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Luftbild Industriepark Offenbach Ost 2010
Luftbild Industriepark Offenbach Ost 2010 © Stadt Offenbach
Die Stadt Offenbach hat erneut erfolgreich die Aufnahme in das hessische Programm „Stadtumbau in Hessen“ beantragt. Am 17. Oktober erhielten Oberbürgermeister Horst Schneider und Matthias Seiler, Bereichsleiter Stadtentwicklung und Städtebau, den ersten Bewilligungsbescheid für die Revitalisierung des ehemaligen Clariant-Geländes von der hessischen Umweltministerin Priska Hinz in Wiesbaden überreicht.
OB Horst Schneider und Matthias Seiler mit Umweltministerin Priska Hinz
OB Horst Schneider und Matthias Seiler, Bereichsleiter Stadtentwicklung und Städtebau, erhalten den Bewilligungsbescheid von der hessischen Umweltministerin Priska Hinz. © Reinhard Berg

Mit den bewilligten 420.000 Euro für das erste Programmjahr startet Offenbach die Vorbereitungen und Planungen für die Umstrukturierung der Werksbrache am Mainufer und die Anbindung an die Verkehrswege. „Die Entscheidung des Landes Hessen für das Clariant-Projekt als Standort für den Stadtumbau verdanken wir unseren Planungszielen: Neue Wege durch und Begrünung innerhalb des Werksgeländes, der Rückbau früherer Betriebserweiterungen in den Kuhmühlgraben sowie dessen Renaturierung“, erklärt Seiler. Das Gelände des früheren Farbwerkes soll darüber hinaus an die B448 angeschlossen werden und eine Verbindung zur Laskabrücke schaffen. Dafür soll aus den Fördermitteln eine Machbarkeitsstudie finanziert werden. „Damit schließen wir eine Lücke im Verkehrsnetz, welche derzeit die Entwicklung im Offenbacher Osten hemmt“, erläutert Oberbürgermeister Horst Schneider.

Werkspark wird zur öffentlichen Grünfläche

Der zu entwickelnde städtebauliche Rahmenplan orientiert sich am bestehenden Masterplan der Stadt Offenbach. So soll das Gelände nach innen und außen erschlossen werden. Eine Erschließungsachse soll für eine Anbindung an den Verkehrsknoten Mühlheimer Straße / Obere Grenzstraße sorgen. Der Werkspark soll zur öffentlichen Grünfläche werden.

Für zehn Jahre kann Offenbach nun jährliche Förderanträge für konkrete Projekte auf dem Clariant-Gelände stellen. Die Höhe der Förderung hängt von den Projekten ab. Im Programm der „Sozialen Stadt“ hat Offenbach für das Mathildenviertel insgesamt zehn Millionen Euro investiert, die zu rund 75 Prozent durch Bundes- und Landesmittel finanziert wurden; beim Stadtumbau auf dem früheren Werksgelände von MAN-Roland werden es bis zum Abschluss des Projektes – voraussichtlich 2018 – insgesamt über vier Millionen Euro sein, die zu über 75 Prozent aus Landes- und Bundesmitteln stammen.

Industrielle Produktion wurde 2010 eingestellt.

Über 160 Jahre lang wurden auf dem Werksareal am Main chemische Farbstoffe hergestellt. Die industrielle Produktion wurde 2010 eingestellt. Das Gelände gehört der Firma Clariant. Sie organisiert den Rückbau der Werksanlagen und stimmt ein Altlastensanierungskonzept mit der Fachbehörde ab. Aktuell befinden sich das Pelletwerk des örtlichen Energieversorgers EVO und kleinere Dienstleistungsunternehmen auf dem Gelände. Auf dem 25 Hektar großen Werksareal sind die meisten Oberflächen versiegelt. An das Straßennetz ist das Gebiet nur über die zentrale Werkszufahrt angebunden. Für einen Anschluss an das Kanalnetz muss das Gebiet erst neu erschlossen werden.

Kuhmühlgraben
Kuhmühlgraben © Umweltamt

Kuhmühlgraben: Bachbett und Aue wieder herstellen

Mit Hilfe der Förderung von Bund und Land will Offenbach das Gelände jetzt attraktiv für Unternehmen und Investoren machen. Der Kuhmühlgraben soll aus seinem Versteck unter dem Werksgelände befreit und das Bachbett sowie die Aue wieder hergestellt werden.

Der Naherholungswert des Mainufers soll wieder gestärkt werden, indem der Uferbereich verbreitert wird. Das Stadtklima verbessern sollen die Entsiegelung von Flächen, neue Grünflächen und Baumpflanzungen sowie die Vernetzung von Biotopstrukturen.

Erhalten bleiben die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude: die ehemalige Fabrikantenvilla und ein historisches Sozialgebäude im Westen, das Verwaltungsgebäude im Norden sowie zwei Werkshallen östlich der Pelletanlage. Geschaffen werden zusätzlich öffentliche Räume mit guter Aufenthaltsqualität – beispielsweise die Fortsetzung des historischen Anlagenringes und die Verknüpfung mit dem Mainufer.

Stadtumbau-Programm wird in Hessen zum zweiten Mal aufgelegt.

Das Stadtumbau-Programm wird in Hessen zum zweiten Mal aufgelegt. Beim ersten Programmaufruf wurde Offenbach bei der Umstrukturierung des ehemaligen MAN-Roland Areals in der Christian-Pleß-Straße gefördert. „Die von uns geschätzten notwendigen Investitionen liegen dieses Mal bei rund 17,5 Millionen Euro, denn das Gebiet ist rund 10 Mal so groß wie das zuvor im Stadtumbauprogramm entwickelte MAN-Roland-Gelände“, sagt Seiler.

Das Programm unterstützt kommunale Investitionen in Planungen, Beteiligungsveranstaltungen, sonstige Projektvorbereitungen und Baumaßnahmen aus Mitteln der Städtebauförderung. Die Kosten teilen sich normalerweise Stadt, Land und Bund zu gleichen Teilen. Offenbach erhält höhere Förderquoten und muss im Schnitt nicht mehr als etwa ein Viertel der Kosten selbst tragen.

Hessen hat für das Stadtumbauprogramm die Ausrichtung geändert: Die bisherigen Programmschwerpunkte lagen auf der Bewältigung des demografischen und wirtschaftsstrukturellen Wandels. 2016 kam als Schwerpunkt die Förderung von Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Anpassung der Kommunen an den Klimawandel dazu.

Werksgeschichte - Infotafeln der „Route der Industriekultur“ (Auszüge)

Ehemalige Entladestelle für Tankschiffe auf dem Clariant-Gelände
© Stadt Offenbach am Main

An der Entladestelle für Tankschiffe wurden flüssige und gasförmige Chemikalien angeliefert und über ein Rohrsystem über die Mainstraße hinweg auf das angrenzende Werksgelände gepumpt.

Das so belieferte chemische Werk war das erste seiner Art in Deutschland. Es ging aus der 1842 von Ernst Sell gegründeten Fabrik hervor, in der Teerabfälle der Steinkohle-Verkokung destilliert, Anilin gewonnen und z. B. Desinfektionsmittel und Mottenpulver hergestellt wurden. Wirtschaftliche Blüte erfuhr das Werk unter Sells Nachfolger Karl Oehler. Er schuf aus dem Teer neue chemische Verbindungen und wurde für synthetische Blau-Farben berühmt, dafür 1862 sogar auf der Weltausstellung ausgezeichnet.

1905 wurde das Werk an die Firma Griesheim-Elektron verkauft und prosperierte weiter. Wesentlichen Anteil daran hatten die Offenbacher Chemiker Leopold Laska und Arthur Zitscher. Sie kreierten Verbindungen mit Naphtol-AS-Farbstoffen, mit denen das Werk verbunden wird und weltmarktführend war. 1925 wurde das Werk in die IG-Farben eingegliedert und war ab 1946 als Naphtol-Werk wieder selbstständig. Dieses wurde 1953 von den Farbwerken Hoechst übernommen, bevor es 1997 an die Firma Clariant verkauft und schließlich 2010 geschlossen wurde.

Ehemaliges Sozialgebäude am Clariant-Gelände
© Stadt Offenbach am Main

Das im Heimatstil errichtete Gebäude beherbergte bis 1975 die Dusch- und Umkleideräume sowie die Kantinen des angrenzenden chemischen Farbwerks. Danach wurde auf dem Werksgelände ein neues Sozialgebäude errichtet. Ursprünglich spiegelsymmetrisch um den –heute den nördlichen Abschluss darstellenden- Zwerchhausgiebel geplant, wurde der zur Friedhofstraße orientierte Hauptbau verkürzt ausgeführt.

Das Sozialgebäude steht stellvertretend für die soziale Verantwortung, die die Industriellenfamilie Oehler, die den Aufstieg des Farbwerks über 50 Jahre lenkte, auszeichnete: Bereits sieben Jahre vor der bismarckschen Sozialgesetzgebung gründete die Firma eine Betriebskrankenkasse, unterhielt eine Unfall- und Krankenstation, beschäftigte einen hauptamtlichen Werksarzt und eine eigene Werksfeuerwehr. Eduard Oehler richtete einen Pensions- und Unterstützungsfonds, eine Werkssparkasse, eine Stipendienstiftung für die Kinder der Werksangehörigen sowie eine weitere für die Krankenpflege armer Kinder ein und ließ in der Mühlheimer Straße Wohnhäuser für seine Arbeiter errichten.

Noch vor der gesetzlichen Regelung eines Betriebsrates gestattete er die Bildung eines Arbeiterausschusses und war selbst Mitbegründer der Berufsgenossenschaft Chemie, deren erster Vorsitzender (Sektion Frankfurt) er war. Dieser verantwortlichen Haltung fühlte sich nach Verkauf des Werkes an die Firma Griesheim Elektron im Jahr 1905 auch der neue Inhaber verpflichtet und ließ das Sozialgebäude errichten.

Ehemaliges Clariant-Verwaltungsgebäude
© Stadt Offenbach am Main

Das Verwaltungsgebäude markiert mit seiner repräsentativen Torsituation seit 1911 den Werkseingang. Die historische Bausubstanz ist im Kern des zweiflügeligen Gebäudes bis heute erhalten, wurde jedoch im Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg grundlegend überformt und weist mit Türen, Laternen, Pförtnerloge und Treppenhaus architektonische Details der 1950er Jahre auf.

Das Gebäude steht für die jüngere Geschichte des chemischen Farbwerkes Offenbach. Nach dem 2. Weltkrieg besetzte zunächst das US-Militär die nicht zerstörten Gebäude des Werks und betrieb dort das „Offenbach Archival Depot“, in dem Raubkunst des Nationalsozialismus gesammelt wurde, um sie den rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben.

Doch bereits 1946 wurde die chemische Farbproduktion unter dem Firmennamen Napthol-Chemie Offenbach wieder aufgenommen und erreichte erneut eine Blütezeit. Um sich aus der Abhängigkeit von der Textilindustrie zu lösen und wirtschaftlich breiter aufzustellen wurde die Naphtol-Chemie Offenbach 1953 in die gerade gegründeten Farbwerke Hoechst AG eingegliedert. Entsprechend fasste in den Folgejahren in Offenbach neben den Naphtol-Farbstoffen auch die Produktion anderer Farbstoffe und von Polyestern, u.a. der Textilfaser Trevira, Fuß. Doch noch bis zu seiner Schließung im Jahr 2010 blieb das Offenbacher Farbwerk bedeutender Standort der Blau-Produktion.

18.10.2016