwickelt: So könnte mit nur 900 Meter Straße eine Verbindung der B448 von Bieber zur Mühlheimer Straße geschaffen werden, an deren Trasse ein Radweg bis an den Main nach Bürgel führt. „Im Zuge des `Gesamtpakets Stadtqualität OF Ost´ müsste der Verkehr in Bürgel neu geordnet werden“, erklärt Kornmann, „der Mainzer Ring übernimmt dann den Verkehr der Mainuferstraße. Damit werden die Wohngebiete in der Bieberer Straße entlastet und durch die geplante Renaturierung des Kuhmühlgrabens ist die Anbindung der B448 ein naturneutraler Eingriff.“ Von der besseren Anbindung können die geplanten Gewerbeparks auf dem Alessa-Areal und dem Güterbahnhof profitieren. Ein „Quartier 4.0“ sehen die Planer auf dem Gelände am Ostbahnhof unweit des Innovationscampus an der Mühlheimer Straße vor. Das Gelände liegt schon lange brach und wird als Parkplatz genutzt. Auch hier fehlten den Eigentümern lange verlässliche Rahmenbedingungen, weiß Clouth: „Jetzt ist klar, dass dies kein Wohnstandort werden wird.“ Überhaupt waren fehlende Rahmenbedingungen einer der Gründe für die Initiierung des Masterplan-Prozesses, erläutert der Vereinsvorsitzende: „Viele Investitionen hängen in der Pipeline, weil der langfristige Entwicklungsplan nicht klar definiert war.“ Der Masterplan bringe die Wachstumspotentiale der Stadt auf den Punkt, ergänzt Oberbürgermeister Schneider, „trotzdem müssen wir Ideen entwickeln, wie die Stadt qualitätvoll wachsen kann.“ Am Wohnungsmarkt sei die Stadt innerhalb der Region angekommen, „Das läuft wie Lotte. Aber im Gewerbebereich müssen wir noch ackern.“ Weitere Ansiedlungen wie Saint Gobain im Hafen oder Hyundai am Kaiserlei sind wichtig für die langfristige Prosperität und finanzielle Eigenständigkeit der Stadt: „Urban production und Industrie 4.0. sind in diesem Kontext daher wichtige Schlüsselworte für das `Offenbach von Morgen´“.

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© Stadt Offenbach

InnovationsCampus und Dienstleistungspark

Das ehemalige Produktionsgelände der Alessa ist ohnehin als Gewerbepark vorgesehen und wird auch in Teilen bereits als solcher genutzt. So betreibt der örtliche Energieversorger EVO dort seit 2011 eines der größten Pelletwerke im Rhein-Main-Gebiet und das in Offenbach ansässige VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut ein Zentrum zur Batterieprüfung auf dem 30 ha großen Gelände. Die Planer vom Büro AS&P strukturieren das Gebiet nun in unterschiedliche Sektoren, ein klassisches Gewerbequartier Richtung Ketteler Straße, eine „Vitrine“ entlang der Mühlheimer Straße, das „Mainquartier“ und das „Parkquartier“ an der Friedhofstraße, die durch das „Innovationsband“ in der Mitte verbunden sind. Hier finden sich die Kopfgebäude der Unternehmen, das ehemalige Verwaltungsgebäude soll ein Gründerzentrum beherbergen und hat außerdem noch ausreichend Platz für einen Campus im „Mainquartier“. Der Park mit seinen alten Baumbeständen bleibt als „Alessa Park“ als grüne Oase erhalten. Ein „Gewerbegebiet mit Pep“, das die Arbeitswelt der Zukunft mit denkmalgeschützter Architektur verbindet, könnte dort entstehen, meint Kornmann: „Wir versprechen uns davon große Möglichkeiten.“ Gleiches gilt für das Kaiserlei-Gebiet. Was hier fehlt ist Urbanität, so das Fazit der Planer. Grüne Verbindungen zum Mainufer, kleinteilige Adressen und Sport- und Freizeitmöglichkeiten sollen hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Besonderes Highlight ist der „Park am Nordkap“, der Hafeninsel, Nordend und den „Dienstleistungspark Kaiserlei“ miteinander verbindet. 

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Legitimationsprozess und weitere Schritte

Viele Möglichkeiten, vor allem aber eine Vision für Offenbach. Bei aller Fokussierung auf Wachstumspotentiale war den Verantwortlichen die Einbindung der Bewohner von Anfang an wichtig und zahlreiche Bürger nutzen die Chance, ihre Stadt online oder in diversen Panels mitzugestalten. Mit viel Leidenschaft wurde diskutiert, wurden Ideen entwickelt und verworfen. Befürchtungen, dass mit dem Masterplan ein Gentrifizierungsprozess in Gang gesetzt wird, sehen die Verantwortlichen übrigens nicht bestätigt. „Ganz im Gegenteil“, meint Oberbürgermeister und Planungsdezernent Schneider, „geht es bei all dem um eine behutsame Verbesserung der Sozialstruktur.“ Einen Überblick über das ` Offenbach von Morgen´ können sich interessierte Bürger auf der Internetseite www.masterplan-offenbach.de verschaffen. Dort sind auch die Ergebnisse der jeweiligen Detailgruppen, Eindrücke der beiden Bürgerversammlungen sowie der gesamte Beteiligungsprozess zu sehen. Darüber hinaus sind die Pläne im Foyer des Stadthauses bis Ende Januar der Öffentlichkeit zugänglich. Der politische Legitimationsprozess soll Ende Januar abgeschlossen sein, bis dahin hofft Oberbürgermeister Schneider auf einen positiven Beschluss der Stadtverordnetenversammlung.