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Der Strukturwandel machte es für Offenbach essentiell, neues Gewerbe anzusiedeln. Dabei rückte seit den siebziger Jahren das Kaiserleigebiet in den Fokus. Es folgten lange Debatten in Politik und Bevölkerung. Dabei ging es um Frischluftschneisen und Arbeitsplätze. Für www.offenbach.de blickt der frühere Leiter des Amtes für Öffentlichkeit, Matthias Müller, zurück auf die Entwicklung dieses Standortes.

Klimagutachten für Kaiserlei

Ein Klimagutachten des Deutschen Wetterdienstes beendete eine lange, intensive und sehr leidenschaftliche Diskussion in Bürgerschaft und Parlament über die Zukunft des Kaiserlei. Fazit der Expertise, so die Offenbach Post am 10. Mai 1990: „Gegen eine Bebauung des Kaiserleigebietes gibt es unter Einhaltung bestimmter Vorgaben keine klimatologischen Bedenken“. Der wissenschaftliche Befund, so Offenbachs damaliger Stadtbaurat Wilfried Kaib, schaffe eine "wichtige Grundlage für eine ökologisch vertretbare und ökonomisch vernünftige Entwicklung des Kaiserleis".

Die Beurteilung der Auswirkungen einer Bebauung auf Wind, Frischluftschneisen und Temperaturanstieg im Kaiserlei durch den Deutschen Wetterdienst war von den beiden Kernstädten der Region Rhein-Main beauftragt worden. Von dem Ergebnis der Studie machten die Verantwortlichen in Offenbach und Frankfurt die koordinierte Profilierung des Kaiserlei zu einem hochwertigen Wirtschaftsstandort abhängig. Links und rechts der gemeinsamen Grenze sollte hier „ein Büro- und Dienstleistungszentrum von eurozentraler Bedeutung“ entstehen. Bis zu 20.000 Menschen, so die Zielsetzung, sollten einmal hier arbeiten.

Besonders für die Offenbacher Wirtschaftsförderung war die Ansiedlung der Dienstleistungsbranche am Kaiserlei ein vorrangiges Projekt. Der Strukturwandel kostete die Stadt, in der einst Industrie und Produktion dominierten, bis Ende der siebziger Jahre mehr als 10.000 Jobs und viele Millionen an Gewerbesteuereinnahmen. Am Kaiserlei spaltete zwischen Oberrad, der Mainschleuse und dem Nordend die Offenbacher Stadtgrenze wie ein Keil die Frankfurter Gemarkung. Der direkte Autobahnanschluss, eine geplante S-Bahn-Station und die Nähe zum Flughafen, der Frankfurt Messe und dem Bankenviertel waren vor dem Hintergrund der beginnenden Globalisierung der Ökonomie herausragende Standortqualitäten für das Areal. Freilich: Diese Vorzüge konnten optimal nur zur Geltung kommen, wenn die beiden Nachbarn Frankfurt und Offenbach über historische Grenzen hinweg, das Terrain gemeinsam entwickelten.

Zwischen Preußen und Hessen

Der „Grenzgraben“ teilte in der Karolingerzeit den mainischen vom rheinischen Gau, später die Freie Reichsstadt Frankfurt von der Grafschaft Isenburg und schließlich im 19. Jahrhundert Preußen von Hessen. Diese Trennlinie mag über viele Dekaden der Grund von mancher Animosität zwischen den beiden Nachbarkommunen gewesen sein.

Bis Mitte der neunziger Jahre musste an der „Stadtgrenze“ ein neuer Fahrschein in der Straßenbahn gelöst werden. Auch für die gemeinsame Entwicklung des Standorts „Kaiserlei“ waren, trotz vieler Lippenbekenntnisse, die unterschwelligen Gegensätze bis in die 1980iger Jahre nicht immer förderlich. Verlegte eine Firma wie beispielsweise Raab Karcher ihren Sitz auf die andere Mainseite, beschuldigten sich Vertreter beider Kommunen immer wieder illegaler Abwerbungspraktiken.

Die Stadt Offenbach beschloss bereits Anfang der 1930iger Jahren eine Umlegung der Grundstücke im Kaiserlei, Voraussetzung für Straßen und Versorgungsleitungen. Mitte der fünfziger Jahre konkretisierten die Planer das Vorhaben. Der Offenbacher Magistrat entschied, auf den Brachen zwischen Schleuse und den Äckern der Oberräder Gärtner - die ihr Gemüse noch auf die Märkte der Umgebung karrten - eine zweigeschossige Bebauung zuzulassen. Pepsi Cola kam mit der Verwaltung und das Modeversandhaus Medaillon.

Ein kleiner Schuhfabrikant namens Karl-Heinz Reese sagte seiner winzigen Produktionshalle ade, um in dem Gebiet ein Bürohaus zu errichten, das, so musste die Bauaufsicht bald feststellen, die Höhe des genehmigten Rahmens –mittlerweile vier Etagen- überschritt. Dank guter Beziehungen zu den Verantwortlichen kostete die Verfehlung nur 150 Mark.

Auch wenn der spätere Baulöwe Reese Mitte der siebziger Jahre in der Offenbacher City grandios scheiterte, seinem Bürohaus im Kaiserlei folgten bald Unternehmen mit „klingenden Namen“ so die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einer Rückschau am 28. März 1970. Mädler und Canada Dry, Ina Ingenieurdienst, Olympia und Singer, Berberich und Honeywell sowie das Rhein-Main Hotel verlegten Büros oder gar ihren Sitz ins Offenbacher Stadtgebiet in die direkte Nachbarschaft zu Frankfurt. Ein erstes Parkhaus entstand. Zwei Millionen Mark Steuereinnahmen, so die Schätzung, sollten hier bald fließen.

Hochhäuser mit 39 Stockwerken

Im März 1971 veröffentlichte der Magistrat der Stadt Planungen für Hochhäuser mit bis zu 39 Stockwerken für 28.000 Arbeitsplätze. Die Medien nannten damals den Kaiserlei „Offenbachs Manhattan“ oder „Neu Offenbach“.  Die Frankfurter UTO-Grundstücksgesellschaft sicherte sich auf beiden Seiten der geplanten Schnellstraße Frankfurt-Langen, die das Gebiet durchquerte, ein Areal von    40.000 Quadratmeter. Von den ehrgeizigen Plänen blieb aber, auch wegen des Überangebots an Büroflächen in jener Zeit in der Region Rhein-Main, nur ein Teilvorhaben auf der östlichen Seite des Kreisels. In die beiden Bürotürme am Ende der Berliner Straße, die heute wieder leer stehen, zog mit 2.500 hoch qualifizierten Fachkräften die KWU ein.

Dennoch: die nächsten beiden Jahrzehnte waren am Kaiserlei eine Zeit der Stagnation. Die vor allem von Offenbach erhofften Unternehmen mit hoher Wertschöpfung und qualifizierten Jobs kamen nur sehr zögernd, von Ausnahmen wie beispielsweise Honeywell oder der Hartmann AG abgesehen. Viele Grundstückseigentümer warteten mit dem Verkauf wohl auch auf  gemeinsame planerische  Zielsetzungen in einer Übereinkunft zwischen Offenbach und Frankfurt, Voraussetzung für eine nach- wie werthaltige Profilierung des Standortes.

Einigung mit Frankfurt

„Ein Vorstoß der Stadt Offenbach“, so der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Reuter am 5. Februar 1989 auf einer Pressekonferenz, brachte dann den Durchbruch für eine Einigung mit Frankfurt. Der Magistrat der Stadt Offenbach verabschiedete ein Rahmen- und Handlungskonzept für den Kaiserlei.

Kernpunkt des Konzeptes war „eine intensive und konzentrierte Nutzung dieses Gebietes“, auch mit dem Bau von Hochhäusern. Vorausgegangen waren zahlreiche Gespräche zwischen den Verwaltungsspitzen. Denn Frankfurt signalisierte plötzlich verstärktes Interesse an einer Einigung am Kaiserlei. Der Grund: die Nachbarstadt suchte einen Standort für eine Großsporthalle, Voraussetzung für die geplante Olympiabewerbung „Frankfurt 2012“. Ein gemeinsamer städtebaulicher Wettbewerb sollte die Vorstellungen der beiden Kernstädte der Region in Einklang bringen.

Die möglichen Anforderungen Offenbachs an eine künftige Verdichtung des Kaiserlei wurden in den folgenden Monaten Gegenstand einer leidenschaftlichen und bisweilen polemisch geführten Debatte in der Bürgerschaft der Lederstadt. Am Kaierlei werde eine „Geisterstadt“ geplant, so der Vorwurf an die Befürworter einer verdichteten Bebauung. Die Hochhäuser würden das Klima in Offenbach verschlechtern, die Frischluftschneisen kappen und so die Bevölkerung krank machen, konterten die Gegner. Bei 20.000 Arbeitsplätzen drohe hier ein Verkehrskollaps.

Umgekehrt wurden die Anhänger einer moderaten Bebauung als Verfechter einer „Schwarzwaldhäuschenidylle“ verspottet, denen Arbeitsplätze auf einem der wertvollsten Offenbacher Areale egal seien. Am Ende einigten sich die beiden Kommunen auf drei Gutachten. Im Ergebnis bescheinigte der Dortmunder Wirtschaftsprofessor Gerd Hennings dem Kaiserlei ein „idealer Standort für eine urbane Bürostadt zu sein“. Die Vorstellung dort 15.000 Arbeitsplätze zu schaffen sei keineswegs utopisch. Notwendig sei es aber, den Standort beispielsweise durch eine großzügige Grünflächenplanung aufzuwerten.

Die Verkehrsexperten vom Ingenieurbüro Kocks stellten an die Verkehrserschließung des Kaiserlei die Anforderung, dass möglichst 80 Prozent der Beschäftigten mit dem Öffentlichen Nahverkehr  pendelten. Schließlich hatten auch die Experten des Deutschen Wetterdienstes „keine Bedenken gegen die Bürostadt“, wenn gewisse Empfehlungen beachtet werden. Diese seien breite Schneisen in Nord-Süd-Richtung, ein hoher Grünflächenanteil und am Südrand eine möglichst nur dreigeschossige Bebauung. Hochhäuser sollten möglichst nur in der Mitte errichtet werden.

Vom Wettbewerb bis zum Bebauungsplan

Die Ergebnisse dieser Expertisen waren Grundlage eines Wettbewerbs der von den Städten Offenbach und Frankfurt gemeinsam ausgelobt wurde. In Offenbach sagten nun 52 von 71 Parlamentariern „Ja“ zu der Ausschreibung. Neben den Vorgaben der Gutachter legten die Stadtverordneten einen Wohnanteil von fünfzehn Prozent fest. Die S-Bahn sollten mit einem engen Busnetz verknüpft und für nur 40 Prozent der Beschäftigten sollten Parkplätze geschaffen werden.

Auch der Bau der Großsporthalle wurde von den Abgeordneten befürwortet. Eine Jury unter Vorsitz des Stadtplaners Jakob Maurer kürte einstimmig den Entwurf des Frankfurter Architekturbüros D.W. Dreyesse zum Sieger. Die Pläne stellten Oberbürgermeister Reuter sowie die Planungsdezernenten Wilfried Kaib und Dr. Martin Wentz (Frankfurt) am 13. Oktober 1993 auf einer Pressekonferenz vor.

„Ein Hochhaus-Quartett als Markenzeichen“ charakterisierte die Frankfurt Allgemeine Zeitung einen Tag später diesen Entwurf. Der Entwurf ersetzte den Kaiserleikreisel durch eine Kreuzung. An seiner Stelle soll ein baumbestandener Boulevard treten mit einem „Hochhaus-Quartett“ an der Berliner Straße. Im Kernbereich werde in einem etwa vierzig Hektar großem Gebiet Büroraum mit einer Bruttogeschoßfläche von 550.000 Quadratmeter möglich. Insgesamt könnten einmal 21.000 Menschen im Kaiserlei arbeiten.

„Gut Ding braucht Weile“ nannte später Offenbachs Kämmerer und Wirtschaftsförderer, Oberbürgermeister Gerhard Grandke die gemeinsamen Bemühungen Frankfurts und Offenbachs zur Erschließung des Kaiserlei und erinnerte daran wie sich in den späten sechziger Jahren beide Städte an ihrer Nahtstelle gegenseitig blockierten. Auch bis zu einem gemeinsamen Grundlagenvertrag sollte es noch ein langer Weg bleiben.

Motor für Offenbacher Wirtschaft

Frankfurt und Offenbach vereinbaren Entwicklung des Kaiserlei.
Frankfurt und Offenbach vereinbaren Entwicklung des Kaiserlei. © Stadt Offenbach

Erst im Jahr 1999 schlossen die Kommunen eine Vereinbarung zur Entwicklung des Kaiserlei - Grundlage für die Erarbeitung von abgestimmten Bebauungsplänen auf beiden Seiten. Im Jahr 2013 billigte die Stadtverordnetenversammlung Offenbachs die Fortschreibung des Rahmenplans für das Gebiet. Der Römer folgte 2014. Die Bebauungspläne 610 und 614 A erlangten in Offenbach im Jahr 2014 Rechtskraft.

Das Kaiserleigebiet ist seit dem gemeinsamen Wettbewerb mit Frankfurt ein Wirtschaftsmotor für Offenbach. Der koreanische Autohersteller Hyundai bündelte hier seine deutschen und europäischen Vertriebsaktivitäten. Neben der Helaba unterhalten heute viele andere Banken und Dienstleister ihre Rechenzentren und andere Backoffice-Aktivitäten am Kaiserlei, beispielsweise im Alpha- und im Omega-Haus. Jüngst eröffnete in dem Stadtteil ein chinesischer Investor ein Hotel der Luxusklasse.

Auch auf der Frankfurter Seite wurde ein erstes Projekt verwirklicht. Mercedes konzentriert hier künftig alle seine Aktivitäten in der Region. Mit dem Umbau des Kreisels zu einer Doppelkreuzung wird die Stadt Offenbach 18 Hektar zusätzliche wertvolle Gewerbeflächen gewinnen. Gerade rechtzeitig, um der gestiegenen Nachfrage nach dem Einzug der Europäischen Zentralbank am gegenüberliegenden Ufer gerecht zu werden.