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Nach dem Test zur Verkehrsberuhigung am Wilhelmsplatz im vergangenen Jahr haben Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke und Verkehrsdezernent Paul-Gerhard Weiß die Ergebnisse der umfangreichen Befragung durch ein Marktforschungsinstitut vorgestellt.

Oberbürgermeister Schwenke hatte die Offenbacher Stadtmarketinggesellschaft beauftragt, eine Bürgerbefragung durch ein unabhängiges Institut durchführen zu lassen, um ein repräsentatives Meinungsbild der Bevölkerung zur Verkehrsberuhigung zu erhalten und dabei alle relevanten Interessensgruppen zu berücksichtigen. Grundlage hierfür war ein Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 4. Juni 2020. Dieser sah eine dreimonatige Sperrung der beiden Seitenstraßen des Wilhelmsplatzes an Markttagen vor. Während des Testzeitraums, der vom 18. August bis 18. November 2020 (jeweils an den Markttagen von 8 bis 16 Uhr) stattfand, sollten Befragungen von Marktbeschickern, Gastronomen, Einzelhändlern, Anwohnern und Besuchern des Wochenmarktes sowie Offenbacher Bürgern erfolgen und die Umfrageergebnisse evaluiert werden.

Wie der rund 300 Seiten lange Gesamtbericht der Befragung aufzeigt, gibt es eine große Sympathie in allen befragten Zielgruppen für den Wilhelmsplatz. Er ist den Offenbachern wichtig und gefällt. Diese Perspektive wird geprägt durch eine besondere Verbundenheit mit dem Wochenmarkt und der Gastronomie. Der Wochenmarkt wird unter den Befragten als wichtigster Grund für einen Aufenthalt am Wilhelmsplatz genannt, direkt gefolgt von der umliegenden Gastronomie. Auch die soziale Funktion des Platzes spielt neben dem Marktbesuch und dem Einkauf eine Rolle: 10 Prozent der Zielgruppe Bürger gab an, beim letzten Besuch sei das Treffen von Freunden der Hauptanlass für den Aufenthalt gewesen. Detailliert gefragt wurde weiterhin, wie die Menschen den Wilhelmsplatz erreichen, wie häufig sie kommen, welche Angebote sie nutzen und wie viel Geld sie dafür ausgeben.

Wilhelmsplatz Offenbach
© Alex Habermehl

Geteilte Meinungen

Während der Zuspruch für den Wilhelmsplatz und insbesondere den Wochenmarkt sehr eindeutig ausfällt, unterscheidet sich die Wirkung und Beurteilung der teilweisen Sperrung der Seitenstraßen des Wilhelmsplatzes durch die betroffenen Zielgruppen in Teilen signifikant. Bei der Zielgruppe der Besucher und Anwohner gibt es eine deutliche Zustimmung für eine Verkehrsberuhigung. Für eine grundsätzliche dauerhafte Sperrung sprachen sich jeweils knapp mehr als die Hälfte der Besucher und Anwohner aus. 32 Prozent der Anwohner und rund 40 Prozent der Besucher dagegen sprachen sich für eine nur teilweise Sperrung, dann allerdings an Markttagen, aus.

Nur jeder zehnte der Zielgruppe Besucher und Anwohner war grundsätzlich gegen eine Verkehrsberuhigung. Je nach Tageszeit offenbaren die Ergebnisse jedoch differenziertere Beurteilungen. So fiel die Zustimmung der Befragten, die am Morgen (zwischen 7.30 Uhr und 11 Uhr) den Wilhelmsplatz besuchten, signifikant geringer aus als bei den Besuchern, die sich zu einem späteren Zeitpunkt dort aufhielten. Die Mehrheit sieht die Durchführung der konkreten Maßnahmen der Verkehrsberuhigung positiv. 15 Prozent der Marktbesucher vor 11 Uhr beurteilten diese Maßnahme dagegen als „weniger gut“ oder „gar nicht gut“ und vertreten damit eine kritische Sicht, die sich auch in der Umfrage der Gesamtbevölkerung widerspiegelt. Zumindest noch skeptisch zeigten sich in beiden Befragungswellen (vor und während der Sperrung) weitere 9 bzw. 12 Prozent der befragten Marktbesucher am Morgen: Sie antworteten auf die Frage, ob sie die Maßnahmen gut finden, mit „teils/teils“ und legten sich somit nicht eindeutig fest, ob sie die Sperrung begrüßen oder ablehnen.

Die Umfrage zeigte auch: Diese Gruppe am Vormittag gibt pro Kunde durchschnittlich mehr Geld aus als diejenigen Befragten, die später kamen, und sie war häufiger mit dem Auto vor Ort. Grundsätzliche Ablehnung fand die Sperrung der Seitenstraßen bei immerhin der Hälfte der befragten Marktbeschicker und einem großen Teil der Geschäftsinhaber. Auch in dieser Gruppe gibt es einen Anteil, der sich für eine Sperrung ausspricht: Diese teilweise Sperrung solle aber eher in den Abendstunden außerhalb der Marktzeiten stattfinden.

Mit Blick auf diese Ergebnisse sagte Oberbürgermeister Schwenke, man sollte die Zustimmung für die Verkehrsberuhigung nicht ignorieren: „Für mich ist klar: Es sollte jetzt keinesfalls einfach alles so bleiben wie es. Eine Verkehrsberuhigung sollte auf jeden Fall kommen.“ Er gehe davon aus, dass die Ergebnisse nun intensiv politisch diskutiert werden und sich auch die Betroffenen erneut äußern werden.

Dabei warb Schwenke um Verständnis für den jeweils anderen: „Spannend sind am Ende die konkreten Details. Keinesfalls sollte man ausschließlich auf die Lautesten hören. Andererseits greifen wir hier nicht in die größte Problemstelle Offenbachs ein, sondern in den am besten funktionierenden Platz. Da sollte aus meiner Sicht nicht nur die Meinung der Mehrheit zählen, sondern auch die Interessen der Minderheit sollten ernst genommen werden. Denn es geht hier auch um die Existenz der Gewerbetreibenden mit ihren Angeboten vor Ort. Der Wilhelmsplatz ist ein bislang gut funktionierendes Ökosystem, in dem sich alle gegenseitig ergänzen: Erzeugermarkt, Gastronomie und Einzelhandel. Sie alle prägen das besondere Angebot und den einzigartigen Charakter dieses Platzes, den auch Gäste von auswärts stets loben. Und ihre Existenz hängt von einer dauerhaft kommenden Kundschaft ab.“

Ansicht Markthaus am Wilhelmsplatz
© georg-foto.de, offenbach

Aufschlussreiche Umfrage

Wenngleich die Umfrage keinesfalls als abschließender Beweis für einzelne Punkte bezeichnet werden könne, lege sie aber zumindest einige Dinge nahe, so Schwenke weiter. „Der insbesondere von den Beschickern immer wieder vorgetragene Hinweis, das frühe Geschäft auf dem Markt spiele eine nicht unerhebliche Rolle, wenn größere Einkäufe zum Beispiel von Gastronomen erledigt würden, findet jedenfalls Ansatzpunkte in der Umfrage.“ Sollte sich die Kundschaft am Morgen vom Offenbacher Wochenmarkt abwenden, fiele Kaufkraft weg und dann bestünde die Gefahr, dass sich auch das Angebot des Marktes im negativen Sinne verändere: „Viele Wochenmärkte sind schon heute nur noch überwiegend so genannte Fress- und Saufmärkte. Eine solche Entwicklung möchte ich für unseren Wochenmarkt nicht, denn dies wäre auch zum Leidwesen der Gastronomie und des Einzelhandels rund um den Platz: Sie bekämen dann zusätzliche Konkurrenz, statt von den Kunden des Marktes zu profitieren, wie das heute der Fall ist. Deshalb mein Standpunkt: Eine Verkehrsberuhigung ist richtig, für Sicherheit, Ambiente und Umweltschutz, aber die Details sollten unter Wahrung möglichst vieler Interessen abgewogen werden.“

Auch Verkehrsdezernent Weiß erinnerte daran, dass Besucherinnen und Besucher, Kunden und Gewerbetreibende jeweils ganz unterschiedliche Vorstellungen mit ihrem Lieblingsplatz verbinden. „Auch für mich gilt: Alle diese Interessen haben ihre Berechtigung und müssen sich in irgendeiner Form im Ergebnis wiederfinden können. Für die Besucher und die Anwohner stehen Sicherheitsgefühl und Lebensqualität im Vordergrund. Die Geschäftsleute befürchten dagegen eine problematische Parkplatzsituation und damit weniger Attraktivität für die Kunden und Umsatzrückgänge.“ Dass eine Verkehrsberuhigung nun näher rücke, folge den Bedürfnissen vieler Menschen nach mehr Raum, mehr Sicherheit und mehr Lebensgefühl. „Und damit auch einem weltweiten Trend in den Innenstädten, der zusätzlich im Sinne von Umwelt- und Klimaschutz ist.“ Die Ergebnisse zeigten, so Weiß weiter, dass das Fahrrad und die eigenen Füße sehr beliebte und darüber hinaus umweltschonende Fortbewegungsmittel in der Innenstadt seien, auch, um auf den Wochenmarkt zu gelangen. So wurden zusätzliche Fahrradständer als neue Angebote der Stadt von den Befragten am häufigsten begrüßt. Aber: „Ebenfalls deutlich befürwortet wurde kostenloses Parken in den umliegenden Parkhäusern – ein Beleg dafür, dass auch die Autofahrer weiterhin von Bedeutung sind.“

Kompromiss soll gefunden werden

Schwenke und Weiß sind sich darin einig, dass es eine kluge Veränderung geben muss. „Die Umfrage liefert wichtige Hinweise“, sagte Weiß. „Aber am Ende ist es Aufgabe der Politik zu entscheiden, wie sie den Wilhelmsplatz als Ganzes entwickeln will. Wichtig ist mir, dass es eine Lösung gibt, die auch in der Praxis gut funktioniert. Der Versuch im vergangenen Jahr hat deutlich gemacht: Allein ein Schild aufzuhängen, wird nicht reichen.“ Gegebenenfalls müssten technische oder bauliche Lösungen in Betracht gezogen werden. „In den nächsten Monaten wird es Aufgabe der Politik sein, die Details der Veränderung herauszuarbeiten und einen guten Kompromiss zu finden“, so Weiß und Schwenke.

Wesentlicher Stellhebel für einen Kompromiss zur Verkehrsberuhigung könne vor allem die Uhrzeit sein. Auch der Wochentag bis hin zu einer Unterscheidung in den Wintermonaten wie in etlichen südeuropäischen Ländern seien denkbare Stellhebel. „Es gilt Lebensqualität, Sicherheit und eine gute Erreichbarkeit miteinander zu verknüpfen.“ Sie betonten abschließend: „Die endgültige Lösung ist dann am besten, wenn der Wilhelmsplatz ein Platz für alle bleibt und nicht zu einem Platz nur für die Mehrheit der Offenbacher wird. So würde es gelingen, dass dieser Platz so gut funktioniert wie heute und sogar noch an Attraktivität gewänne.“

Hintergründe der Umfrage

Die Befragung erfolgte im Zeitraum von August bis November 2020. Detailliert wurde das Meinungsbild der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu den Themen Bekanntheit/Gefallen Wilhelmsplatz, Mobilitätsverhalten, Einstellung zur Verkehrsberuhigung und wahrgenommene Auswirkungen der Verkehrsberuhigung erfasst. Dabei wurden unterschiedliche Befragungsmethoden eingesetzt, um ein umfassendes Stimmungsbild zu erhalten. Gewerbetreibende und Marktbeschicker sowie Anwohner wurden schriftlich während der Verkehrsberuhigung (KW42-KW45) befragt. Besucher des Wochenmarktes wurden in zwei Wellen (vor und während der Verkehrsberuhigung, KW32+33, KW 41+42) interviewt. Ende November, nach Beendigung der testweisen Sperrung, wurden schließlich 400 repräsentativ ausgewählte Offenbacher Bürgerinnen und Bürger im Rahmen einer telefonischen Umfrage befragt.

5. Februar 2021