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Das Glücksspielangebot in Deutschland ist riesengroß. Zu dem Angebot an gewerblichen Geldspielautomaten sind in den letzten Jahren zahlreiche Anbieter von Sportwetten und Online-Glücksspielen hinzugekommen.

Glücksspiel ist dabei fast von überall aus möglich – vor Ort in Wettbüros, in Sportsbars und besonders einfach über legale Internet-Anbieter. Der fast uneingeschränkte Zugang zum Glücksspielmarkt führt dazu, dass Glücksspiel in der Öffentlichkeit zunehmend als normal wahrgenommen und Risiken verharmlost werden. Insbesondere junge Menschen gelten als gefährdet für die Entwicklung glücksspielbezogener Probleme. Um diese Gruppe besser zu erreichen, hat das Suchthilfezentrum Wildhof im Juli ein Projekt zur Vorbeugung und Frühintervention dieser Probleme ins Leben gerufen. Das Angebot richtet sich dabei an alle Jugendliche und junge Erwachsene, die in verschiedenen sozialen Einrichtungen an Workshops und Gesprächen zum Thema Glücksspiel teilnehmen können. Seit 2008 gibt es im Suchthilfezentrum Wildhof ein spezielles Beratungsangebot für Glückspielerinnen und Glücksspieler sowie ihre Angehörigen (Landesprojekt „Glücksspiel“). Dieses richtet sich jedoch in erster Linie an Erwachsene.

Bürgermeisterin Sabine Groß erläutert dazu: „In Offenbach wurden im Jahr 2018 rund 18,4 Millionen Euro verspielt. Dadurch entstehen im Einzelfall nicht nur finanzielle Schäden, sondern in der Folge oft auch familiäre Probleme. Daher war es mir ein wichtiges Anliegen, dass wir die Präventionsarbeit gegen das Glückspiel erweitern und aufsuchende Arbeit ermöglichen. Dafür stellt die Stadt jährlich 25.000 Euro zur Verfügung. Mit dem Suchthilfezentrum Wildhof haben wir zudem einen erfahrenen und bewährten Partner für die Umsetzung dieser Arbeit an unserer Seite.“

Jugendliche und junge Erwachsene schützen

Ziel des Projekts ist, Jugendliche und junge Erwachsene vor der Entwicklung einer Spielsucht zu schützen. Entwicklungsbedingte und persönliche Risikofaktoren spielen dabei eine große Rolle. Um diese Zielgruppe bestmöglich zu erreichen, soll das Projekt in den jeweils vertrauten Umgebungen stattfinden. „Einrichtungen wie Jugendtreffs, Clubs und Einrichtungen der Jugendhilfe werden vom Suchthilfezentrum Wildhof aufgesucht, um mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen und Berührungsängste abzubauen“, erklärt Sabine Groß.

Geplant sind ebenfalls Workshops an Schulen und Berufsschulen zum Thema Glücksspiel und Suchtrisiken. Auch Sportvereine liegen im Fokus des Projekts, da deren Mitglieder eine höhere Neigung zu Sportwetten haben und häufiger Probleme mit Glücksspielen entwickeln. Da der Anteil Ratsuchender mit Migrationshintergrund hoch ist (bisher 66 Prozent der Ratsuchenden pro Jahr), sollen die bereits bestehenden Kooperationen mit Migrantenorganisationen, Religionsgemeinschaften und Vereinen intensiviert werden. Angedacht sind in den genannten Einrichtungen, Organisationen und Vereinen ebenfalls Schulungen für Mitarbeitende sowie Helferinnen und Helfer. In den sogenannten Multiplikatoren-Schulungen wird Lehrenden, Trainerinnen und Trainern sowie Betreuenden Wissen vermittelt, um in ihrer Arbeit problematische Entwicklungen erkennen und die Jugendlichen kompetent ansprechen zu können. „Mit den genannten Präventionsmaßnahmen sollen Jugendliche und junge Erwachsene über die vielfältigen Risiken aufgeklärt, Lebenskompetenzen gefördert, bei Problemen frühzeitig gehandelt und der Zugang zum Hilfesystem geebnet werden,“ so Groß abschließend.

Hintergrundinformationen zum Glücksspiel

Der Wirtschaftswissenschaftler Ingo Fiedler, der sich seit Jahren mit dem Thema Glücksspiel beschäftigt, gibt an, dass circa 70 Prozent der Umsätze in Spielhallen auf Kosten Spielsüchtiger gemacht werden. Tilmann Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim, kommt bei seiner Analyse auf einen beachtlichen Anteil von 56 Prozent.

Gewerbliche Geldspielautomaten, Sportwetten (insbesondere Live-Wetten) und Online-Glücksspiele gelten als hochgradig suchtpotente Glücksspielformen. Begünstigt wird die Entwicklung von problematischen, beziehungsweise krankhaften Glücksspielverhalten unter anderem durch die hohe Verfügbarkeit der Angebote, niedrige Einsätze, das Auszahlungsintervall, die schnelle Spielfolge und die Verbindung mit persönlichen Interessen. Im Zusammenhang mit Glücksspielangeboten im Internet kommt verschärfend hinzu, dass hier die Altersbeschränkungen umgangen werden können und somit der Jugendschutz nicht gewährleistet ist.

Es gibt eine Vielzahl von simulierten Glücksspielen, zum Beispiel Candy Crush oder Coinmaster, die kostenfrei und ohne Altersbeschränkung im Internet angeboten werden. Dazu gehören auch kostenfreie Demospiele, die Jugendliche zu Echtgeldspielen verführen und ebenfalls Computerspiele, die Elemente mit Glücksspielcharakter haben, beispielsweise „lootboxen“ sowie eSport-Angebote, Counterstrike, Fifa oder League of legends, auf die Wetten abgeschlossen werden können. Bei diesen Angeboten gibt es eine Vermischung von „gaming“ (Computerspiele) und „gambling“ (Glücksspiele), die unter Suchtexperten als Risiko für die Entwicklung einer Glücksspielproblematik gilt. Aber auch durch Besuche mit Freunden, Verwandten und Bekannten in gastronomischen Betrieben, in denen Glücksspielautomaten hängen, werden erste Erfahrungen gesammelt. Die besonderen Licht- und Soundeffekte werden als reizvoll erlebt und aus Neugierde werden das überlassene Wechselgeld oder das eigene Taschengeld eingesetzt.

13. August 2021