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Altenpflege
© shutterstock.com
Wann sollte ein Arzt hinzugezogen werden? Passen die verschriebenen Tabletten zusammen und wie steht es um die Einnahmedisziplin? In der Pflege tätige Personen sollten Antworten auf diese Frage haben. Sie sollten auch kleine Veränderungen sofort erkennen und die zu pflegende Person auch ohne großen Körpereinsatz bewegen können. Alles rund um die Pflege lernen Auszubildende aus Stadt und Kreis in der auf dem Gelände des Seniorenzentrums untergebrachten Altenpflegeschule. Insgesamt 120 Plätze gibt es, 90 für den Beruf des Altenpflegers, weitere 30 in der Altenpflegehilfe. Die Schule hat einen guten Ruf, die Plätze sind begehrt und die Schüler werden schon in ihrer Ausbildung mit Jobangeboten umworben. Insgesamt fünf Lehrkräfte vermitteln, unterstützt durch externe Fachdozenten, im Blockunterricht Pflege, Anatomie und Physiologie, Arzneimittellehre, Kinästhetik sowie Ethik und weitere Inhalte.
„Die Auseinandersetzung mit Krankheiten, Demenz und dem Tod gehört bei pflegenden Berufen immer unbedingt dazu.“ Schulleiterin Gitta Oesch empfängt in ihrem in sanften Gelbtönen gehaltenen Büro, Bilder von Zebras und Giraffen lassen einen Hauch Afrika durch den Raum wehen. Seit Juli 2007  leitet die gelernte Krankenschwester die 1981 gegründete Schule und hat seitdem nicht nur einige Generationen Auszubildender begleitet, sondern auch neue Anforderungen im Lehrplan umgesetzt, sowie die Altenpflegehilfeausbildung in dieser Schule ins Leben gerufen. Verglichen mit der Ausbildungsreform der Pflegeberufe, die 2020 implementiert wird, war dies, so Oesch, „eher kleinere Hürden, die zu nehmen waren“. Denn mit der Reform werden die drei Ausbildungsberufe der Alten-, Kinder,- und Krankenpflege in der Generalistik zusammengefasst . Statt, wie bisher, eine dreijährige Ausbildung mit einem der drei genannten Schwerpunkte zu absolvieren, lernen die Schüler dann in der generalistischen Ausbildung alle drei Pflegeberufe umfassende Inhalte. Das macht die Ausbildung kompakter, Grundlagen der Anatomie und Physiologie, aber auch Tätigkeiten wie beispielsweise Pulsmessen, Wund- und Körperpflege unterscheiden sich in den jeweiligen Einsatzbereichen schließlich kaum. Im dritten Jahr können sich die Schüler dann für einen Schwerpunkt entscheiden oder den Abschluss als Pflegefachfrau beziehungsweise –mann machen. Dieser ist europaweit anerkannt und eröffnet alle Möglichkeiten. Denn nach dem Abschluss, weiß Oesch, ist noch lange nicht Schluss. Auch hier gilt, wie inzwischen überall, die Bereitschaft für das sogenannte lebenslange Lernen als Grundvoraussetzung für das berufliche Weiterkommen und ist sogar vom Gesetzgeber so vorgesehen.

Obstipation - was?

Nach der Ausbildung will Josipa Mrkonjic Pflegemanagement an der FH studieren. Langfristig schwebt der achtzehnjährigen die Tätigkeit als Wohnbereichsleiterin in einer Einrichtung oder als Praxisanleiterin vor. Jetzt allerdings geht sie mit ihren Klassenkameradinnen nochmals die wichtigsten medizinischen Fachbegriffe durch, in der nächsten Stunde schreiben sie eine Klausur. Was war eine Obstipation noch gleich? „Verstopfung“, weiß Mrkonjic wie aus der Pistole geschossen, „Ausbildung läuft“, erklärt sie grinsend. Ursprünglich habe sie Abitur machen wollen, aber sich dann nach einem Praktikum im Pflegeheim neu orientiert. Dumme Fragen oder Kommentare aus ihrem Umfeld habe es nicht gegeben, berichtet sie, ganz im Gegenteil, fanden alle „cool, dass ich meinen Weg gefunden habe und weiß, was ich will.“ Die Arbeit mit alten Menschen sei manchmal anstrengend, gebe aber auch sehr viel und mache Spaß.

So wie Mrkonjic geht es auch den anderen aus ihrer Klasse. Im Oktober  haben sie ihre Ausbildung, meist bei unterschiedlichen Trägern, begonnen und absolvieren jetzt einige Wochen Blockunterricht, um dann wieder Praxiserfahrungen in den Einrichtungen zu sammeln, beziehungsweise das Gelernte anzuwenden. Die drei Ausbildungsjahre verteilen sich auf 2.100 Stunden Theorie und 2.500 Stunden Praxis.

Pflegepuppe
© Stadt Offenbach

"Der richtige Umgang mit dem Körper ist elementar und will gelernt sein“, erklärt Ösch und führt in den Praxisraum im Obergeschoss. Hier gibt es mehrere Pflegebetten, in den Regalen liegen Binden, Windeln und Einmalhandschuhe. In einem der Betten liegt ein Mann und wartet auf seinen Einsatz. Kein Atmen ist zu vernehmen, kein Brustkorb, der sich hebt oder senkt, die Augen sind starr zur Decke gerichtet, der Reißverschluss der Jacke des Trainingsanzugs ist bis ans Kinn hochgezogen. Erst beim Entkleiden zeigt er, was in ihm steckt: Hinter hautfarbenen Klappen und verschiedenen Eingriffen verbergen sich verschiedene Interventionspunkte, die eine ausgebildete Pflegekraft, mit wenigen Handgriffen, managen kann. Den Katheter  wechseln zum Beispiel, die Spritze an der richtigen Stelle im Gesäß platzieren oder einfach bei der Körperpflege unterstützen – der Herr aus Silikon lässt alles geduldig über sich ergehen, schreit nicht, schimpft nicht und gibt keinen Laut. Für den Ungeübten eine Herausforderung, erst recht, wenn es darum geht, die Person aus dem Bett zu hieven oder auch nur umzudrehen. „Wir vermitteln, wie das, ohne den von Berufswegen prognostizierten Bandscheibenvorfall, geht“, sagt Oesch und dreht den „Patienten“ beherzt um. Wer bestimmte Handgriffe und Techniken verinnerliche, könne den Beruf ohne Einschränkung lange ausüben. Zudem, erklärt Oesch , sei die Bezahlung um einiges besser als gemeinhin angenommen. Zwischen 1.040  und 1.300 Euro verdienen Auszubildende in der  Altenpflege im dritten Lehrjahr.

Offenbach am Main, 19. Februar 2019